Baselbieter Leuchtkäfer für städtische Leuchttürme

Das Baselbieter Kulturleitbild liess lange auf sich warten. Ein revolutionärer Wurf ist es nicht geworden.

Es leuchtet in der Kulturlandschaft der beiden Basel, behaupten zumindest die beiden Kulturchefs. (Bild: Anthony Bertschi)

Das Baselbieter Kulturleitbild liess lange auf sich warten. Ein revolutionärer Wurf ist es trotzdem nicht geworden.

Kulturelle «Leuchttürme» müssen gefördert werden. Diese Absicht formulierte die baselstädtische Re­gierung vor gut einem Jahr in ihrem Kulturleitbild. Dazu zählte man international ausstrahlende Institutionen wie das Theater Basel, das Kunstmuseum oder Festivals unterschiedlicher Sparten.

Im Kanton Baselland will man im kryptisch «leitbild_kultur.bl» benannten Papier nicht von Leuchttürmen sprechen, weil es nicht einfach sei, «so etwas wie kulturelle Leuchttürme (…) mit (über)regionaler Dimension oder Ausstrahlung zu bezeichnen» – und tut es dann trotzdem, indem man zum Beispiel die Römerstadt Augusta Raurica oder das Kloster Schönthal zu ebensolchen erhebt.

Doch als wollte man deren Leuchtturmcharakter gleich wieder schrumpfen lassen, stellt man ihnen «Flaggschiffe» zur Seite oder bezeichnet «kulturelle Fixpunkte mit Nischen­charakter» als «Leuchtkäfer». Das klingt putzig und passt irgendwie zu diesem Leitbild, das wie das städtische Äquivalent nicht viel mehr ist als eine Bestandesaufnahme. Immerhin ist es mit 54 Seiten knapp gehalten – und in einer für jedermann verständlichen Sprache verfasst.

Vergleich, ohne zu vergleichen

Der baselstädtische Regierungspräsident Guy Morin wird nicht müde zu ­betonen, dass Basel sich als Kulturhauptstadt der Schweiz verstehe. Entsprechend gross waren und sind die Worte, die er in Bezug auf die eigene Kulturpolitik wählt.

Im Baselbiet ist man etwas zurückhaltender. Lieber hebt man die kulturelle Vielfalt des Landkantons hervor, die sich auf kantonaler wie auf Gemeinde­ebene finden lasse. Und man versucht, den direkten Vergleich mit dem Stadtkanton zu vermeiden – was allerdings nicht immer gelingt. Etwa wenn es darum geht, die ländlichen Leuchttürme zu rechtfertigen.

Agglomerationskanton Baselland

Baselland sei ein Agglomerationskanton, sagte Kulturdirektor Urs Wüthrich bei der Präsentation des Kulturleitbildes. Aufgrund dieser geografischen Gegebenheiten sei zwangsläufig auch die kantonale Kulturlandschaft urban geprägt.

Dass eine Unterscheidung in länd­liche und städtische Kultur keinen Sinn mache, hat Wüthrich schon immer betont – und damit all jenen Landräten keine Freude gemacht, die im Kulturleitbild eine klare Definition der Begriffe «ländliche Kultur» oder «Volkskultur» sehen wollten. In einem Zusammenschrieb der Diskussionen, die in der Kultur-Tagsatzung im Mai 2011 geführt wurden, werden diese Fragen zwar zu beantworten versucht – sonst sucht man in diesem Leitbild allerdings vergeblich danach.

Haben damit all jene Recht bekommen, die schon im Vorfeld kritisierten, der Landkanton würde sich zu stark nach der Stadt richten? Dass diese Orientierung da ist, lässt sich nach der Lektüre des Leitbildes nicht leugnen. Trotzdem versuchen die Macher in einem «Tour d’Horizon» benannten Kapitel eine ländliche Identität herzustellen und finden diese einerseits in der «Vielfalt, die das kulturelle Leben im Landkanton ausmacht», andererseits in der Funktion des Baselbiets als «Ausbildungsstätte für die Stadt». Ohne die «Ehemaligen» der Baselbieter Schulen gehe «in der ­starken und urbanen Basler Kunst- und Kulturszene nichts (mehr)». Oder um es in den Worten des Baselbieter Kulturchefs Niggi Ullrich auszudrücken: «Der Kanton Baselland fungiert als ‹Campus› für Basel-Stadt, den ‹Walk of fame›.»

Gemeinden stehen in der Pflicht

Die Schulbildung, ein Punkt, der im städtischen Kulturleitbild komplett ausgeblendet wurde, nimmt im Baselbieter Pendant eine zentrale Rolle ein. Die Jugendmusikschulen und die Gymnasien seien modellhaft, ist hier zu lesen. Lästerhafte Zungen sehen dies möglicherweise darin begründet, dass Bildung und Kultur in derselben Direktion zusammengefasst sind. Viel spannender ist jedoch die Frage, warum denn die Jugendkultur nicht in diesem Leitbild auftaucht und bislang offenbar auch nicht vermisst wurde – ganz anders als etwa in der Vernehmlassung des städtischen Leitbildes.

Möglicherweise erachtet der Kanton die Förderung der Jugendkultur als Auf­gabe der einzelnen Gemeinden. ­Diese nämlich nimmt Liestal im Leitbild deutlich stärker in die Pflicht – «ohne Schuldzuweisungen zu formulieren». Gerade im Zusammenhang mit der Abstimmung über die Subven­tionen ans Theater Basel habe sich ­gezeigt, dass sich das Engagement der Gemeinden in Sachen Kultur in Grenzen halte.
Und die Debatte ist noch nicht zu Ende: In den mehr oder weniger konkreten Programmpunkten für die Jahre 2013 bis 2017, die das Leitbild ebenfalls auflistet, findet sich nämlich auch das Theater Basel. «Sichere und ausreichende Ressourcen für einen Leuchtturm» heisst der Punkt. Da strahlt er also wieder.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 21.06.13

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