Der Eigensinn der Eigenheer

Die Basler Künstlerin Marianne Eigenheer mit Zweitwohnsitz in London hat man in ihrer Heimat vergessen. Warum eigentlich?

Ihre Bewerbung an der Basler Kunstgewerbeschule wurde nie beantwortet, also suchte Marianne Eigenheer ihr Glück im Ausland. (Bild: Michael Würtenberg)

Die Basler Künstlerin Marianne Eigenheer mit Zweitwohnsitz in London hat man in ihrer Heimat vergessen. Warum eigentlich?

Manchmal gibt es das: Abseits von grossen Häusern, Art-Rankings und Kunstmessen treffen Dinge zusammen, die mehr künstlerische Überzeugungskraft haben als hundert Diskurse. So etwa im Kunstpavillon Luzern, der unter dem Namen «sic! Raum für Kunst» nebst der o.T.-Galerie von der jungen, neugierigen Kuratorin Nadine Wietlisbach bespielt wird. Sie hat Marianne Eigenheer, die in den 1960er-Jahren in Luzern die Zeichenlehrerausbildung absolviert hat, ermuntert, nach vielen Jahren wieder einmal Wandzeichnungen anzufertigen, die nun für kurze Zeit zu sehen sind. Flüchtig schwebend, als ob sie gerade durch die Fenster oder die Wände des Pavillons hineingeweht wurden, scheinen sie von weit her zu kommen, sehen uralt aus und wirken taufrisch zugleich.

Sie sind unter der Hand der Künstlerin in jeweils einer Bewegung entstanden, und wenn sie übermalt werden, ist ihr Auftritt vorbei – wie ein Spuk. Der Titel kombiniert präzise ihre leuchtende Präsenz mit dem Schatten einer langen Reise, von der sie Marianne Eigenheer mitgebracht hat: «Les guédés dansent encore» heisst die Arbeit, was den Figuren eine kulturelle Herkunft zuweist, die vom Geist und den Göttern des Voodoo erzählt. Jede steht in ihrem eigenen Raum, gleichzeitig sind sie wie mit unsichtbaren Fäden verbunden.
Es ist immer riskant, künstlerische Arbeiten mit ihren Urhebern zu verbinden, man projiziert und bringt zusammen, was sich unter Umständen längst getrennt hat. Im Falle von Marianne Eigenheer lohnt es sich, das Risiko einzugehen. Bei aller Vorsicht gegenüber dem Autobiografischen der Kunst kann von den tanzenden Wandfiguren zumindest die Brücke zur Künstlerinnenvita geschlagen werden.

Das Leben einer Künstlerin

Wir haben keine Modelle für weibliche Künstlerkarrieren in der Schweiz, wir wissen nur: es sind sehr wenige und sie gehören noch immer zu dem, was man unter «Ausnahme» versteht – wie etwa Meret Oppenheim oder heute Pipilotti Rist. In die Kunstgeschichte wird das eingereiht, was sich verkauft und was sich verkauft ist das, was in grossen Einzelausstellungen und Sammlungen gezeigt wird.

So wurden im berühmten Fälscherskandal der Sammlung Jägers ausschliesslich Bilder von männlichen Künstlern gefälscht; Frauen finden sich in dieser herbeigefälschten Sammlung keine – sie waren offensichtlich im Blick der Fälscher nicht wert genug. «Was keine Kunstgeschichte schreibt, lohnt nicht, gefälscht zu werden», schreibt dazu die Kunsthistorikerin Julia Voss in «Texte zur Kunst» mit dem Hauptthema «Feminismus». In den offiziellen Künstlerrankings machen Frauen im internationalen Kontext weiterhin 10 bis 15 Prozent aus, in der Schweiz waren es 2011 im Ranking der «Bilanz» immerhin 20 Prozent. Das entspricht ungefähr ihrem Anteil in grossen Sammlungen; im Bereich von Einzelausstellungen ist der Anteil überall viel kleiner.

Karriere als Akademikerin

Nach hundert Jahren Zugang zu Kunsthochschulen mit steigendem Anteil weiblicher Studierender ist die Frage der weiblichen Künstlerkarriere also kaum als gelöst zu betrachten. Marianne Eigenheer weiss das sehr genau. 1970 hat die Galerie Stampa mit ihr ihre allererste Ausstellung gemacht, in den 80er-Jahren zählte sie zu den wichtigsten Künstlerinnen der Schweiz.

