Basels kunstvollstes Pissoir

Die Skulptur «Intersection» von Richard Serra auf dem Basler Theaterplatz erzürnt seit Jahrzehnten Nasen und Gemüter – toll ist sie trotzdem.

Luft anhalten und durch: Klatschend lässt sich «Intersection» wunderbar aushalten. (Bild: Nikki Tomkins)

Die Skulptur «Intersection» von Richard Serra erzürnt seit Jahrzehnten Nasen und Gemüter – toll ist sie trotzdem.

«Achso, die Piss-Skulptur!» heisst es von allen Seiten, sobald vom Serra-Kunstwerk auf dem Theaterplatz die Rede ist. Die wenigsten wissen, von wem sie ist oder wie lange sie bereits hinter dem weitaus beliebteren Tinguely-Brunnen steht. Den meisten sticht sie anstatt ins Auge auch eher in die Nase: Unerträgliche Pinkel-Schwaden sollen sie umgeben, schlimmer als jede Zugtoilette.

Und zugegeben: Wohltuend ist die Luft um Richard Serras «Intersection» nicht. Besonders in den zwei Nebengängen sollten sich empfindliche Gemüter lieber die Nase zuhalten. Und dafür die Ohren spitzen: Gestank hin oder her, akustisch ist die Skulptur nämlich durchaus bemerkenswert:  

Dass sein Kunstwerk zum Pinkelbecken verkommen würde, war sich der amerikanische Künstler Richard Serra bestimmt nicht bewusst, als er im Juni 1992 mit einem Kran vier 20 Tonnen schwere Eisenelemente auf den Theaterplatz hievte. Die Skulptur war ursprünglich nur für eine laufende Ausstellung gedacht und sollte danach wieder abtransportiert werden, alle 80 Tonnen davon. Serra und sein Galerist waren aber vom Theaterplatz als Standort so überzeugt, dass sie beschlossen, die Skulptur der Stadt für den Marktpreis von einer Million Dollar zu überlassen.

«Baselstädtisches Serra-Desaster»

Also bildete sich ein Komitee, das die Bevölkerung davon überzeugen wollte, sich mit Spenden an der Skulptur zu beteiligen, die danach als Schenkung zuhanden der Öffentlichen Kunstsammlung entgegengenommen werden sollte. Mit kleinen Beiträgen ab 100 Franken war man dabei.

Während sich das Komitee Stück für Stück sein Budget zusammensammelte, kriegten sich die Befürworter und Gegner ordentlich in die Haare über die Notwendigkeit dieses wahlweise «Kunstwerkes» oder «Horrorgebildes»: Jacques Herzog mochte zwar die Skulptur, fand jedoch die Terrasse als Standort unmöglich, der damalige Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen sprach vom «Baselstädtischen Serra-Desaster», der ehemalige Direktor des Historischen Museums, Burkhard von Roda, wollte lieber eine Wiese als Standort und in den Leserbriefspalten der BaZ erzürnte man sich über das furchtbare «Gusseisenmonster» vom Theaterplatz.  

Sujet der Fasnacht 1994

Das Gezanke war von solcher Intensität, dass das Comité beschloss, den Disput zum Sujet der Fasnacht 1994 zu machen, unter dem treffenden Motto: «Que Serra?». Auf der Fasnachtsplakette waren Guggen zwischen den massiven Stahlwänden der Skulptur zu sehen und die Cliquen gaben in den Schnitzelbänggen ihren Senf zum Zankapfel des Theaterplatzes dazu, wie beispielsweise die «Däigräschte»: 

Serragduell isch doo die Roscht-Staffage
Das gruusig Pissoir vom Theaterblatz.
(E Leesig wäri – sisch e bitzli gspunne –
Doch miechts denn unseri Auge wider froo;
Me miesst das Stigg dert bim Theaterbrunne
Vom Christo dezänt yyphagge loo).

Doch die Spender schienen den Unmut der Cliquen (wobei längst nicht alle negativ eingestellt waren) nicht zu teilen: Nach wenigen Monaten hatte das Serra-Komitee das Geld beisammen und übergab «Intersection» als Schenkung von 272 Bürgern der Regierung des Kantons Basel-Stadt und im September 1994 wurde die Skulptur endgültig eingeweiht.

 




Und seither steht sie da, als «Intersection» – als Schnittpunkt aufeinanderprallender Vorstellungen, aber auch als Übergang in einen pausenähnlichen Zustand fern vom Alltagsfluss, wie es der Kunsthistoriker Gottfried Boehm einst so schön in einem Essay zu «Intersection» ausdrückte: «[Der Zuschauer] sieht sich in einen Zustand versetzt, in dem der alltägliche Lebensfluss unterbrochen scheint. Er hat die Chance, sich selbst zu begegnen, ein Sterblicher, dessen Hoffnung darin liegt, dass ihm definitive Grenzen gesetzt sind.»

