Der kleinste Offspace der Stadt Basel

Eine Speisekarten-Vitrine als Kunstraum: Seit 15 Jahren versucht der Basler Konzeptkünstler Niel Thaler, hektische Passanten in der Gerbergasse zum Innehalten zu verführen.

Soll uns vor Augen führen, was im Hintergrund passiert, wenn wir uns digital bewegen: «invitro 23».

Eine Speisekarten-Vitrine als Kunstraum: Seit 15 Jahren versucht der Basler Konzeptkünstler Niel Thaler, hektische Passanten in der Gerbergasse zum Innehalten zu verführen.

Glotzende Augen verkleben vier grosse, grüne Computerplatinen, umrahmt von einem lateinischen Spruch: «Annuit cœptis. Novus ordo seclorum.» (Er heisst das Begonnene gut. Eine neue Ordnung der Zeitalter). Das ist «invitro 23», die dreiundzwanzigste Installation im kleinsten Kunstraum der Stadt.

In der Gerbergasse 24, nur wenige Meter von den Redaktionsräumen der TagesWoche entfernt, gastiert dieser in der ehemaligen Speisekarten-Vitrine des mittlerweile geschlossenen Restaurants Schmiedenhof. Seit 15 Jahren versucht hier der Basler Konzeptkünstler Niel Thaler auf 55 mal 17 mal 5 Zentimetern, hektische Passanten zum Innehalten zu verführen.

Abstecher nach Amsterdam und Australien

Der dreifache Vater arbeitet heute Teilzeit als Künstler und Architekt. Ursprünglich hat er seine Architektenlaufbahn abgebrochen, um in Basel Künstler zu werden. Ab 1992 besuchte er die Fachklasse für Innenarchitektur, Produkt- und Baugestaltung (HfG, heute an der Hochschule für Gestaltung und Kunst), ein Studium mit besonderem Augenmerk auf den bildenden Künsten. Es folgte das Nachdiplomstudium an der renommierten Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam und ein Atelieraufenthalt in Australien über das «Internationale Austausch- und Atelierprogramm» der Christoph Merian Stiftung (iaab).

Schon seit 2013 widmet sich die TagesWoche jeweils im Sommer der «Kunst am Wegrand». Alle in dieser Serie erschienenen Artikel finden Sie auf der Themen-Seite Kunst am Wegrand.

Hier konzentriert sich Thaler ein halbes Jahr auf seine Kunst, was ihm einigen Hype und die erste Soloausstellung einbringt. Nach der Rückkehr legt er sich seinen Künstlernamen zu – Niel Thaler, nicht zuletzt, um hinsichtlich der Jahresausstellung «Selection 98» im Kunsthaus Baselland zu prüfen, ob seine Arbeit auch ohne Hype gewürdigt würde. Sie wird: Thaler darf teilnehmen.

Mit dem Grafiker Beat Roth und der Textildesignerin Daniela Kottmann gründet er das Künstlerkollektiv «Gruppe Vanille», das in einer grossen Werbevitrine im Foyer des Theaters Basel seinen ersten Ausstellungsraum findet. Diesen bespielt die Gruppe drei Jahre lang, bis sich im Jahr 2000 ihre Kunst selbst zerstört: Die Künstler wickeln rollenweise jener Kokosfaserschnur um die Vitrine (siehe Bild), aus der auch der Foyerteppich gewoben ist. Weil die von der Lagerung auf dem Estrich feuchten Kokosschnüre erst im warmen Theaterfoyer trocknen, spannen sie sich so fest um das dicke Vitrinenglas, bis sie es sprengen. Der Schaden beläuft sich auf 14’000 Franken und «Vanille» findet sein natürliches Ende.

Ein leer stehender Menüaushang wird zum Kunstraum

Nach dem Theater-Debakel macht sich Thaler auf die Suche nach einem neuen Ausstellungsort im öffentlichen Raum. Bei einem Spaziergang durch die Innerstadt entdeckt er in der Gerbergasse per Zufall den leerstehenden Menüaushang des Restaurants Schmiedenhof. Weil das Ding nicht gebraucht zu werden scheint und sowieso die Scheibe eingeschlagen ist, fragt er den Wirt. Und dieser drückt ihm spontan den Schlüssel in die Hand. «Mach was draus!» Seither gibt es «invitro», und dreiundzwanzig Installationen.

Ähnlich ergattert sich Thaler seinen Auftritt in der diesjährigen «Liste»: Den «qr-teaser» auf Zuckerbeuteln mit zugehöriger Webseite liefert er vor Beginn der wichtigen Satellitenmesse kistenweise allen Restaurants im Warteck und sichert sich damit seine Präsenz im Dunstkreis der weltgrössten Kunstmesse. Inhaltlich basieren die Teaser auf verschiedenen «invitro»-Installationen, Kontinuität als Stilmittel ist Thaler aber grundsätzlich egal. Einen einheitlichen Stil verfolgt er ebenso wenig, als dass er sich um eine persönliche Handschrift schert. «Ich will immer neu anfangen!», sagt Thaler, der sich nicht fotografieren lassen möchte.

Niel Thaler materialisiert das Entmaterialisierte

Eine Konstante zieht sich – neben der Vitrine als Ausstellungsort – dennoch seit Jahren durch sein Werk: Soziale Medien und digitale Überwachung. Und wie macht er das Ungreifbare sichtbar? Er materialisiert das Entmaterialisierte in einer so klaren wie einfachen Sprache: Für «invitro 22» presst er einen Facebook-Post als Klischee, für «invitro 23» eben Plastikaugen auf die Computerplatte. Simple Botschaften für den achtlosen Passanten.

Die Botschaften seiner Vitrine vertieft Thaler online mit Videocollagen. Mit seinen jüngsten Arbeiten will er uns sprichwörtlich vor Augen führen, was im Hintergrund passiert, wenn wir uns digital bewegen. Das Ungreifbare sichtbar machen. Er heisst das Begonnene gut: Eine neue Ordnung der Zeitalter heisst es im Zitat aus der amerikanischen Verfassung. Dass wir in einem neuen Zeitalter sind, sei Tatsache. Aber wer heisst dieses gut?

Wir. Mit jedem Akzeptieren der unzähligen AGBs. Er selbst sei weniger unbesorgt um die Zukunft als die jüngeren Generationen. Sein ältester Sohn komme in ein Alter, wo er auf dem Pausenplatz über Smartphones auf Gewalt und Pornografie trifft. Als Vater wolle er wissen, wie er ihn darauf vorbereiten kann. Vonseiten der Schule komme da nichts. Darum appelliert «invitro» an unsere Medienkompetenz.

Und was bringt die persönliche Zukunft? Niel Thaler spürt, dass er bald die Fühler nach Wettbewerben für Kunst im öffentlichen Raum ausstrecken wird. Oder doch noch einmal einen Atelieraustausch nach Übersee wagt. Bis dahin bespielt er seine kleine Vitrine in der Gerbergasse. Ihre Zeit sei der Sonntag, wenn die Leute schlendernd die Schaufenster geniessen. Am Samstag in der Rushhour hat sie keine Chance: «Da schaut niemand hin.» 

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