Das etwas andere Kunst-Tagebuch: Tag 2

Wie sieht Basel aus am Tag 2 der Art-Woche? Menschen, die nichts mit der Messe am Hut haben (wollen), trifft man an diesem Tag der Insider, VIPs und Auch-noch-Dabeiseienden kaum an.

Besser kann man eigentlich nicht ausdrücken, was die Art Basel noch mit Basel zu tun hat.

Wie sieht Basel aus am Tag 2 der Art-Woche? Menschen, die nichts mit der Messe am Hut haben (wollen), trifft man an diesem Tag der Insider, VIPs und Auch-noch-Dabeiseienden kaum an.

«You are nothing», verkündet eine Leuchtschrift. So fühle ich mich auch, weil meine Redaktionskollegen beschlossen haben, nichts über die Kunstmesse Art zu berichten, sondern sich der Messe von einer anderen Seite her zu nähern. Die Meldung: Millionenumsätze bereits am ersten Tag – «weg damit in den Papierkorb», heisst es.

Aber was nun? Wo sind nur all die Menschen? Die Stadt wirkt da, wo keine Art oder Neben-Art oder Neben-Neben-Art ist, geradezu ausgestorben. Nicht ganz so sehr beim Hotel Des Trois Rois. Vor dem Eingang stehen sich die Luxuskarossen im Weg. Auf dem Trottoir gegenüber sitzen und stehen gut drei Dutzend junger Frauen (und ein paar wenige Männer). Sie beschäftigt vor allem die Frage: Taucht Justin Bieber doch noch auf? Ist er überhaupt in Basel?

«Peinlich, so etwas», meint eine 14-Jährige, die den Ort des sehnsuchtsvollen Wartens eiligen Schrittes passiert.

Man darf alles fragen

Aber ist er nun wirklich da? Auf dem Messeplatz, der um 17 Uhr ziemlich leer wirkt für ein Entrée zur wichtigsten Kunstmesse der Welt, tragen ein paar junge Menschen ein Schild mit sich herum, das sehr offiziell aussieht und auf dem «Ask me» steht. Also frage ich einen davon:

«Darf man Sie alles fragen?»

«Natürlich. Fragen Sie. Das haben mich heute schon so viele gefragt.»

«Was denn?»

«Ob man uns alles fragen darf.»

«Also frage ich Sie: War oder ist Justin Bieber da?»

«Ich weiss es nicht, aber man munkelt es. Man sagt auch, dass Leonardo DiCaprio hier ist. Gesehen habe ich beide nicht. Vielleicht sind sie ja noch drin?»

Ich war auch drin. Ich kam übrigens ohne Schlange-Stehen rein, weil eben nicht viele Menschen da waren um halb vier. Da sind wohl viele der ganz wichtigen Besucherinnen und Besucher – die First-Choice-VIPs – schon wieder weg. An der Scope-Vernissage vielleicht? Oder noch immer drin. Vielleicht mit einem Plättchen «Swiss Raclette» in der Hand. 16 Franken kostet das, ist aber dafür als «Real Cheese» deklariert. Muss man vielleicht, bei einem so internationalen Publikum.



An der Art gibts Raclette mit «Real Cheese»!

An der Art gibts Raclette mit «Real Cheese»! (Bild: Dominique Spirgi)

Nun gut. Bieber und DiCaprio habe ich nicht entdeckt. Dafür viel Blue-Chip-Kunst und erstaunlich viele Werke von Jean-Michel Basquiat, für die viele, sehr viele Millionen bezahlt werden. Es gibt noch einige ohne roten Punkt dran.

Aber halt! Wir haben ja verkündet, nur über das Um-die-Messe-Herum und nicht über das In-der-Messe-drin zu schreiben.

Nur ein paar wenige Worte noch, weil das mit der Um-die-Messe-Herum nicht so richtig klappen will. Eine Gruppe von Promis habe ich nämlich doch gesehen. Bundesrat und Kulturminister Alain Berset liess sich von Art-Unlimited-Kurator Gianni Jetzer zusammen mit Art-Direktor Mark Spiegler, Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamts für Kultur, und Messe-CEO René Kamm durch die Abteilung für grenzenlose Grosskunst führen. Kamm zog seine Schuhe aus, um über einen Eierteppich zu gehen. Der Bundesrat guckt skeptisch zu ihm hin. Eiertanz scheint nicht seine Sache zu sein.



Bundesrat und Messe-CEO.

