Das neue Parterre feiert Feuertaufe

Originelle Raumgestaltung, toller Sound, funktionales Bar-Design: Das sind unsere ersten Eindrücke vom neu eröffneten Parterre. Ein besonderer Gewinn ist die Galerie, von der man auf die Bühne runtersieht.

Originelle Raumgestaltung, toller Sound, funktionales Bar-Design: Das sind unsere ersten Eindrücke vom neu eröffneten Parterre. Ein besonderer Gewinn ist die Galerie, von der man auf die Bühne runtersieht.

Man kann über das Nachtleben in Basel sagen, was man will, aber wer von Stagnation spricht, hat ein Jahr lang Tasmanien bereist. Oder sonst ein Sabbatical genommen. Denn der Ausgang in dieser Stadt steht 2016 im Zeichen der Veränderungen. Ob Dreispitz oder Kleinhüningen, überall hat sich in den letzten Monaten was getan: Im Schiff leuchtet der Nordstern, die Kuppel ist ein Flachbett am Bachbett, das Café Singer im zweiten Frühling, und das Parterre jetzt seine eigene schillernde Number One.

Denn dieses Parterre am Anfang der Klybeckstrasse ist neu eröffnet worden. Ein halbes Jahr lang war der Konzertbetrieb eingestellt gewesen, wurde abgerissen, aufgebaut, ausgebaut, verknüpft und erweitert. Geladene Gäste konnten das Resultat am Samstag, noch geladenere offenbar bereits am Freitag Abend begutachten – bei Cocktails, Häppchen und Live-Musik.

Gute Sache: die Investition in den Sound

Wieviel Geld investiert wurde, lässt sich nur erahnen: Allein die Soundanlage, so munkelt man, habe eine Viertelmillion Franken gekostet.

Das hat sich gelohnt: Nach aussen dringt offenbar so wenig Schall, dass der kantonale Lärmschutzfachmann bei einem ersten Test an seinem Messgerät zweifelte. Auch im Innern wurde ganze Arbeit geleistet. Denn gerade weil man sich im alten Parterre einen transparenten, trockenen Sound gewohnt war, fragte man sich als Musikfan etwas bang: Würde die Akustik auch im Neubau «verheben»?

Doch, die Sache mit dem Sound scheint gut zu kommen: Der Raum wird über ein clever gestaffeltes Lautsprechersystem beschallt, sowohl vor der Bühne als auch oben auf der Galerie haben wir die Livemusik in all ihren Nuancen hören können. Das neue Digitalpult und der Haustechniker Stefan Reinhardt wirken bereits erstaunlich gut eingespielt, die Eröffnungskonzerte des österreichischen Duos Dead Beatz und der britischen Sängerin Holly Golightly jedenfalls haben keine Wünsche offen gelassen, was die Klangqualität anbelangt. Freude herrscht!

«Ein Bekenntnis für die Kultur und fürs Kleinbasel»

«Vor zweieinhalb Jahren habe ich mich erstmals mit den beiden Architekten Focketyn Del Rio getroffen, um mit ihnen über eine bessere, harmonischere Verbindung der Räume zu reden», sagte Geschäftsführer Peter Sterli. Zudem sollten die Räumlichkeiten vielseitig praktikabel sein: Man möchte sich sowohl für Bankette und Hochzeiten wie auch Konzert- und Partylocation empfehlen. Vor allem aber sei dieser Umbau, so Sterli, ein klares Bekenntnis für Kultur, fürs Kleinbasel und fürs Kasernenareal.

Auf das vierte K, das diesen Umbau begleitete, nämlich die weniger harmonische Kündigung der engagierten Konzertveranstalterin Andrea Samborski, ging er mit keinem Wort ein. Wie man hört, hat Sterli vor einigen Tagen den Dialog mit ihr gesucht, um eine punktuelle Zusammenarbeit anzustreben, als Ergänzung zur Booking-Arbeit von Robert Vilim. Tatsächlich tauchte Samborski zur Eröffnungsfeier auch auf. Ein gutes Zeichen für den Club, der nun in einem teuren neuen Kleid erstrahlt, das seine Wirkung aber nur mit einem entsprechenden Klangkörper und einem grossen Herz entfalten kann. 

