Design-Ausstellung «Making Afrika» wirft Fragen auf

Die Ausstellung «Making Africa» im Vitra Design Museum gibt Anlass zu einer Diskussion über den Designbegriff an und für sich. Kritischen Einschätzungen gibt sie zwar Raum – tut jedoch wenig, um die Kontroverse aufzulösen.

Lethabo Tsatsinyane fotografiert für Dazed Magazine, 2010. (Bild: Chris Saunders)

Die Ausstellung «Making Africa» im Vitra Design Museum gibt Anlass zu einer Diskussion über den Designbegriff an und für sich ebenso wie über das Konstrukt «Afrika». Kritischen Einschätzungen gibt sie zwar Raum – tut jedoch wenig, um die Kontroverse aufzulösen.

Mit «Making Africa – A Continent of Contemporary Design» eröffnete das Vitra Design Museum Mitte März eine Ausstellung, die viel zu reden gibt. Und das nicht nur bei den Besucherinnen und Besuchern. So herrschte bereits bei der Pressekonferenz zwischen der Kuratorin Amelie Klein und dem in beratender Funktion beigezogenen Okwui Enwezor, dem diesjährigen Direktor der Biennale in Venedig, Uneinigkeit: Während sich Klein für ein andersartiges Designverständnis einsetzte, das die ihrer Ansicht nach westlich geprägten Grenzen zwischen Kunst, Architektur und eben Design auflöst, wollte Enwezor gar nicht erst von Design sprechen. Er war vielmehr der Ansicht, dass die Ausstellung der zeitgenössischen materiellen Kultur Afrikas gewidmet sei.

Tatsächlich bewies das kurze Intermezzo, wie unklar der Designbegriff selbst in Expertenkreisen gehandhabt wird. Wo die einen den inflationären Gebrauch monieren, verstehen andere darin jede Form des Gestaltens und möchten Design zur Metadisziplin erheben, die alle gestaltenden Bereiche zusammenhält, während noch einmal andere gar nicht mehr von Design sprechen mögen.

Was soll man davon halten, dass eine Nichtafrikanerin auf den Titel «Making Africa» kommt?

Einmal abgesehen davon, dass sich im Untertitel der Ausstellung dann doch der Begriff Design durchgesetzt hat, scheint auch der Haupttitel Anlass zu Diskussionen gegeben zu haben. Was soll man davon halten, dass eine Nichtafrikanerin auf den Titel «Making Africa» kommt? In den vielen Interviews, die in der dreijährigen Vorbereitungsphase mit Afrikanerinnen und Afrikanern in und ausserhalb Afrikas gemacht wurden, standen nicht selten sowohl die Bezeichnung Afrika als auch das Making in der Kritik. Die Architekturkritikerin Annie Jouga aus Dakar war mit ihrer Meinung nicht alleine, dass das so klänge, als ob Afrika erst gemacht werden müsse – und das notabene von einer westlichen Institution.

Kritische Einschätzungen

Angesichts der Grösse und Heterogenität des Kontinents ebenso verständlich ist die Reaktion vieler Interviewten, dass für ihr Selbstverständnis Afrika weniger zentral sei als die Familie, der sie angehörten, oder die Stadt, in der sie aufgewachsen sind. Gleich zu Beginn werden die Besucherinnen und Besucher mit diesen kritischen Einschätzungen konfrontiert. Die Ausstellung bleibt damit löblicherweise transparent. Gleichzeitig unternimmt sie an dieser Stelle nur wenig, um die Kontroverse aufzulösen. 
So muss man sich denn den umfangreichen Ausstellungskatalog zu Hilfe nehmen, um zu erfahren, dass der Titel nicht zuletzt auf Anraten Enwezors beibehalten wurde. Denn so unbestritten der Begriff Afrika ein Konstrukt westlicher Kolonialisierung sein mag, so unbestritten hätten gerade diejenigen staatenübergreifenden Bewegungen den Begriff in Anspruch genommen, die sich gegen dieses koloniale Verständnis Afrikas einsetzten.