Sie hat nach einem Studium der Kunstgeschichte und Psychologie kuratorisch und publizistisch unter Jean-Christoph Ammann und Martin Kunz am Museum in Luzern gearbeitet, was ihr Interesse für Forschung über andere Künstler und kuratorische Zusammenhänge bis heute prägt. Sie hat seither auf allen Kontinenten ausgestellt, war mit Meret Oppenheim, Nancy Spiro, Maria Lassnig und Louise Bourgeois bekannt, in der Schweiz aber ist sie nur in kleinen Räumen zu sehen und fehlt in grösseren Ausstellungen.

Warum eigentlich? In gewissen Kreisen habe man sie auch mit Vergnügen vergessen, sagt sie. Dass sie neben Basel einen festen Wohnsitz in London hat, mag ein Grund sein. Ausschlaggebend ist aber, dass sie ihr künstlerisches Profil mit intellektuellen Tätigkeiten schärfte; dies gehört nicht zum Nimbus der Künstlerin, der bei Frauen anders als bei Männern ans Geschlecht gebunden bleibt. Als Künstlerin ist man immer Frau, als Künstler ist man Künstler. Als Eigenheer in den 90er-Jahren merkte, dass sie im Kunstbetrieb zwar Beachtung fand, davon aber nicht leben konnte (als alleinerziehende Mutter schon gar nicht), musste sie sich umorientieren. Ihre Bewerbung an der damaligen Kunstgewerbeschule in Basel wurde nicht einmal beantwortet.

Dafür machte sie dann, neben Pia Fries und Silvia Bächli als eine der wenigen Künstlerinnen der Schweiz, eine internationale Karriere im akademischen Kontext. Mit ihrer Lehrtätigkeit in Frankfurt, Offenbach, Stuttgart und Edinburgh hat sie sich auch ein Stück Freiheit bewahrt, sich dem unmittelbaren Diktat des Marktes entzogen und vermieden, was andere tun müssen: die eigene Marke zu reproduzieren. Denn mit ihren Tierzeichnungen hätte sie reich werden können, wenn sie sie weitergemacht hätte. Aber das war nicht möglich, die Tiere mussten in ihr drinnen sein, sonst wäre es nichts als Illustration und Wiederholung, sagt sie. So hat sie sich für den Broterwerb lieber dem Unterrichten zugewandt.

Vorbild und Identifikationsfigur

Aber auch als Kunstprofessorin hat sie gemerkt: Sowohl für das Umfeld wie für die Studierenden spielt es eine Rolle, dass man Frau ist. Man ist Vorbild und Identifikationsfigur für Fragen, die männlichen Kollegen nicht gestellt werden. Zum Beispiel die Frage nach Kindern oder die Frage nach der weiblichen Kunst. Und man lässt aus Verantwortung gegenüber den Studierenden die eigene Arbeit eher liegen als männliche Kunstprofessoren. Als vor einem Jahr für Eigenheer die Frage nach dem eigenen zeichnerischen Werk in aller Dringlichkeit zurückkehrte, war da auch die Sorge, ob dafür noch genügend Kraft sein würde. Nun kann man sagen: Es ist genügend da.

Weibliche Kunst und ein Tiger

Die beiden Wände im Luzerner Kunstpavillon werden beseelt von einer männlichen und weiblichen Figurenwelt. Getrennt und verbunden werden die beiden durch einen Tiger, einmal integriert in die Wandzeichnung, einmal als Videoarbeit aus dem Berliner Zoo auf kleinem Monitor. In ihrem Gespräch mit Hans-Ulrich Obrist, das zur Ausstellung erschienen ist, bezeichnet sie diesen Tiger als Zufall. Er ist aber weder zufällig noch referenzlos, wie Eigenheers Arbeiten mitunter bezeichnet wurden. Auch dass sie früh von Jean-Christoph Ammann das Attribut des Sinnlich-Erotischen zugeschrieben bekam, kann davon ablenken, wie präzis und instinktsicher sie sich im Medium der Wandzeichnung ausdrückt: Was da direkt aus ihrem Körper heraus arbeitet und mit nichts als einem Pinsel Figuren hinzaubert, ist zugleich gesättigt von langen Reisen, vielen Lektüren, einem grossen visuellen Gedächtnis und langjährigen Kulturforschungen.

Die Figuren verraten aber nichts von diesen Referenzen, sondern führen wie kleine Personae ihr eigenes Theater auf: figürlich, dinghaft, tierisch, pflanzlich, menschlich, weiblich, bewacht von einem Tiger, der pauvre bête und poetische Formel in einem ist. Diese souveräne Geste, mit der Eigenheer das Autobiografische der Zeichnung mit weltumspannenden, kulturellen Bezügen verbindet, ist einzigartig und lässt hoffen, dass auch in Basel bald wieder mehr von ihr zu sehen sein wird.

* Silvia Henke ist Professorin für Kulturtheorie an der Hochschule Luzern Design & Kunst und lebt in Basel.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 03.02.12

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