Die EG-Lounge dient jetzt als gläsernes Fumoir

Eines der Ziele, die Räume miteinander zu verbinden, hat man erreicht: Der Innenhof hat an Grösse gewonnen und lädt neu mit einem Lounge-Bereich zum Verweilen ein – wirkt einladender und freundlicher als zuvor. Dem improvisierten Charme der EG Lounge dürften manche ein bisschen nachtrauern. Das Strandzelt ist einem Raum mit gläsernem Dach gewichen, der als Fumoir des Konzertlokals dient und auch den Charme eines solchen hat. Eklektisch ist hier allein das Intérieur, wo Plastikstuhl-Klassiker von Verner Panton auf eine Holzbank treffen. Eklektisch ist nicht nur die Fülle an Materialien sondern auch an Linien: Die zackig geschnittene Galerie mit Metallgeländer trifft auf einen Podest-ähnlichen Loungebereich unter einer Gipsdecke mit Tropfstein-Look – und führt schliesslich zur hintersten Bar. 

Langweiliges Bar-Design, spannender Bühnenblick

Verdursten wird man im neuen Parterre-Kulturraum sicher nicht. Gleich drei Bars wurden hier eingebaut. Sie strahlen eine kühle Verwechselbarkeit aus, die an Hotelbars erinnert – und das nicht nur wegen der Allerwelts-Biermarken in den beleuchteten Zapfhähnen. Dass beim Bar-Design auf Funktionalität statt Individualität gesetzt wurde, kann man bedauern. («Zu männlich gedacht», so das Verdikt einer Besucherin). Auf jeden Fall wirkt es so, als hätte man sich Bar-ästhetisch eher an gesichtslosen Messe-Gästen denn am bisherigen Konzertpublikum orientiert. 

Ein bisschen unterkühlt wirkt auch der Eingang unter Neonröhren. Dafür aber überrascht nach Eintritt der Konzertraum mit einer tollen Perspektive: Über uns die Galerie, vorne eine Bühne, so hoch wie eine Kirche. Eine schnittige Sache, eine originelle Sicht. Hier hängen auch Leuchter, die Wärme versprechen  – und vorne steht eine Bühne, so erfreulich gross wie die frühere. Das alles führt zu einem erhabenen Raumgefühl. Indem das Parterre mit einer Galerie nun eine Etage hinzugewonnen hat, vergleichen es Konzertfans natürlich mit den Basler Konzertlokalen Kuppel (selig) und Atlantis (reborn). 

Eine Herausforderung für die Musiker

Räumlich ist den Architekten wirklich ein Coup gelungen. Das alte Parterre war eine sympathische, dunkle Höhle, aber vor oder nach Konzerten nicht wirklich ein Ort für eine Aftershow-Party. Das will man ändern. Und auch wenn Party ein strapaziertes Wort ist (zumal man diese in einem Konzertsaal nicht so einfach erzwingen kann): Die neue Multifunktionalität und Räumlichkeit bietet sicher mehr Varianten für Besucher und Veranstalter.  

Die räumliche Kompaktheit von früher hatte allerdings auch einen Vorteil – und zwar für die auftretenden Bands: Das Publikum war ihrer Musik stets sehr direkt ausgesetzt, man konnte sich nicht verkriechen, sondern durfte, ja, man musste lauschen.

Das neue Parterre wird für Musiker eine grössere Herausforderung sein, weil die Zuschauer hier ausweichen können – nach oben auf die Galerie, nach hinten an die Bars. Smalltalks versus Sängerinnen und Sänger: der Kampf ist lanciert. Die Musiker werden das Publikum erobern und vom Plaudern abhalten müssen. Positiv gesagt: Das neue erweiterte Parterre One Kultur wird eine bessere weil härtere Schule für die Singer-Songwriter dieser Welt.

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Nächste Veranstaltungen im Parterre Basel:
Open Mic, Mittwoch, 16.11., 20.30 Uhr.
The Silver Starlings / The Four Million Views, 17.11., 20 Uhr.
Elivor, Marius Ziska, 18.11., 20 Uhr.
Lola Marsh, Nosoyo, 19.11., 20 Uhr. 

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