Beklemmende Abgründe des Menschlichen

Eine scharfsinnige Neudichtung, eine präzise Inszenierung und eine vortreffliche Ensembleleistung: Gerhart Hauptmanns «Vor Sonnenaufgang» im Basler Schauspielhaus ist ein grosses Theaterereignis.

Auseinandergedriftet: Der Schwiegersohn Thomas Hoffmann (Michael Wächter) wird von seinem Jugendfreund Alfred Loth (Simon Zagermann) heimgesucht. Links im Hintergrund Pia Händler als Helene. (Bild: Sandra Then)

«Man kriegt die Menschlichkeit vom Menschen halt nicht weg», sagt der Arzt Peter Schimmelpfennig (Thiemo Strutzenberger). Sein zutiefst pessimistisches Bild der mittelständischen Vorstadtgesellschaft lässt beim unerwarteten Besucher Alfred Loth (Simon Zagermann) den letzten Rest seines eh schon schwach gewordenen Glaubens an die Veränderbarkeit der Menschen schwinden.

Die Begegnung dieser beiden Aussenstehenden ist eines der vielen packenden Momente des dreistündigen Theaterabends, der vom Premierenpublikum mit frenetischem Applaus verdankt wurde.

Krankheitsbilder der neoliberalen Gesellschaft

Auf dem Programm steht das Erstlingswerk «Vor Sonnenaufgang» des Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann. Aber nicht das 1889 uraufgeführte Original, das den Zerfall einer zu viel Geld gekommenen Bauernfamilie aufzeigt, sondern eine Neudichtung des Sozialdramas: Dramaturg und Autor Ewald Palmetshofer hat den Plot in die Gegenwart übertragen.

Zu erleben sind die Krankheitsbilder der neoliberalen Gesellschaft am Beispiel einer Mittelstandsfamilie in der Agglomeration. Nicht der Alkoholismus zersetzt das Familiengefüge, wie bei Hauptmanns Vorlage, sondern die Zivilisationskrankheit Depression – der «grosse schwarze Hund», der auf den Figuren sitzt, wie der Arzt sagt. 

Palmetshofer hat einen Text geschrieben, der unter den oberflächlich beiläufigen Begegnungen der Figuren Auseinandersetzungen grosser Schärfe durchblitzen lässt. Die naturalistische Sprache ist mit sarkastischen Kommentaren durchsetzt, die im Publikum auch für Lacher sorgen. Oder die zwischenzeitlich die Flucht in die Distanz eines befreienden Lachens eröffnen, bevor man sogleich wieder in die Niederungen der gnadenlosen Sektion des schrecklichen Familienbildnisses hinuntergerissen wird.

Phantastisches Ensemble

Regisseurin Nora Schlocker vertraut auf den packenden Text und setzt ihn im postmodernen Puppenhaus, das die Ausstatterin Marie Roth geschaffen hat, mit grosser Präzision und einem herausragenden Gefühl für Figurenkonstellationen und packende Momente um. Das funktioniert aber nur so gut, weil auf der Bühne ein phantastisches Schauspielensemble zu erleben ist. 

Neben den oben genannten Figuren ist da die wohlhabende Mittelstandsfamilie mit Vater Krause (Steffen Höld), der sich eine Überlebensstrategie mit Alkohol geschaffen hat, und seiner zweiten Frau Annemarie (Cathrin Störmer), die vergeblich versucht, den Zersetzungsprozess aufzuhalten.

Da sind der Schwiegersohn Thomas Hoffmann (Michael Wächter), der sich in der Familie eingenistet hat und zum Gefangenen der verderbten Konstellation geworden ist, und seine hochschwangere Frau Martha (Myriam Schröder), die unter Depressionen leidet. Nur die zweite Tochter Helene (Pia Händler) lässt trotz ihrer sarkastischen Abgelöschtheit zwischenzeitlich noch so etwas wie Lebensmut aufblitzen, der aber rasch wieder erlischt. Die Sonne geht auf und wirft ihr gleissendes Licht auf die zerstörte Gesellschaft.

Ein grosses Schauspielfest

Autor, Regisseurin, Ausstatterin und das Ensemble tragen ohne Ausnahme dazu bei, dass der Abend zum grossen Schauspielfest wird. Eines, das einen nicht so schnell loslässt. Das hat sich an der Premiere gezeigt. Nach dem finalen Blackout blieb es eine gute halbe Minute beklemmend still im Zuschauerraum, bevor dann schliesslich der tosende Applaus ausbrach.

Hingehen!

Theater Basel: «Vor Sonnenaufgang» von Ewald Palmetshofer (nach Gerhart Hauptmann). Im Schauspielhaus. Weitere Vorstellungen bis Ende Januar 2018.

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