«Die ewige Klage der Mutter»

Jan Klatas Inszenierung von «Ein Stück über Mutter und Vaterland» ist beeindruckend kraftvolles Theater. Die Tatsache aber, dass man dem dichten polnischen Text nur per Übertitel folgen kann, trübt den Gesamteindruck.

Es ist alles ein bisschen eng hier: Das Teatr Polski am Theaterfestival Basel (Bild: Natalia Kabanow)

«Ein Stück über Mutter und Vaterland» des Theatr Polski bietet Frauenpower pur. Wenn man nun auch noch der polnischen Sprache mächtig wäre und den Text nicht von den Übertiteln ablesen müsste, wäre Jan Klatas Inszenierung ein packendes Theatererlebnis.

Wetterpech für das Theaterfestival Basel. Die Outdoor-Performance «above under inbetween» der Compagnie Willi Dorner auf dem Kasernenareal fiel am Freitag (und wie die Festivalleitung aktuell bekannt gibt, auch am Samstagnachmittag) buchstäblich ins Wasser. Das ist bedauerlich, denn die Begegnung mit der behend-skurrilen Truppe am ZAP Performance Marathon im vergangenen Jahr hatte für viel Vorfreude auf ein Wiedersehen gesorgt. Aber zum Glück bietet das Festival auch viel beziehungsweise vor allem Indoor-Theater. Also geht’s über den Rhein ins Grossbasel, ins Schauspielhaus. Dort stand das Gastspiel des Teatr Polski mit «Ein Stück über Mutter und Vaterland» von Bozena Keff und in der Inszenierung des aufstrebenden jungen Regiestars Jan Klata auf dem Programm.

Und da zeigte sich eine der Schwierigkeiten, mit denen internationale Theaterfestivals zu kämpfen haben. Nämlich mit der Frage, wieviel Text in einer Sprache, die wohl nur wenige Zuschauerinnen und Zuschauer verstehen, zumutbar ist, ohne das Publikum zu überfordern. Im gegebenen Fall war es wohl zu viel. Der Text der polnischen Autorin Bozena Keff ist ausgesprochen dicht und anspruchsvoll. Zwar ist er auf Übertiteln in einer deutschen Übersetzung nachzulesen, doch der ständige Blick rauf auf die Texttafeln, lenkt wiederum vom Geschehen auf der Bühne ab.

Beindruckende Theaterpower

Und diesem Geschehen wäre man gerne uneingeschränkt gefolgt. Zu erleben sind sechs Frauen, ältere und junge – eine davon ist ein Mann im Frauenkostüm –, die die Geschichte einer Mutter erzählen, die als Überlebende des Holocaust ihr unüberwindbares Trauma auf die Tocher überträgt. Regisseur Jan Klata hat den Zweipersonen-Konflikt auf drei Paare übertragen, die im Verlauf des Stücks zudem ihre Rollen umkehren. Und er hat dafür eine Bewegungs- und Stilsprache gefunden, die beeindruckt. Er löst das Geschehen aus dem naturalistischen Kontext heraus und schlägt einen weiten Bogen vom matriachalischen Urmythos, über Tolkiens Hobbits bis hin zu Lara Croft und Ridley Scott.

Das alles steckt voller musikalischer und choreografischer Energie. Die Frauen tanzen sich die Seele vom Leib, sie berühren mit wunderbaren Gesängen, verschwinden in den vier grossen drehbaren Blechkästen, die mal Wohnung, mal Garderobe, mal ein Tor in eine andere Welt sein können. Die Musik reicht von afrikanischen Rhythmen über wundervoll gesungene Barock-Choräle bis zum Power-Beat von Slayer. Die Intensität und ungeheure Kraft, mit der sich die sechs Schauspielerinnen ins Zeug legen, ist beeindruckend. Auf die Dauer aber beginnt das Geschehen, das sich stets auf dem höchsten Level bewegt, etwas gleichförmig zu werden. Das liegt sicherlich zu einem grossen Teil daran, dass man dem Text eben nur noch versatzstückmässig folgen kann.

Theaterfestival Basel / Jan Klata,Teatr Polski Wrocław (PL) «Ein Stück über Mutter und Vaterland» von Bozena Keff

Mit: Paulina Chapko, Dominika Figurska, Katarzyna Straczek, Anna Ilczuk, Kinga Preis, Halina Rasiakówna, Wojciech Ziemianski
Nächste Vorstellung: 01.09. im Schauspielhaus des Theater Basel

 

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