Bühnen für fast alle und alles

Poeten, Gewichtheberinnen, Musikanten: Wer etwas darzubieten hat, geht auf Basels offene Bühnen. Es gibt eine ganze Reihe von Open-Mic-Veranstaltungen, und die Nachfrage steigt.

Die Organisatorin Julia Schallenberger moderiert im Café Frühling die «VorlesBar». (Bild: Brendan Bühler)

Poeten, Gewichtheberinnen, Musikanten: Wer etwas darzubieten hat, geht auf Basels offene Bühnen. Es gibt eine ganze Reihe von Open-Mic-Veranstaltungen, und die Nachfrage steigt.

Eine junge Frau steht vor dem sitzenden Publikum, ein verlegenes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie setzt sich auf einen Barhocker. Ihre Hände halten ein Blatt Papier. Die Hände zittern leicht. Sie beginnt, ihren Text vorzulesen.

Das Publikum schaut sie aufmerksam an, vereinzelt lächeln ihr Gäste aufmunternd zu. Die Atmosphäre ist intim und entspannt. Nach dem Vorlesen erhebt sich die junge Frau, es wird geklatscht.

Diese Szene spielte sich im Café Frühling ab. Die Veranstaltungsreihe heisst «VorlesBar». Jeder, der selber Texte schreibt, ist dort willkommen. Die Veranstaltungsreihe ist eine der jüngsten offenen Bühnen in Basel.

Jeweils um halb acht Uhr abends am Freitagabend beginnt die Veranstaltung. Die Atmosphäre ist dank dem gedimmten Licht und den Kerzen sehr angenehm, das Publikum ist altersmässig durchmischt und interessiert – und auch abends wird im Café fleissig Kaffee getrunken.

«In Bern habe ich früher immer wieder in einem Lesesessel gelesen», sagt Julia Schallenberger, die Organisatorin der «VorlesBar». Die Idee hat die Organisatorin mit ihrem Umzug nach Basel mitgezügelt. Um im Frühling vorzulesen, muss man sich anmelden (pro Abend maximal fünf Leute) und einen Text zu einem vorgegebenen Thema mitbringen, zum Beispiel als Letztes «Wölfe im Schafspelz» und am 27. März «Flausen im Kopf».

Erlaubt ist alles, was Text ist

«Ich habe ein geregeltes Format gesucht», sagt Schallenberg zur Anmeldepflicht. Dazu gehört auch die Moderation der Organisatorin und die zeitliche Planung. Zehn Minuten haben die Literaten zur Verfügung, vorgetragen werden darf alles – sei es eine Erzählung oder ein Gedicht. So erwartet die Besucher von Termin zu Termin dasselbe Gefäss mit unterschiedlichen Inhalten.

Open Mic oder zu Deutsch offene Bühne ist eine Veranstaltungsform, bei der jeder mitmachen darf. Ob Profi oder Anfänger ist egal. Die Rahmen der Veranstaltungen variieren. Bei manchen offenen Bühnen herrscht Anmeldepflicht (wie überall in Basel). Ausserhalb der Stadt gibt es auch sogenannte «Walk-in»-Bühnen – jeder kann kommen und spontan auftreten ohne festen Zeitrahmen.

Auf diesem Hocker werden die Texte in der «VorlesBar» vorgetragen.

Auf diesem Hocker werden die Texte in der «VorlesBar» vorgetragen. (Bild: Brendan Bühler)


Mehr als Text bietet die offene Bühne im Engelhof an. Seit elf Jahren organisiert Julian Mettler die Veranstaltung, Daniela Dill und Hannes Flück stiessen später dazu. «Julian begann mit einem Studenten-Kino, dachte sich aber dann, dass eine offene Bühne was Cooles wäre», sagt Flück. Das war 2003, Open Mics waren damals in Basel noch nicht etabliert.

Wirklich alles ist erlaubt

Die offene Bühne im Engelhof findet untertag statt. Eigentlich in einem schönen, alten Kellergemäuer, hat der Ort einen praktischen Nachteil: «Leider ist die Decke zu niedrig, so können zum Beispiel Jongleure nur schwerlich auftreten», sagt Flück. Zugelassen ist aber jede Art von Kunst, egal ob Musik, Zauberei oder Comedy. Einzige Einschränkung: «Sexistische oder rassistische Inhalte wollen wir nicht.»

«Einmal hatten wir ein zwölfköpfiges Djembé-Enssemble, das war laut. Ein Nachbar fand es nicht so lustig», sagt Flück. Aus Rücksicht auf die Anwohner sind die Organisatoren nun vorsichtig geworden mit so grossen Gruppen, Bands seien aber nach wie vor willkommen.

Die Künstler haben am ersten Sonntag des Monats eine halbe Stunde Zeit, ihr Programm zu zeigen. Aber auch Kurzentschlossene können spontan auftreten: «Die haben dann einfach nur zehn Minuten Zeit», sagt Flück.

Immer ein Auf und Ab

Dass das Interesse an offenen Bühnen zugenommen hat, ist Flück aufgefallen. «Es gibt eindeutig mehr Veranstaltungen», sagt Flück. Was aber nicht heisst, dass sie ständig mit Anfragen von Künstlern überrannt würden. Es kann auch vorkommen, dass die Organisatoren der offenen Bühne im Engelhof Künstler anwerben müssen.

Auch grössen wie Manuel Stahlberger können im Engelhof angetroffen werden.

Auch grössen wie Manuel Stahlberger können im Engelhof angetroffen werden. (Bild: Brendan Bühler)

Ein Auf und Ab ist es auch im Sud. Bevor es Sud hiess, war es das Sudhaus. Damals gab es eine offene Bühne, die aber einging. Seit rund drei Jahren gibt es eine neue. Der Zauberer Florian Klein, der für die TagesWoche einen Blog schrieb, veranstaltet jeden letzten Sonntag im Monat die Open Stage Night im Sud.

