«Der erste Gig wird nicht der beste sein» – Manuel Gagneux über den Tourstart von Zeal & Ardor

Was passiert mit einem unbekannten Musiker, der über Nacht in die erste Liga der Pop-Welt katapultiert wird? Der Basler Manuel Gagneux hat es uns vor seinem allerersten Konzert mit Zeal & Ardor erzählt.

Zeal & Ardor

(Bild: Matthias Willi)

Die Basler Zeal & Ardor wurden mit ihrem Debüt «The Devil Is Fine» zum internationalen Hype. Noch bevor die Band ein Konzert gespielt hat – ja gar existierte – stürzten sich Festivals, Feuilletons und Fans auf den eigensinnigen Stilmix aus Sklaven-Spirituals und Black Metal. Dabei entstand alles aus Spass. Eine Woche, bevor die Band am Karfreitag ihre Bühnentaufe feiert, sprachen wir mit Bandleader Manuel Gagneux.

Manuel Gagneux, ihr spielt am Freitag mit Zeal & Ardor euer allererstes Konzert. Anschliessend geht ihr auf Tournee, die euch durch Europas Hauptstädte und an renommierte Festivals wie das Roadburn oder Reading führen wird. Hast du Schiss?

Schon. Normalerweise spielt man zuerst kleine Gigs, um als Band eine Bühnendynamik zu entwickeln. Für uns war das keine Option. Alles ging zu schnell. Uns kommt ein enormer Goodwill entgegen von den Venues und den Bookern. Ich habe den Anspruch, dass wir dem gerecht werden. Gut zu sein, reicht nicht. Es muss eine gewisse Vehemenz haben. Und das nagt an mir.

Das Album hast du allein eingespielt, die Band formierte sich erst danach. Wie bereitet ihr euch vor?

Wir üben in dieser Besetzung seit September intensiv. Diese Woche hatten wir über mehrere Tage Bühnenproben im Sommercasino, um rauszufinden, wie es läuft, wenn wir uns nicht in die Augen sehen können. Wir haben auch Kollegen eingeladen, um Feedback zu bekommen. Wir sind noch relativ steif, weil wir uns darauf konzentrieren, die Songs nicht zu vergeigen.

Die Songs sind das eine. Aber wie bereitet man sich auf eine Tour in dieser Flughöhe vor, wenn man noch nie zusammen aufgetreten ist?

Ich gehe da stoisch ran. Je mehr ich mir überlege, desto verkopfter wird es. Die Bühnenpräsenz kann man ein Stück weit üben, aber ich will keine Choreografien einstudieren Es soll sich organisch entwickeln. Die ersten Gigs werden nicht die besten sein. Das muss ich akzeptieren. Aber es ist super, dass wir das machen dürfen, und ich freue mich wie ein Schneekönig.

Kaum ein Bandmitglied hat grosse Tourerfahrung.

Stimmt, das ist Neuland für uns. Wir werden 24 Stunden am Tag aufeinanderhocken, und es wird sich eine Dynamik entwickeln, die man nicht vorhersehen kann. Zum Glück sind das alles Freunde von mir.

Dein Debütalbum dauert 25 Minuten, gebucht seid ihr zum Teil für einstündige Shows. Wie füllt ihr diese Spielzeit?

Ich habe eine Breakdance-Einlage eingeübt (lacht). Ich habe neun neue Songs im Stil der Platte geschrieben und mit der Band eingeübt.

Ist es Zufall, dass der allererste Auftritt mit deiner Black-Metal-Band am Karfreitag über die Bühne geht?

Absolut. Aber vielleicht hat sich der Veranstalter Fredy Rotter einen Witz erlaubt.

Das Album heisst «The Devil Is Fine» und du arbeitest mit satanistischen Symbolen. Wie ernst ist es dir damit?

Nicht so sehr. Ich fand es interessant, wie das Christentum den Norwegern und den afroamerikanischen Sklaven aufgedrückt wurde. Dagegen rebellierten die norwegischen Black-Metal-Bands der frühen Neunzigerjahre, nicht so sehr aus Interesse am Okkulten, sondern als späte Trotzreaktion. Daraus entwickelte ich ein Gedankenexperiment: Wie hätte es getönt, wenn die Sklaven in den USA sich dem Teufel zugewandt hätten?

Der Anstoss dazu kam aber von aussen.