«There’s not much you can do to hurt it»

Richard Serra arbeitet mit Massen und Gewichten, die die Menschenkraft überschreiten und schafft so monumentale Gebilde, die, wenn man sich durch sie hindurch bewegt, das Befinden von Raum und Zeit verklären. Die Zeit in einem Serra fühlt sich verschoben an, unstet, wie der Hall der Stimme, der sich je nach Standort dumpf und matt oder hell und vibrierend anhört. Eine Art «stimulierende Verunsicherung der Orientierung» wie es Franz Meyer, der frühere Direktor der öffentlichen Kunstsammlung Basel, treffend formulierte.

Stimulierend scheint es auch für die Tagger zu sein, die regelmässig die Skulptur mit Graffiti versehen. Den Künstler stört das gar nicht:  «I mean people sit on it, write on it, piss on it, you really can’t hurt it, I mean you can graffiti the fuck out of it, there’s not much you can do to hurt it», meinte Serra 1998 im Coagula-Magazin. Da ging es zwar um eine andere Skulptur, die Message bleibt aber dieselbe: Das Umfeld darf mit einem Serra interagieren, soviel es will.




Nur verschieben ist nicht gestattet, auch nach 20 Jahren nicht: LDP-Grossrat Heiner Vischer (der 1994 am Kauf der Skulptur beteiligt war) lancierte unlängst einen Vorstoss, in dem er die Regierung bat, einen anderen Standort für das «Pissoir» in Betracht zu ziehen. Serra war damit gar nicht einverstanden: Mit einer Standortverschiebung würde die Skulptur seine Autorschaft verlieren, meinte der Künstler angesichts der Debatte. Das Kunstwerk wäre dann kein Kunstwerk und erst recht kein Serra mehr.

Und so kommt es, dass das Monumentalwerk, der Schrotthaufen, das Monster, wie auch immer man diese kolossale Skulptur auch nennen mag, wohl auch noch 20 weitere Jahre die Gemüter und Nasenhöhlen erzürnen wird – ganz im Sinne des Künstlers, der einst meinte: «Ich möchte Räume konstruieren, die uns ein wenig mehr davon erfahren lassen, wer wir sind, damit wir alle anders werden können, als wir sind.» Und wenn das nur mittels Streiten oder Urinieren geht, dann hat Serra auch kein grosses Problem damit.

Alle in der Serie «Kunst am Wegrand» erschienenen Artikel finden Sie auf der Themen-Seite Kunst am Wegrand.

Konversation

  1. Mit der Skulptur per se hab ich kein Problem, mit dem Standort allerdings schon. Der geräumige Vorplatz vor dem Eingang zum Hauptgebäude des Theater Basels wird zugemauert. Die Tatsache, dass die Skulptur verrostet ist und nach Urin riecht macht’s auch nicht besser.

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    1. Sie Banause: Die Skulptur ist nicht verrostet, der Rost IST die Skulptur! (Kein Witz: Serra lässt seine Eisenteile nicht einfach so vor sich hin rosten, sondern er appliziert ganz gezielt Säure, um sie auf eine ganz bestimmte Art rosten zu lassen. Jeder und jede mag davon halten, was er oder sie will.)

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  2. Kunst ist dann Kunst, wenn sie dazu erhoben wird

    Für mich persönlich ist dieses Kunstwerk keine Bedürfnisanstalt.
    Wenn man aber davon ausgeht, dass 80 % der Bevölkerung darin eine fehlplatzierte öffentliche Toilette sieht, sollte man diesen Ort optimieren.
    Kunst kann nicht immer bis ins Letzte vom Erschaffer durchdacht werden. So wusste z.B. Jean Tinguely nicht, dass bei eisigen Temperaturen, sein Brunnen am Theaterplatz solch bizarre Formen annehmen würde und er hatte es auch nicht geplant (weiss ich aus verlässlicher Quelle)
    Wenn wir also ein Kunstwerk dort stehen haben und es weitere Funktionen erfüllt, als der alleinige Sinn eines Kunstwerkes, dann sollte man eine (für den Betrachter) unsichtbare Nut in die obere Kante fräsen und mit einer Wassereinspeisung bestücken, damit eine Wasserwand über der Eisenwand entsteht. Nun stellt man die Skulptur auf Roste, mit einem Abfluss und schon ist dem Kunstwerk eine Funktion hinzugefügt worden, die niemandem wehtut, für ein schönes Geräusch sorgt und nicht mehr stinkt. Es könnte alles so einfach sein!

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  3. Wie wärs mit 3D-Live-Übertragung „Piss-TV“ ins Internet? Dann hört diese Schweinerei von alleine auf. Anfangs wurde an der Platzecke ein Mobil-Pissoir gesichtet, welches jetzt oben an der Theaterwand-Ecke steht Nähe Treppe. Die Bodensenkungen innnerhalb der Plastik machen die S…. ei noch schlimmer.

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    1. Ess isch e so „Wahrsager“- wu sie rächt hän… ych mein de gröschti Saich ladet zum degegesaiche halt au grad ii – ischs nit so ?
      Im übrige- die „Rhytmische Handbewegige“ vu de Frau Gregoris, sin wohl nit so sehr im akustische Erlebnis gschuldet als vielmeh de Iisicht dass me demit d Mugge cha verschüüche- han i nit rächt Frau Gregoris ??

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