Das Gesicht Sotschis

Das Basler Büro iart entwickelt spezielle Projekte für Ausstellungen und Grossanlässe – so wie jetzt bei den Olympischen Winterspielen, wo eine bewegliche Fassade für Aufsehen sorgt.

(Bild: Hufton+Crow)

Das Basler Büro iart entwickelt spezielle Projekte für Ausstellungen und Grossanlässe – so wie jetzt bei den Olympischen Winterspielen, wo eine bewegliche Fassade für Aufsehen sorgt.

Die iart ag ist für das Schattenspiel auf dem Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel zuständig. Das passt irgendwie zur Basler Firma, die gewöhnlich selber im Schatten eines grösseren Namens agiert. Für die Architekten Christ & Gantenbein will sie LED-Lämpchen in die Gebäudehülle streuen, die schattige Ornamente auf die Fassade des Erweiterungsbaus werfen. Für den Londoner Architekten Asif Khan hat sie eine bewegliche Fassade entwickelt, die derzeit in Sotschi die Gesichter der Sportfans um 3500 Prozent vergrössert. Und beim Messebau von Herzog & de Meuron hinterliess sie in Form leuchtender LED-Bänder ihre Spuren.

In der Bibliothek von iart an der Mülhauserstrasse 111 gibt es einen ­langen Tisch, viele Stühle und ein Whiteboard, auf dem Farbschlieren von vergangenen Projekten zeugen. ­Valentin Spiess, gelbes Hemd und Gelfrisur, klappt sein Moleskine-Notizheft auf. Und beginnt zu erzählen: von den Anfängen, von Schwierigkeiten, von Zukunftsplänen. Dazwischen schiebt sich das Rattern der Kaffeemaschine im Nebenzimmer, die an einem Montag besonders begehrt scheint.

Bald schon kommt Spiess auf die Basler Medienkunstszene zu sprechen; Pipilotti Rist, Muda Mathis und andere Vertreter haben 1988 den heutigen Verein VIA gegründet. In dessen Studio ging damals auch Spiess ein und aus. Er war bereits als Teenager ein Technikfreak; es reizte ihn, für die Projekte der Künstler technische Lösungen zu finden. Einmal brachte er ein Sofa zum Tanzen, ein paar Jahre später zwei ­Monitoren zum Fliegen.

iart arbeitet im Spannungsfeld Medien, Kunst und Technologie.

Als diplomierter Elektroingenieur gründete Spiess 2001 das Ingenieurbüro iart für Kunst und Medien; das «i» steht dabei für «Ingenieur», «interaktiv» oder «innovativ» – ganz nach Belieben. Und so funktioniert auch die Firma, die heute 38 Festangestellte beschäftigt. Der CEO spricht von einem «vielseitigen Tätigkeitsbereich»: «Wir arbeiten im Spannungsfeld Medien, Kunst und Technologie.» Alles Weitere sei vom Einzelfall abhängig. «Jedes Projekt ist eine neue Herausforderung – und genau das ist unser Antrieb.»

iart übernimmt die Konzeption, Planung und Umsetzung medialer Lösungen für Museen, Ausstellungen und Architekturprojekte. Im Verkehrshaus der Schweiz etwa ist iart gemeinsam mit dem Atelier Brückner für die multimediale Erlebniswelt «Swiss Chocolate Adventure» zuständig, die im Juni eröffnet wird. Das verlangt auch nach einem ­interdisziplinären Team: Bei iart arbeiten Ingenieure, Architekten, Szenografen, Industriedesigner, Medienwissenschaftler und Künstler – vorzugsweise mit einer «krummen Laufbahn». So braucht Spiess Ingenieure, die eine ­Affinität zu gestalterischen Themen haben, und Künstler mit einem technischen Hintergrund. Von diesen gebe es nicht viele auf dem Markt, sagt er, und wenn, dann seien sie in Berlin oder London engagiert.

Alles unter einem Dach

Allzu grosse Sorgen scheint ihm dieses Faktum aber nicht zu bereiten, obwohl er sein Team gerne auf 50 Mitarbeiter aufstocken würde. Der Chef lacht viel, in seinen Ausführungen schwingen eine grosse Portion Euphorie und Engagement mit. Er darf auch zufrieden sein: iart geht es gut – die Firma muss aus Zeitgründen auch mal Nein sagen. Und iart ist die einzige Firma ihrer Art in Europa, wie Spiess sagt. Andere, ähnliche Firmen funktionierten als Agenturen. Bei iart hingegen läuft alles unter einem Dach zusammen: Für die Fassade in Sotschi etwa hat die Firma die Fotoautomaten gebaut, sie hat die Software entwickelt, sie war um die gesamte Elektronik besorgt, und sie übernimmt die Wartungsarbeiten vor Ort.

Das ist einerseits anstrengend, weil iart in jeder Disziplin «up to date» bleiben muss. Andererseits ist dies der Grund dafür, warum iart manchen ­internationalen Wettbewerb für sich entscheiden konnte. 2005 war die Firma an der Weltausstellung in Japan für Besucherführung, Inhaltsvermittlung und Inszenierung im Schweizer Pavillon zuständig. 2012 realisierte iart zusammen mit Asif Khan den Coca-Cola Beatbox Pavillon an der Sommerolympiade in London. Und an der Expo 2010 in Schanghai wurden iart die Medien­arbeit und die Fassadengestaltung des Schweizer Pavillons anvertraut.



Hat schon Sofas das Tanzen beigebracht: iart-CEO Valentin Spiess.

Hat schon Sofas das Tanzen beigebracht: iart-CEO Valentin Spiess.

An diese halbtransparente Fassade mit den aufblitzenden Leuchtdioden denkt Spiess mit einem Schmunzeln zurück: «Die Chinesen wollten wissen, wo sich der Schalter befindet. Einen solchen gab es aber nicht, das Blitzgewitter war auch nachts unkontrollierbar.» Das gefiel ihm, weil es nicht zur chinesischen Kultur passte. Und das mag Spiess auch an der Fassade in Sotschi: «Sie bildet eine Plattform fürs gemeine Volk und stellt dieses so übergross dar, wie sich Putin gerne gibt.»

Es wird Zeit fürs Mittagessen. Bleibt noch die Frage nach der Zukunft. Als Erstes will Spiess die räumliche Situation der Firma verbessern, die auf mehrere Stockwerke und Liegenschaften verteilt ist. Der neue Sitz soll in ein inspirierendes Umfeld zu stehen kommen. Heisst: ganz nahe bei der Kreativkulturszene, zu der er iart zählt. Er kennt auch schon eine guten Ort. Spruchreif ist das allerdings noch nicht.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 14.02.14

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