Ich hatte im Netz dazu aufgerufen, mir Vorschläge zu machen, welche Stile man mischen könnte. Einer schrieb: Black Metal und «Nigger-Music». Zuerst war ich irritiert. Meine Mutter ist schwarz. Aber dann fand ich das musikalisch interessant und hab das mal ausprobiert.

Gab es auch noch andere Vorschläge?

Aleatorischer Folk, Doom-Bossa, Gabber-Metal und noch andere. Aber die Mischung aus Metal und Black Music reizte mich am meisten.

Zeal & Ardor

Kann es sein, dass du so viele Leute ansprichst, weil du mit Zeal & Ardor bei genauer Betrachtung Pop-Songs im Metal-Gewand machst?

Das trifft es ziemlich genau. Es ist süffiger als andere Metal-Bands. Ich höre auch von Leuten, die keinen Metal mögen, dass sie unsere Musik ganz okay finden. Aber wir sind ja nicht die Einzigen, die so funktionieren. Ghost spielen eigentlich Pop mit ein paar E-Gitarren und einem okkulten Image.

Es gibt ja auch Bands, die das Genre persiflieren. Ist Zeal & Ardor eine Verarsche?

Nein. Ich bastardisiere gewisse Stil-Elemente, nutze sie so, wie ich sie für richtig halte. Aber ich mache es mit Herz. Wenn es nicht so wäre, würde man es mir nicht abkaufen. So ein guter Schauspieler bin ich nicht.

Keine Angst, dass du die tendenziell konservative Metal-Szene mit diesem Ansatz verprellst?

Ich kann meine Pop-Einflüsse ja nicht abstellen.

Die Frage ist doch: Ist das Musik für Metaller oder für Hipster? Machst du dir Gedanken zur Zielgruppe?

Nein. Denn seit ich Musik mache, habe ich diese Gruppe noch nie getroffen (lacht).

Zeal

Du klingst relativ unbekümmert. Aber hinter Zeal & Ardor steht bereits ein beachtlicher Apparat. Da ist das Management, du hast Mitmusiker, die aus ihren Brotjobs raus sind …

Nicht alle. Und sie wissen, dass ich ziemlich sicher noch eine Platte als Zeal & Ardor mache, aber was dann ist … Sie haben auch ihre eigenen Ziele, ich weiss nicht, wie lange sie es toll finden, meine Masturbationsfantasien wahr werden zu lassen.

Die Band ist sozusagen deine rechte Hand …

Tatsache ist, dass es bei Zeal & Ardor ein Stück weit um meine Selbstverwirklichung geht.

Wovon lebst du eigentlich im Moment?

Von kleinen Vorschüssen, und zwar unter dem Existenzminimum. Vielleicht kommen irgendwann Tantiemen und Einnahmen aus den Album-Verkäufen und Konzerten.

Du bist bei der Basler Agentur Radicalis unter Vertrag. Für Schweizer Verhältnisse ist das mittlerweile eine Grösse, international aber ein kleiner Fisch. Wärst du bei einer grösseren Management-Firma nicht in besseren Händen?

Vielleicht schon, aber ich vertraue David Burger sehr. Er ist selber Musiker und eben kein Industrie-Mogul. Gerade weil das für ihn auch neu ist, agieren er und sein Partner Dominic Oehen sehr vorsichtig und überlegt.

Wie stark lässt du dich von ihnen steuern?

Ein Stück weit schon. Aber ich muss alles absegnen, das steht so im Vertrag. Aus Zeitgründen läuft es momentan allerdings oft so, dass das Management schreibt: Promo-Tag in Köln, okay? Das bedeutet: Komm, mach das jetzt! Aber für mich ist das super. Ich habe keine Zeit, mit allen Korrespondenz zu führen. Das ist der Job des Managements.

Wie viele solcher Promo-Tage hattest du denn?

Zweimal in Berlin, dann Paris, Köln, Zürich und am Montag (10. April, das Interview wurde vorher geführt, die Red.) fliegen wir für eine Live-Session bei BBC1 nach London. Wir werden vier Songs einspielen. Das macht mir Angst, denn wir werden dadurch das potenziell grösste Publikum bisher erreichen.

Ihr hattet doch bereits eine Session im welschen Radio Couleur 3. Diese Aufnahmen kann auch jeder auf Youtube sehen.

