Bürgerrat verbannt «Breiviks Erklärung» aus seinem Saal

Seit Wochen war bekannt, dass das Theaterprojekt «Breiviks Erklärung» im Rahmen des Festivals «It’s The Real Thing» im Bürgergemeinderatssaal über die Bühne gehen soll. Jetzt hat der Basler Bürgerrat das Stück mit der Verteidigungsrede des norwegischen Massenmörders Anders Breivik kurzfristig aus dem Stadthaus verbannt.

Im Basler Stadthaussaal nicht genehm: «Breiviks Erklärung» muss kurzfristig in die Gare du Nord ausweichen. (Bild: Thomas Mueller)

Das Stück «Breiviks Erklärung» darf nicht wie ausgemacht im Bürgergemeindesaal über die Bühne gehen. Der Basler Bürgerrat hat das umstrittene Theaterprojekt kurzfristig aus seinem Stadthaus verbannt. Ersatzspielort für das am 19. April angesetzte Stück ist die Gare du Nord.

Milo Rau ist wahrlich kein Vertreter der leichten Theaterkost. Mit seinen Dokumentartheater-Projekten hat der Schweizer Regisseur immer wieder für erregte Gemüter gesorgt, aber auch grosses Lob eingeheimst. Sein Projekt «Hate Radio», das vor einem Jahr in der Kaserne Basel zu sehen war, wurde beispielsweise ans renommierte Berliner Theatertreffen eingeladen. Sein jüngstes Projekt, «Breiviks Erklärung», sorgte in Deutschland und sorgt nun auch in Basel für hohe Wellen: Wie zuvor in Weimar und München verbannte auch in Basel ein Saalvermieter das bereits angesetzte Stück kurzfristig aus seinem Haus.

Beim hiesigen Vermieter handelt es sich um den Basler Bürgerrat. Zehn Tage vor der Aufführung distanzierte sich die Exekutive der Basler Bürgergemeinde kurzfristig vom Stück, wie in der «Basler Zeitung» vom Mittwoch zu lesen ist. «Uns wurde mitgeteilt, dass man im Bürgergemeinderatssaal keinen Text mit rassistischem Inhalt und Hintergrund  sprechen lassen will», sagt Boris Nikitin, Initiant und Projektleiter der Basler Dokumentartage «It’s The Real Thing», in dessen Rahmen das Gastspiel programmiert ist (ein ausführliches Interview mit Nikitin zu seinem Doku-Festival lesen sie hier). Die am 19. April angesetzte Aufführung kann aber dennoch stattfinden: statt im Stadthaus nun neu in der Gare du Nord.

Kein Gespräch gesucht

Dass der Bürgerrat Mühe damit bekundet, den umstrittenen Text in seinem Saal lesen zu lassen, kann Nikitin noch einigermassen nachvollziehen. «Ich habe aber wenig Verständnis dafür, dass man uns kurzfristig absagt, ohne vorher mit uns zu sprechen», sagt er. Tatsächlich wurde den Veranstaltern die Ausladung am Montag per E-Mail und am Dienstag per eingeschriebenem Brief ohne Begründung mitgeteilt. Dies nur wenige Tage, nachdem bekannt wurde, dass das Stück auch in München, namentlich aus dem Haus der Kunst, verbannt wurde.

Im Ersatzspielort Gare du Nord äussert man sich mit betonter Zurückhaltung zum Stück, dem man nun kurzfristig Asyl gewährt hat. «Wir stellen uns auf den Standpunkt, dass man sich im Notfall unter Veranstaltern aushelfen muss», sagt die Mediensprecherin der Gare du Nord, Phöbe Heydt. Ungeachtet davon, ob die Produktion letztlich für gut befunden werde oder nicht, könne es nicht sein, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit einem brisanten Thema abgewürgt werde.

Auszüge aus Breiviks Verteidigungsrede

Inhaltlich handelt es sich bei «Breiviks Erklärung» um eine Lesung von Auszügen aus der Verteidigungsrede, die der rechtsextreme norwegische Massenmörder Anders Breivik vor einem Jahr bei der Gerichtsverhandlung in Oslo gehalten hatte. Regisseur Milo Rau beruft sich beim Text auf Aufzeichnungen von damals anwesenden Journalisten – die restliche Öffentlichkeit und das Fernsehen waren nicht zugelassen. Im Zentrum steht also der Text eines Mannes, der seinen politisch motivierten Massenmord zu rechtfertigen versucht. Von einer Verkörperung Breiviks kann keine Rede sein. So wird die Rede des schrecklichen Rassisten von der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan gelesen. Und im Anschluss an die szenische Lesung folgt eine Diskussion mit dem Regisseur Milo Rau, der Darstellerin Sascha Ö. Soydan und dem Philosophen und Medientheoretiker Boris Groys.