Ursprünglich war es Hilfe zur Selbsthilfe: «Ich wollte regelmässig auftreten», sagt Klein. Mittlerweile gehe es aber nicht mehr nur um ihn. Aber wenn die Zeit reicht, packt er auch einen Zaubertrick aus.

Eine bunte Mischung

Das Format hatte der Organisator in New York gesehen und nach Basel übertragen. «Dort hatte es nur Singer/Songwriter. Ich wollte es variabler haben», sagt Klein. Alles ist erlaubt: Beatboxer, experimentelles Tanztheater, Sänger. Das Besondere im Sud ist der Special Guest. Zu jedem Anlass kommt ein etablierter Künstler, kürzlich zum Beispiel die Schlangenfrau Nina Burri und der Sänger IVO.

So kann sich im Backstage ein Gespräch zwischen dem Profi und den Amateuren ergeben. Wobei Klein erwähnt: «Auch unter den regulären Teilnehmern sind Profis.» Auch er ist der Ansicht, dass sich die Basler Open-Mic-Szene vergrössern wird.

Kinder kommen im Sud günstiger hinein. Aber Organisator Klein lässt auch nicht jugendfreie Inhalte zu: «Die Eltern, die ihre Kinder mitnehmen, wissen was sie erwarten könnte.»



Kinder kommen günstiger ins Sud. Aber Organisator Klein lässt auch nicht jugendfreie Inhalte zu: «Die Eltern, die ihre Kinder mitnehmen, wissen was sie erwarten könnte.»

Kinder kommen günstiger ins Sud. Aber Organisator Klein lässt auch nicht jugendfreie Inhalte zu: «Die Eltern, die ihre Kinder mitnehmen, wissen was sie erwarten könnte.» (Bild: Brendan Bühler)

Dass es nicht allen offenen Mikrofonen so gut geht, zeigt die Breite Bühne im Quartiertreffpunkt Breite. «Wir wollten den künstlerisch tätigen Leuten im Quartier ein Podium bieten», sagt Betriebsleiter Julian Gattermann. «Zwei Jahre lief es richtig gut. Viele Leute haben angefragt und wollten etwas vorführen», sagt Gattermann. Im zweiten Quartal 2013 wurde es schwieriger. Es meldeten sich weniger Leute, und Gewisse sagten kurzfristig ab. «In Basel gibt es ein riesiges Angebot. Die zentralen Orte laufen einfach besser.» Mangels Nachfrage wird das Projekt nun nach drei Jahren beendet.

Nettes, sympathisches Ambiente

Das wahrscheinlich bekannteste Open Mic in Basel findet im Parterre statt. Seit 2006 existiert die Veranstaltungsreihe, bei der «nur» die Musik spielt. Die Idee kam wie beim Sud aus Amerika. «Es kam eine Freundin auf mich zu und fragte, ob wir nicht auch so etwas machen wollten», sagt Thomas Luterbacher, Organisator der Veranstaltungen.

Jeweils an einem Mittwoch in der Mitte des Monats findet das Open Mic im Konzertsaal statt. Pro Abend spielen zwischen sechs und sieben Musiker. Covers sind verboten. Die Stimmung ist entspannt, beleuchtet wird der Raum abseits der Bühne nur von Kerzen. Der Saal ist meistens voll und das Publikum sympathisch.

«Das Publikum ist extrem wohlwollend.» Ausgebuht oder ausgelacht wird laut Luterbacher niemand. Und für die Musiker ist es «eine Plattform, um professionell aufzutreten», wie Luterbacher sagt – denn das Open Mic im Parterre ist eine Institution.

Laut Luterbacher ist die Szene ständig im Umbruch: «Es ist ein Kommen und Gehen. Wir sind stolz darauf, einen langen Atem zu haben.»

So schliesst sich der Gesamteindruck der offenen Bühnen in Basel. Es entstehen neue Angebote, alte gehen ein, manche bleiben bestehen. Wie jenes im Parterre. Oder, um Luterbacher zu zitieren: «Wir sind ein Fels in der Brandung.»

Die offenen Bühnen in Basel

Open Mic: im Parterre, Klingentalgraben 28, jeweils in der Mitte des Monats um 20.30 Uhr, für ein oder zwei Musikanten. Auftrittszeit: maximal 15 Minuten (nächste Veranstaltung am 11. März).
Mitte in die Ohren: Im Unternehmen Mitte, Gerbergasse 30, jeden Mittwoch 19.30 Uhr, bis jetzt nur Musiker, aber gern auch andere Performer (nächste Veranstaltung am 11. März).
Offene Bühne im Engelhof: Nadelberg 4, jeweils am ersten Sonntag des Monats um 20 Uhr, für jede Kunstform zu haben. Auftrittszeit: zwischen 20 und 30 Minuten.
Open Stage Night: im Sud, Burgweg 7, jeweils am letzten Sonntag des Monats um 19.30 Uhr, für jede Kunstform zu haben. Auftrittszeit: zwischen sieben und zehn Minuten.
zeig!: im Jungen Theater Basel, Kasernenstrasse 23, jeweils am ersten Samstag des Monats um 21 Uhr, für jede Kunstform zu haben – aber nur für junge Talente. Auftrittszeit: zehn Minuten.
VorlesBar: im Café Frühling, Klybeckstrasse 69, jeweils am letzten Freitag im Monat ab 19.30 Uhr, nur Texte. Auftrittszeit: zehn Minuten. 

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