Mit «Making» soll zudem ein Designbegriff angesprochen werden, der nichts mit Massenproduktion am Hut hat. Enwezor verweist darauf, dass Billigimportware aus China die Herstellung von Serienartikeln in vielen Ländern Afrikas ruinieren. Gleichzeitig wird Design und Afrika im Westen oft mit kunsthandwerklich gefertigten, traditionellen Objekten oder dann mit gut gemeintem Entwicklungshilfedesign assoziiert. Design im Sinne des «Makings» steht für Enwezor dagegen für ein vom Designer oder der Designerin weitgehend unabhängig von marktwirtschaftlichen Zwängen Erdachtes und im eigenen Atelier selbst Gefertigtes.

Tatsächlich stimmt das nur für einen Teil der Exponate. In den neben dem etwas isoliert dastehenden einführenden Bereich zu den Themen «Ich und Gesellschaft», «Stadtraum» und «Ursprung und Zukunft» abgesteckten Räumen werden nicht bloss zahlreiche Einzelstücke, sondern auch durchaus massentaugliches Design gezeigt: Darunter etwa verschiedene äusserst erfolgreiche Spiele-Apps oder ein ebenso populäres via SMS funktionierendes Geldtransfersystem. Sicher, im Gegensatz zur Importware sind diese Dinge in Afrika selber entstanden, aber mit Bestimmtheit richten sie sich an eine grosse Masse und sind wirtschaftlich erfolgreich. Daran wäre auch gar nichts auszusetzen, würden die Ausstellungsmacher nicht selber die Maker-Kultur quasi als Heilsbringerin des Designs im 21. Jahrhundert feiern.

Enthusiasmus fürs Einzelstück

Wobei man diesen Enthusiasmus für das handgemachte Einzelstück angesichts der Exponate durchaus begreifen kann. Allein das inspirierende Durcheinander verschiedenartigster Exponate ist faszinierend: Etwa ein aus weggeworfenen Aluminiumdrehverschlüssen «geknüpftes» Tuch von El Anatsui aus Nigeria, das aus einem Klimtgemälde zu stammen scheint, oder die von Mikhael Subotzky und Patrick Waterhouse unter dem Titel «Ponte City» gezeigten Fotografien, die jedes Fenster des gleichnamigen Wolkenkratzers in Johannesburg aus der Innenperspektive akribisch dokumentieren.

Die Exponate der Ausstellung verhandeln gesellschaftspolitisch relevante Themen statt blossem Happy-Go-Lucky.

Ohne Zweifel sind solche Objekte innovativer als die im Vitrahouse nebenan verkauften Tassen mit Alexander Girard-Aufdruck. Und im Gegensatz zu letzteren verhandeln die Exponate der Ausstellung gesellschaftspolitisch relevante Themen statt blossem Happy-Go-Lucky. Und trotzdem mag einen Unbehagen beschleichen, wenn man daran denkt, dass ein guter Teil der ausgestellten Stücke sich ohne weiteres im Sortiment einer exklusiven Galerie wiederfinden liesse. Dazu passt, dass etwa Dominique Pétots Möbel mit Kunststoffschnurgeflecht bereits vor einigen Jahren in die Kollektion der italienischen Edelmarke Moroso aufgenommen wurde.

Ob das nun gut oder schlecht ist, ist nur eine von vielen offenen Fragen, die beim Gang durch die Ausstellung provoziert wird. Obschon eine klare Antwort ausser Reichweite steht, würde allein die Diskussion solcher Fragen Auskunft darüber geben, was Design sein kann und welche Erwartungen man an diese Disziplin stellen dürfen sollte. Die Ausstellung «Making Africa» leistet dazu glücklicherweise einen Beitrag, indem sie uns zahlreiche Objekte vorstellt, über die wir hierzulande erschreckend wenig wissen.
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«Making Africa – A Continent of Contemporary Design», Vitra Design Museum, bis 13. September 2015.
«Architektur der Unabhängigkeit – Afrikanische Moderne
», bis 31. Mai 2015.

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