 

Konversation

  1. Nein, lieber Luc, was hier im Forum stattfindet ist keine Kunst. Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber ich kann auf diesen Abend gerne einfach ersatzlos verzichten. Anders gesagt brauche ich kein Reality-TV zu schauen um zu wissen, was ein guter Spielfilm ist.

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  2. So merkt Ihr denn nicht, dass die Kunst hier in diesem Forum stattfindet? Ganz egal ob auch nur einer hingeht, es polarisiert.
    Die Diskussion darüber wo die Grenzen liegen kann kaum etwas entfachen wie es die Kunst macht.

    Somit willkommen in der Vorstellung und weiterhin angeregte Ubterhaltung

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  3. Die Angehörigen der Opfer empfanden die abstrusen Argumente des Massenmörders als Verhöhnung. Muss das auf einer Bühne reproduziert werden? Und warum lässt der Regisseur die Angehörigen nicht zu Wort kommen? Ist das zu wenig geil? Und warum wird betont, dass eine deutsch-türkische Schauspielerin das liest? Das ist doch an sich schon wieder rassistisch? Das ist Effekthascherei und nicht Theater. Ich gehe bestimmt nicht hin.

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  4. der türkischstämmige kabarettist serdar sommuncu – meines erachtens einer der intelligenteseten zeitgenossen in deutschen landen – hat tatsächlich sechs jahre lang in einem bühnenprogramm aus mein kampf gelesen, unter anderem vor jungen neonazis. nach anfänglicher bestürzung erhielt er nebst dringend benötigtem polizeischutz auch fördergelder dafür, die wirkungen waren durchaus interessant, hier auszüge aus einer diskussion darüber: http://youtube.com/#/watch?v=GBxCP981AWc&desktop_uri=%2Fwatch%3Fv%3DGBxCP981AWc

    über wen man sich nun gruseln sollte, wohlig oder unwohl, ist jedem selbst überlassen…

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  5. „Man“ ist ja weltoffen und deshalb für die bedingungslose Freiheit der Kunst. „Man“ wehrt sich deshalb gegen jedwede Zensur. „Man“ geht hin und schaut sich, mit der randlosen Lesebrille auf der Nasenspitze, angewidert-interessiert die Performance an. Sinniert, wie die Darstellung zwischen der ironisierend-distanzierenden Art des Vortrags und der brachialen Gewalt der menschenverachtenden Sprache oszilliert. Klatscht am Ende Beifall – natürlich nur den Darstellern und dem Regisseur, denen es so wunderbar gelungen ist, im Medium der Kunst einen Kontrapunkt zu setzten zum Manifest der Verachtung des Wichts. Geht dann noch einen Schnappen, um im Kreis der Gleichgesinnten den inszenierten Schrecken wonnegrausend im Einerli Weisswein zu ersticken. DAS ist Bünzlitum – einfach intellektuell getrarntes.

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  6. In einer Demokratie darf man Alles. Fast Alles. Natürlich darf man keine Menschen ungestraft umbringen. Schon gar nicht deren 77. Aber man darf sich verteidigen. Man darf sogar Begründen oder Rechtfertigen, warum man 77 Menschen kaltblütig erschossen hat. Zumindest in Norwegen darf man das. Vielleicht könnte Regisseur Milo Rau als Zugabe noch aus Hitlers „Mein Kampf“ vorlesen. Und dazu noch Spaghetti mit einer Sauce aus Hundekot servieren. Er wird garantiert auch dafür noch Anhänger finden. Denn er ist wahrlich kein Vertreter der leichten (Theater)kost, lese ich. Der Basler Bürgerrat hat richtig gehandelt. Irgendwann ist einfach Schluss mit lustig und Provokation. Demokratie hin oder her. Es ist auch ein Hohn und eine ungeheuerliche Provokation aller Opfer und Hinterbliebenen dieses schrecklichen Massakers .

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  7. Hier geht es nicht um die Produktion ob gut oder schlecht, oder die Bühne zur Profilierung eines Regisseurs. Hier geht es um die Ideologie / Rechtfertigung eines kranken Massenmörders. Der Basler Bürgerrat hat mit dem Endzug der Bühne im Stadthaus vorbildlich gehandelt.

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  8. Ich finde diese ganze Inszenierung um/über B (ich kann den Namen nicht hinschreiben), einfach Schwachsinn! Daselbe gilt für die ewigen Hi-Filme in TV u. Kino.Massenmörder schweigt man Tod, aber nicht deren Taten! Ich gehe mir lieber im Kino sozialkritische Filme wie der dänische Film Jagten anschauen. Da bleibt einem der Kloss im Hals stecken, das ist ein wahrliches Spielgelbild unserer westlichen Gesellschaft. Lasst diesen B schmoren wo der Pfeffer wächst und gibt ihm keine Plattform!

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