Der Künstler wird zum Kurator

Vincent Meessen macht uns in der Kunsthalle Basel mit dem Werk von Thela Tendu bekannt. Das tut der belgische Künstler auf derartig vielschichtige Weise, dass uns fast schwummrig wird – wir am Schluss aber trotzdem überzeugt sind.

Ein-, Auf- und Durchblicke: Die Ausstellungsarchitektur von Vincent Meessen in der Kunsthalle Basel. (Bild: Philipp Hänger)

Vincent Meessen macht uns in der Kunsthalle Basel mit dem Werk von Thela Tendu bekannt. Das tut der belgische Künstler auf derartig vielschichtige Weise, dass uns fast schwummrig wird – wir am Schluss aber trotzdem überzeugt sind.

Nehmen wir es vorweg: Wenn man Vincent Meessens Ausstellung in der Kunsthalle Basel wirklich verstehen will, dann kommt man nicht umhin, sich zumindest den Saaltext zu Gemüte zu führen. Denn was der Belgier in den fünf Räumen, die ihm zugewiesen wurden, installiert hat, ist derartig vielschichtig, dass selbst mit Anleitung kaum alles gesehen und gelesen werden kann.

Davon sollte man sich nun aber nicht abschrecken lassen – denn auch wenn man nicht gern lesen mag, so gibt es vielerlei zu sehen und zu entdecken.

Ein Widerspruch? Keineswegs. Es folgt der Versuch einer Erklärung.

Was man sieht

Fünf Räume, die fast alle demselben visuellen Muster folgen. Konstruktionen aus Holz und Platten in Silber, Schwarz und Weiss. Bilder mit geometrischen Mustern, die eindeutig von Hand gezeichnet sind. Filmprojektionen, in denen visuelle Tests mit Afrikanern durchgeführt werden. Studien in Buchform, die von solchen Tests berichten. Kleine Objekte aus Holz, die einen rituellen Charakter besitzen. Eine Soundinstallation, die in abstrakter Form Wortfetzen und Klänge miteinander verbindet. 

Meessen bedient sich der unterschiedlichsten Medien. Bald wird klar, dass er hier mehr als Kurator denn als Autor der Werke fungiert. Die Zeichnungen an den Wänden sind gezeichnet mit dem Namen Thela Tendu, die Bücher stammen von André Ombredane, der identisch ist mit dem Herrn weisser Hautfarbe, der in den Filmen die Tests durchführt.



Bücher von André Ombredane auf einer Tischarchitektur.

Bücher von André Ombredane auf einer Tischarchitektur. (Bild: Philipp Hänger)

Was man nicht sieht

Am Anfang dieses mehrteiligen Werkes stand Vincent Meessens Beschäftigung mit den Experimenten des französischen Psychologen Ombredane. Dieser machte sich in den 1950er-Jahren auf nach Belgisch-Kongo, um die Einheimischen zu erforschen. Die Filme dokumentieren dessen Experimente, darunter Tests des «geistigen Niveaus des schwarzen Volkes». Man sieht, wie die Einheimischen versuchen, mittels schwarzer und weisser Würfel abstrakte Figuren nachzulegen. Die Stellwände, die in der Kunsthalle auch als Projektionsflächen für diese Filme dienen, nehmen die Muster dieser Würfel auf.

Meessen dehnte in der Folge sein Interesse aus auf die Rolle der Abstraktion in der Entwicklung der Moderne sowie der Kolonialgeschichte. Er stiess auf den kaum bekannten kongolesischen Maler Thela Tendu, dessen Werk geometrische Abstraktionen ebenso umfasst wie Volksmärchenillustrationen. In einem Raum in der Kunsthalle stellt Meessen einen Zusammenhang her zwischen rituellen Objekten, Arbeiten von Tendu und zu kleinen Objekten gefalteten Ansichten von Ausstellungen mit Werken von Paul Klee, den er als Kontrapunkt zu Thela Tendu versteht.

Klee hatte zu Lebzeiten drei Ausstellungen in der Kunsthalle Basel – und unzählige in anderen Institutionen europaweit. Tendu wird diese Ehre nun erst knapp hundert Jahre nach Entstehung seiner Werke zuteil. Und dies nur dank der Initiative eines anderen Künstlers.

Hier fungiert der Künstler Meessen als Kurator, der Tendus Werk einen konzeptuellen Rahmen verpasst. Dieser vereint die Geschichte des Kolonialismus sowohl mit einem westlichen Kunstverständnis als auch mit der Geschichte der Erforschung fremder Völker. Letztere wird hauptsächlich in der erwähnten Soundinstallation thematisiert: Die Stimme, die wir dort hören, gehört dem Historiker Jan Vansina, der als Vater der Oral History gilt und mehrere Forschungsreisen in den Kongo unternahm – wo er unter anderem auch auf Thela Tendu stiess.



Die Installation am Boden nimmt die Boden- und Deckenstruktur wie auch die Muster in den Bildern von Thela Tendu auf.

Die Installation am Boden nimmt die Boden- und Deckenstruktur wie auch die Muster in den Bildern von Thela Tendu auf. (Bild: Philipp Hänger)

Was man denkt

Vor allem der visuelle Eindruck der Ausstellung überzeugt. Wie durch geschickte Ein- und Durchblicke und Spiegelungen selbst noch die Architektur der Kunsthalle in diese vielschichtige Ausstellung mit einbezogen wird – Respekt. Überhaupt werden Bezüge auf einer visuellen Ebene bald sichtbar, auch für die Leseunlustigen: Die Muster in Thela Tendus Zeichnungen, die grafischen Würfel der Experimente, die gefalteten Blätter, die Szenografie und selbst die Anordnung der Tonbandgeräte, sie alle beziehen sich aufeinander.

Selbst wenn man ohne vorgängige Lektüre bei anderen Exponaten wohl ratlos bleibt, so vermag die Ausstellung als Ganzes zu überzeugen. Und mit Thela Tendu macht uns Meessen mit einem Künstler bekannt, dessen Werk mehr als nur einen kurzen Blick wert ist.

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«Vincent Meessen – Thela Tendu», Kunsthalle Basel, 13. Februar bis 25. Mai 2015. Vernissage 12.2., 19 Uhr.

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