Daniel Blake macht uns alle zu Leidensgenossen

Mit «I, Daniel Blake» gewann der Regisseur Ken Loach in Cannes die Goldene Palme und in Locarno den Publikumspreis. Der Film zeigt erschreckend lebensnah, wie die Bürokratie ein Leben zerstören kann.

Daniel Blake (Dave Johns) und Katie Morgan (Hayley Squires) halten zusammen.

(Bild: Filmcoopi)

Mit «I, Daniel Blake» gewann der Regisseur Ken Loach in Cannes die Goldene Palme und in Locarno den Publikumspreis. Der Film zeigt erschreckend lebensnah, wie die Bürokratie ein Leben zerstören kann.

Es ist eine triste Welt, die Ken Loach in seinem neuesten Film «I, Daniel Blake» auf die Leinwand bringt: graue Strassen, öde Büros und langatmige Wartesituationen. Mittendrin ist Daniel Blake: ein durchschnittlicher Bürger, der sein Leben lang als Schreiner gearbeitet hat und dies noch möglichst lange tun will.

Doch ein Herzinfarkt drängt ihn in die Arbeitslosigkeit und plötzlich sieht er sich im Kampf mit der bürokratischen Maschinerie. Für einen Antrag auf Krankengeld rennt er von Amt zu Amt und füllt Formular um Formular aus. Alles vergebens – überall stösst er auf ignorante Beamten.

Wir lernen schnell und schmerzhaft: Viel Menschlichkeit hat in dieser Welt nicht Platz. Das Leiden des kleinen Mannes wird plötzlich ganz gross und vor allem ganz konkret.

Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor – die «angry white Men» lassen grüssen. Dieses Jahr haben diese gleich zweimal für überraschende Wendungen in der Politik gesorgt.

Überraschend jedoch vor allem für das linke Kultur-Establishment, meint Christian Jungen in der «LuzernerZeitung». Dieses stecke nämlich in einer isolierten Blase fest und übersehe, was bei den vermeintlich weit entfernten Mittelschicht-Arbeitern tatsächlich abgeht.

Laut Jungen spinnt der neue Loach-Film diese Tradition weiter. Er zeigt dem privilegierten Kinobesucher die romantisierte Version eines Kleinstadthelden, die er sehen will. Aber wenn dann der richtige Kleinstadtheld aus Protest für den Brexit stimmt und Trump zum Präsidenten wählt, schütteln die Intellektuellen den Kopf und verstehen die Welt nicht mehr.



Graue Strassen – Regisseur Ken Loach zeigt uns eine triste Welt.

Graue Strassen – Regisseur Ken Loach zeigt uns eine triste Welt. (Bild: Filmcoopi)

Emotionen und Politik

Jungen hat nur teilweise recht. Natürlich zeigt Loachs Film, wie sich Ärger in der Mittelschicht bilden kann, und natürlich wird trotz dokumentarischem Ansatz eine romantische Vorstellung der Solidarität gezeigt. Wenn sich Blake für die alleinerziehende Kathy und somit gegen die peniblen Regeln des Arbeitsamtes ausspricht, erwärmt sich das Herz des Kinobesuchers. Der Film verlässt seine links-kulturelle Blase nicht und das gefällt uns.

Aber: Der Film ist nicht nur ein Symbol für die verärgerte weisse Mittelschicht. Blakes Geschichte steht auch für ein institutionalisiertes Wirrwarr und hält dem privilegierten Zuschauer einen Spiegel vor, indem sie sagt: Auch du bist gefangen im Bürokratie-Apparat – diese Welt könnte ganz schnell deine Welt werden.

Ausserdem schafft es der Film, ein abstraktes Konzept zu verbildlichen: Dem verwahrlosten Arbeitslosen, der mit Mütze und Spraydose durch die Strassen schlendert, würden wir im Normalfall aus dem Weg gehen. Doch mit Daniel Blake haben wir zuerst Mitleid und hegen dann Bewunderung für ihn. Und vor allem: Wir ärgern uns mit ihm über das System. Der Film macht den Zuschauer zum Leidensgenossen.

Loachs Neuling spricht uns auf einer emotionalen Ebene an und setzt genau damit ein politisches Statement. Eine fast schon populistische Strategie – die funktioniert. Der Film schafft es damit bis an die Downing Street: Labour-Chef Jeremy Corbyn forderte die konservative Premierministerin Theresa May öffentlich dazu auf, sich den Film anzuschauen, der das «institutionalisierte Barbarentum» verbildliche.

«I, Daniel Blake» mag hier und da die Situation beschönigen, schliesslich bleibt ein Rebell wie Blake ebenso die Ausnahme wie die rührende Solidarität mit seinen Leidensgenossen. Doch von Hoffnung strotzt die Geschichte definitiv nicht. Man verlässt den Kinosaal mit einem mulmigen Gefühl – und das ist gut so.

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«I, Daniel Blake» läuft ab dem 8.12. in den Basler Kinos.

Konversation

  1. Ein wunderschöner Film, der voller Empathie und mit eindrücklichen Bildern unser Lohnsklavenleben darstellt. Und denk ja nicht, dass du nicht auch gemeint bist! Wenn dir der Betrieb nämlich nicht gehört, bleibst auch du Lohnsklave bis zur Revolution.

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