Aber die BBC ist eine Instanz. Angst ist vielleicht das falsche Wort. Ich denke einfach dauernd daran und kann es nicht abstellen.

Eure Konzerte werden von Firmen gebucht, die sich auch um die Rolling Stones, Iron Maiden oder Katy Perry kümmern. Wie ist das, mit Bookern dieses Kalibers an einem Tisch zu sitzen?

Das Lustige ist: Je grösser so eine Bude ist, desto netter sind die Leute. Ich hätte das nicht erwartet, aber durch die ganzen Umwälzungen im Musikbusiness funktioniert die alte «Dicke-Hose-Schiene» wohl nicht mehr. Vielleicht ist das auch bloss eine Masche, aber ich habe den Eindruck, dass das gute Typen sind.

Nichts mit: Kleines Schweizerlein, wir sagen dir jetzt mal, wie’s läuft.

Gar nicht, die sind total zugänglich und transparent.

Ganz am Anfang von Zeal & Ardor wurdest du für einen New Yorker gehalten.

Auf Bandcamp stand halt New York, weil ich damals dort lebte.

Warum bist du überhaupt zurückgekommen?

Ich spielte als Birdmask ein Konzert in Deutschland und danach besuchte ich meine Freunde hier. Da merkte ich, wie sehr ich diese Leute vermisst hatte. Es ist krass, was für ein Loch fehlende Freunde hinterlassen können.

Du hättest Zeal & Ardor auch in New York mit Session-Musikern machen können.

Klar. Aber viele dort sind abgestumpft. Die haben alles schon gehört. Für mich hingegen ist das alles aufregend, ich bin wie ein kleines Kind mit einem Schlüssel zu einer neuen Welt. Es wäre blöd, wenn ich das nicht teilen könnte.

«Ohne Fördergelder wäre das alles nicht möglich.»

Es gibt mit Zatokrev und Schammasch bereits zwei Basler Bands, die in der Metal-Szene einen guten Ruf geniessen. Wie reagieren die darauf, dass du sie innerhalb eines Jahres überflügelt hast?

Ich habe beide Bands an der BScene gesehen und finde es krass, was die abliefern. Ich würde verstehen, wenn die angepisst wären. Aber das sind einfach gute Typen. Ausserdem sind die ja auch keine 17 mehr, und wir nehmen niemandem den Platz weg. Ich komme gut mit ihnen aus.

Ist es in Basel im Vergleich zu New York einfacher so ein Projekt aufzubauen, weil es Förderstrukturen gibt?

Sicher. Hier gibt es viele Stiftungen, die einiges möglich machen. Diese Tournee rentiert nicht, ich verdiene nichts daran. Immerhin können wir die Crew und die Musiker bezahlen. Ohne Fördergelder wäre das alles nicht möglich.

Und du fandest hier schnell Mitmusiker. Ist das in einer Kleinstadt einfacher als in einer Kreativmetropole wie New York?

Vielleicht. Wenn du die Leute kennst und entspannt mit ihnen in einem Raum sitzen kannst, ist das die halbe Miete. Wenn ich erst neue Leute hätte kennenlernen müssen, wäre es viel schwieriger.

Deine Band besteht nicht aus typischen Metalmusikern.

Und das finde ich super. Je mehr Einflüsse, desto spannender ist es für mich. Darum haben wir einen vom Theater, einen Blueser, einen Metaller, eine Doom-Frau und einen Drummer mit krasser Technik, bei dem ich nicht ganz sicher bin, ob er nun Mensch oder Maschine ist. Eine gute Truppe.

Hast du Angst, dass ihr auf Tour den Verlockungen des Rockstar-Lebens erliegen könntet?

Da mache ich mir keine Sorgen. Der Drummer mag nicht mal den Geschmack von Alkohol. Und ich bekomme Kopfweh vom Schreien, wenn ich vor dem Auftritt auch nur ein Bier trinke. Zudem werden wir morgens um halb sechs aufstehen müssen, um von Auftrittsort zu Auftrittsort zu kommen. Da liegen keine langen Aftershow-Partys drin.

Wie steht es mit dem Lampenfieber?

Habe ich immer, damit muss ich leben. Vielleicht werde ich ja total durchdrehen, wir werden sehen.

_
Das Konzert von Zeal & Ardor in der Kaserne ist ausverkauft.

Konversation

Nächster Artikel