Bundesrat und Messe-CEO. (Bild: Dominique Spirgi)

Am Raum, in dem sich zwei nackte, aber angemalte Frauen im Sand tummelten – Donna Huanca: «Bliss (Reality Check)» –, sind sie rasch vorbeigegangen. Vielleicht, weil dort so viel fotografiert und gefilmt wurde wie sonst nirgendwo. Sei halt schon ein Hingucker, schrieb ein Kollege der «bz Basel», der ebenfalls gefilmt hatte. Aber diskret.

Lebloser Messeplatz

Nun aber wieder raus. Auch bei der Kunstinstallation «Fun Fair» von Claudia Comte auf dem Messeplatz steht niemand Schlange. Für drei Franken könnte man sich – also auch die Nicht-VIPs – beim Kegeln, Armdrücken, Minigolf und Tanzen vergnügen. Oder sich zum Aff machen, wie der mittelalterliche Herr, der aber zum Glück bald von weiteren Kunst-Tänzern unterstützt wurde. Ansonsten ist nichts los. Die Animatoren stehen sich die Beine in den Bauch.



In der Installation «Fun Fair» auf dem Messeplatz kann man sich zum Tanz-Aff machen lassen.

In der Installation «Fun Fair» auf dem Messeplatz kann man sich zum Tanz-Aff machen lassen. (Bild: Dominique Spirgi)

Aber wo sind nun wirklich die Massen? In der Innenstadt nicht. Die Freie Strasse ist praktisch menschenleer. In der Kunsthalle, dem offiziellen Art-Eat-and-Fun-Place? Da ist um halb sechs noch gar nichts los. Ausser dass bei der verdoppelten Anzahl an Plätzen im Garten bereits für das grosse Abendessen gedeckt ist. Unter Plastik-Zeltdächern, von denen Kronleuchter runterhängen. Und die dafür sorgen, dass auch bei den hitzebeständigsten Gästen der Schweiss in den Vorspeise-Salat tropfen wird.



Das Treibhaus Kunsthalle rüstet sich für den grossen Ansturm am Abend.

Das Treibhaus Kunsthalle rüstet sich für den grossen Ansturm am Abend. (Bild: Dominique Spirgi)

Körpersäfte und andere Ausscheidungen

Jetzt sind wir also bei den Körpersäften angelangt. Diese beziehungsweise andere Ausscheidungen spielen im Werk des subversiven belgischen Künstlers Wim Delvoye, der in einer wunderbaren Ausstellung im Museum Tinguely zu sehen ist, eine Rolle. Am Dienstag war Vernissage. Die Gäste erlebten unter anderem eine Maschine, die normales Essen verdaut und – wie es halt so ist – am Schluss wieder ausscheidet.



«Early Works» von Wim Delvoye.

«Early Works» von Wim Delvoye. (Bild: Dominique Spirgi)

Ist das Kunst? Oder vielmehr ein Kommentar zur Kunstwelt und zum Kunstmarkt? Dieses Werk vielleicht nicht so sehr. Delvoyes «Early Works» aber schon. Der Künstler zeigt in der vielfältigen Schau mehrere Dutzend seiner Frühwerke, die zwischen 1968 und 1971 entstanden sind. Delvoye ist 1968 auf die Welt gekommen, es handelt sich also um Kindergartenzeichnungen. «Was kann Kunst?», fragt Delvoye und gibt zur Antwort: «It keeps rich people busy on the fair and it keeps me busy.»

Ja, Kinder und Kunst. Ein geschätzt fünfjähriger Knabe zeigt sich im Gymnasium am Münsterplatz von der Art-Parcours-Installation «Who am I to Judge, or, it Must be Something Delicious» von Nathalie Djurberg & Hans Berg absolut gefesselt. Obschon diese nicht ganz jugend- oder kinderfrei daherkommt. «Mama, der macht Pipi», kommentiert er ein Video, auf dem ich zumindest eigentlich einen Wasserfall gesehen habe.

Und vor einem anderen Bildschirm muss sich die Mutter Mühe geben, eine kindergerechte Erklärung für die mit Plastilin-Figuren animierten orgienartigen Szenen zwischen Krokodil, Krake und einem Fuchs zu finden. Auch das kann Kunst: Gespräche zwischen Mutter und Kind fördern.

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Konversation

  1. Ich gehe nie an die Art-Basel. D.h. ich gehe in dieser Woche (in der ersten Wochenhälfte ist das beispielweise noch belustigend wegen den Reichen, beispielsweise, wenn ein reiches verladenes Ehepaar von Chauffeur gestützt in die Limousine einsteigt und solche Sachen) manchmal zwischen 23 und 1 Uhr in der Stadt spazieren, die Eindrücke in Relation zu dem, was die Art am Tag eigentlich sein soll, sind dann schon sehr komisch, angenehm befremdend, zuweilen bizarr und abstrakt.

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