Der politische Klopfgeist Krištof Kintera

Das Museum Tinguely widmet der verspielten, aber engagierten Kunst des Tschechen Krištof Kintera eine grosse Sommerausstellung.

Paukenschlag aus der Unterwelt: «Bad News» (2011). (Bild: © Krištof Kintera, Foto: Martin Polák )

Der Sommer hat kaum begonnen, da ist der Ausverkauf schon in vollem Gang: Wer der auffälligen Beschilderung mit den Pfeilen vom verschlossenen Haupteingang des Museums Tinguely aus folgt, gelangt auf Umwegen in eine Boutique. Die Stoffe sind dünn, die Muster bunt, die bis zu 50 Prozent reduzierten Preise tief.

Und während man sich noch wundert, wo es hier zur Ausstellung des tschechischen Künstlers Krištof Kintera geht, wird man von der Seite her angequatscht. «Ich weiss, das kommt jetzt vielleicht ein bisschen ungelegen», schnattert einer der gesichtslosen mechanischen Gnome, die zwischen der Auslage stehen und mit den Armen schlackern, «aber hast du eigentlich Angst vor dem Tod?»

Konsumkritischer Prolog

«Talkmen» heisst die künstlerische Intervention im Ladensetting, das seinerseits einen ungewohnten Eingriff in das Museum Tinguely darstellt: In Zusammenarbeit mit einem Basler Billigkleiderladen an der Clarastrasse stellt Kintera die Dramaturgie des Museumbesuchs auf den Kopf, indem er seiner eigenen Ausstellung einen konsumkritischen Prolog voranstellt. Das Geschäft mit den dünnen Sommerkleidchen steht dabei in schönstem Kontrast zu einer Ironie, die sich nicht wohlfeil anbietet.

Museumsdirektor Roland Wetzel beschreibt den 1973 in Prag geborenen und in Tschechien populären Kintera denn auch als Künstler, der von den politischen Umbrüchen seines Landes geprägt wurde. Sein kritischer Blick und der Anspruch, den Betrachter in eine Interaktion zu verwickeln, zeichne den ehemaligen Theatermacher aus, so Wetzel. «Seine Werke sind nicht stumm.»



Golem aus Licht statt Lehm: «My light is your life – Shiva Samurai (5 KW / 50 HZ)» (2014).
Golem aus Licht statt Lehm: «My light is your life – Shiva Samurai (5 KW / 50 HZ)» (2014). (Bild: © Krištof Kintera, Foto: Stefan Holenstein )

Dazu geselle sich ein barockes Temperament, das sich einfachste Materialien anverwandle und transformiere, sagt Wetzel. Das zeige sich etwa an dem meterhohen Stapel aus Zementsäcken in der Eingangshalle, die an Constantin Brâncușis unendliche Säulen erinnert. Kintera, der zur Eröffnung mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern angereist ist, bestätigt die Einschätzung seines Werkes auf bescheidene Art.

Befreiende Widersprüche

«Ich mag Einfaches, aber es muss vielschichtig sein», sucht Kintera den befreienden Widerspruch und doppelt nach: «Einige meiner Skulpturen sind vielleicht dumm, aber sie sind hoffentlich auch smart.» Wie zum Beispiel sein leuchtender Koloss aus Secondhand-Lampen, der eine brütende Hitze abstrahlt. Schön hell, aber wer bezahlt die Rechnung? «Technik dient dem Menschen, sie kann sich aber auch gegen ihn wenden», sagt der Künstler einmal während des Rundganges, und das trifft seinen Golem aus Licht statt Lehm genau.

Lautstarke Klopfzeichen

Ein weiterer bevorzugter Werkstoff ist Polyurethan, den Kintera zu einer Gallerie von unförmigen Porträts aushärten lässt – mit Glühbirnen und tropfenden Kaffeetassen als Augen. Er liebe den freien, auch fehlerbehafteten Moment der Kreation, sagt der Künstler. Und selbst wenn gegenständliche Kunst zurzeit unmodisch sei, bereite ihm das wenig Kopfzerbrechen: «I don’t give a shit.»

Mit dem Kopf durch die Wand: «Revolution» (2005).Mit dem Kopf durch die Wand: «Revolution» (2005). (Bild: © Krištof Kintera, Foto: Stefan Holenstein )

Von der Bereitschaft, sich an Konventionen und Zwängen abzuarbeiten, zeugen auch die lautstarken Klopfzeichen im zweiten Untergeschoss des Museums – das erste Mal übrigens, dass dieser Bereich dem Publikum offensteht. In einer Sackgasse steht dort ein mechanischer Kapuzenzwerg und will mit dem Kopf durch die Wand: Immer wieder hämmert er seine Stirn gegen die Mauer. «Revolution» heisst die Installation lakonisch, die nicht nur vom schmerzhaften Wandel, sondern auch von der Solidität fixer Ideen erzählt.

Beim Verlassen des Museums bemerkt man dann erst die Absperrgitter. Die Sicherheitsvorkehrungen, die üblicherweise für Ordnung sorgen, drängen sich anarchisch um den Brunnen im Solitudepark und strecken ihr verchromtes Geweih in die Luft. Wir verstehen: Freiheit ist ein seltenes Tier, und Kintera findet sie an den unwahrscheinlichsten Orten.   

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