Die Ausgabe 2016 war zum Niederknien gut

Es waren für das Publikum anregende und für die Veranstalter erfolgreiche Tage: Am Wochenende ging die Ausgabe 2016 des Theaterfestivals Basel zu Ende.

Ein sperrig-fordernder Abschluss: Mit «Apokalypse» des Nowy Teatr aus Warschau ging das Theaterfestival Basel 2016 zu Ende.

(Bild: MAGDA-HUECKEL)

Es waren für das Publikum anregende und für die Veranstalter erfolgreiche Tage: Am Wochenende ging die Ausgabe 2016 des Theaterfestivals Basel zu Ende.

Nun schliesst sich der Vorhang. Die Komödianten und Artisten bauen ihre Zelte ab und ziehen weiter. Sie hinterlassen bleibende Eindrücke beim Publikum, das zahlreich erschien, sich amüsierte, gepackt wurde und sich auch mal etwas langweilte. Und das sich mit nachhaltigen Erinnerungsbildern im Kopf auf die nächste Ausgabe in zwei Jahren freut.

Nun, Zelte gab es am Theaterfestival Basel nicht, Vorhänge auch nicht, und Artisten befanden sich in der Minderzahl. Als Begegnungszentrum thronte auf dem Kasernenareal stattdessen das Holzkonstrukt «Wechselspiel», das in Zusammenarbeit mit dem Studiengang für Innenarchitektur und Szenografie errichtet wurde. Das Gebilde widerspiegelte moderne Bühnenformen und lud zur Interaktion zwischen Zuschauern und Künstlern ein – mit etwas Glück konnte man hier dem einen oder anderen Regisseur, Schauspieler oder Tänzer begegnen.

Ausgehend von diesem Zentrum, bespielte das Theaterfestival zahlreiche bestehende Bühnen in der Region: in Basel, Birsfelden und sogar im solothurnischen Dornach. Vielleicht mag das Konzept des Dezentralen den Festplatzcharakter etwas schmälern, aber es hat funktioniert: 9000 Besucherinnen und Besucher besuchten während 13 Tagen eine der 20 Produktionen aus 17 Ländern. Die durchschnittliche Auslastung von 82 Prozent kann sich sehen lassen.



Der Mensch ist ein merkwürdiges Wesen –  das zeigt die spanische Performancegruppe «El Conde de Torrefiel».

Der Mensch ist ein merkwürdiges Wesen –  das zeigt die spanische Performancegruppe «El Conde de Torrefiel».

Aufrüttelnde Erlebnisse

Der grosse Zuspruch ist erst einmal bemerkenswert, denn die Festivalleiterin Carena Schlewitt und ihr Team setzten nur wenige internationale Festival-Blockbuster-Produktionen aufs Programm. Etwa «The Blind Poet» der belgischen Needcompany – eine typische Festivalproduktion mit spektakulären Bildern, tollen Bühnenfiguren und lauter Musik.

Wirklich hängengeblieben sind aber oberflächlich weniger spektakuläre Produktionen, die inhaltlich und performativ umso mehr aufrüttelnde Erlebnisse vermittelten. Einer, wenn nicht der grosse Höhepunkt war das Einmann-Stück «Acceso» des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín mit dem herausragenden Schauspieler Roberto Farías. Oder die hinreissend minimalistische Monsterserie «Complete Works: Table Top Shakespeare», mit der die britischen Performer von Forced Entertainment auf dem Küchentisch zeigten, welch famose Geschichten dieser Shakespeare zu erzählen weiss.

Ein Entdeckerfestival der besten Art

Die Basler Veranstaltung ist ein Entdeckerfestival der besten Art: Geboten wurden verschiedenste Formen von Bühnen- und Performancekunst sowie szenische Installationen. Auf unterschiedlichste Weise zeigten Künstler aus 17 Ländern, wie direkt und nah das Theater am Zeitgeschehen sein kann.

Der holländisch-schweizerische Performer Yan Duyvendak packte all die Weltuntergangskatastrophen der Gegenwart in eine glitzernde Musical-Revue («The Sound of Music»). Das Nowy Teatr aus Warschau wählte mit seiner sperrigen und postdramatischen «Apokalypse» einen ganz anderen Ansatz.

In der Klingentalturnhalle wurde die Komplexität des Weltgeschehens dafür ganz pragmatisch zusammengefasst: Mit acht Tonnen Reis verbildlichte die britische Künstlergruppe Stan’s Cafe dröge Statistik – wenn jeder Mensch ein Reiskorn ist, werden abstrakte Zahlen plötzlich ganz real. Bestaunen und bewundern konnte man die Reis-Installation an mehreren Abenden.

Eine ganz schön absurde Idee, könnte man meinen – und genau diesen «unsinnigen» Künstlerideen hielt das Stück «Die Möglichkeit, die angesichts der Landschaft verschwindet» auf eine wunderbar bizarre Art einen Spiegel vor: Mit einer Mischung aus essayistischen Kurzgeschichten und künstlerischen Installationen sowie mit vielen nackten Männern zeigte die spanische Performancegruppe «El Conde de Torrefiel», wie merkwürdig wir Menschen uns verhalten und wie das von aussen aussieht.



Musik im Supermarkt: In «Have a good day» wurden Alltagssorgen besungen.

Musik im Supermarkt: In «Have a good day» wurden Alltagssorgen besungen. (Bild: SIMONAS SVITRA)

Einblick in andere Welten

In der Kunst kommen Aussenseiter und Randständige zu Wort – das zeigte nicht nur das chilenische Stück «Acceso». Im Musiktheater «Have a good day» sangen zehn Supermarktkassiererinnen von ihren kleinen und grossen Problemen. Die litauische Minimal-Oper zieht die wohlbekannten Supermarkt-Floskeln ins Lächerliche und bietet einen Blick hinter das Dauergrinsen der Verkäuferinnen.

Mit weniger Ironie aber genauso viel Tiefgang regte das Stück «While I was waiting» der syrischen Theatermacher Omar Abusaada und Mohammad Al Attar zum Nachdenken an. Die Geschichte von einem bewusstlosen Aktivisten und seinen verzweifelten Familienmitgliedern skizzierte die Lage im geplagten Syrien und liess den Festivalbesucher in eine zwar fremde, aber doch erschreckend gegenwärtige Geschichte eintauchen.

In zwei Jahren wieder

Es war die dritte Festival-Ausgabe unter der Leitung von Carena Schlewitt. Da es sich um ein biennales Festival handelt, sind jetzt also schon sechs Jahre nach der erfolgreichen Wiederbelebung im Jahr 2010 vergangen. Bei der nächsten Ausgabe 2018 werden es acht gewesen sein. Wer weiss, ob Schlewitt dann noch am Ruder ist. Wir in der Redaktion hoffen mit dem Publikum, dass sie es sein wird.

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