Die Landschaften des Caspar Wolf – damals und heute

Wie genau hat Caspar Wolf im 18. Jahrhundert die Schweizer Alpen gemalt? Ein Vergleich zwischen seinen Gemälden und neuen Fotos zeigt: Ästhetik war ihm wichtiger als die detailgetreue Wiedergabe. Sehen Sie selbst.

Wie genau hat Caspar Wolf im 18. Jahrhundert die Schweizer Alpen gemalt? Ein Vergleich zwischen seinen Gemälden und neuen Fotos zeigt: Ästhetik war ihm wichtiger als die detailgetreue Wiedergabe. Sehen Sie selbst.

Caspar Wolf (1735–1783) stand wegen seiner Arbeitsweise lange unter dem Verdacht, die Topografie möglichst exakt wiedergegeben zu haben – der Schweizer Maler war ein Pionier der Alpenmalerei, er inszenierte sie als grandioses Naturspektakel. Wolf wanderte viel, die Alpen waren seine geistige Heimat, Gletscher, Höhlen, Täler und Gipfel. Er schuf vor Ort Zeichnungen und Ölskizzen, nach denen er im Atelier seine Gemälde anfertigte. Die Leinwandbilder transportierte er dann zurück an den Ort, um Details zu kontrollieren.

Und doch lässt sich nachweisen, dass sehr wohl auch die künstlerische Perspektive bzw. ästhetische Belange eine Rolle spielten bei der Anfertigung der Werke – zum Beispiel die Aufteilung nach dem sogenannten Goldenen Schnitt.

Der Fotograf Gilles Monney ging deshalb hin und überprüfte vor Ort. Er wählte einige Landschaften aus und fotografierte, was er fand, mit annähernd gleichem Bildausschnitt. So werden teils signifikante Veränderungen sichtbar, die nicht nur der seither vergangenen Zeit geschuldet sind – sondern auch dem Verständnis des Malers von Wirklichkeit.

Anhand von 5 Beispielen, bei denen Sie selbst durch Verschieben Gemälde und Foto vergleichen können, soll dies hier aufgezeigt werden.

Lauenental

Vom Gipfel des 2196 Meter hohen Follhorns blicken Maler und Fotograf hier über das Lauenental. Der Vergleich zeigt, dass Wolf das Geltenhorn am Horizont merklich anders gestaltet. Zudem fügt er am rechten unteren Bildrand Felsen hinzu, die in der Natur nicht vorkommen: Das Tal wirkt so geschlossener, v-förmig, und die perspektivische Tiefe wird verstärkt – durch ein klassisches Bildmittel übrigens: Absichtlich im Vordergrund platzierte Objekte – sogenannte Repoussoirs – wurden vor allem in der Renaissance als Trick angewandt, um Raumtiefe herzustellen.

In der Gesamtansicht bleibt die Szenerie jedoch erkennbar. Im Vordergrund des Gemäldes übrigens hat der Maler sich selber ins Bild gesetzt – kein Einzelfall: Wolf ging es wohl auch mit diesem Stilmittel darum, die Authentizität des Bildes nachzuweisen.

Kleine Bärenhöhle

Zwei Bärenhöhlen gibt es oberhalb von Welschenrohr im Solothurner Jura, eine kleine und eine grosse. Wer sich Wolfs Gemälde der «Bärenhöhle» ansieht, glaubt angesichts der Ausmasse die grosse vor sich zu sehen. Es ist jedoch die kleine. Wolf hat ihr Inneres jedoch erheblich verändert: Er hat sie schmaler gemalt, den Felsblock im Inneren um ein Vielfaches vergrössert, den Eingang verengt und ebenso das Loch, durch das man hinausblickt aufs Tal, verkleinert. Sich selber hat er als kleine Figur ins Zentrum gerückt.

Am markantesten jedoch ist die Veränderung der Lichtverhältnisse: Wolfs Höhle wirkt viel düsterer und erweckt durch den Lichteinfall von hinten den Eindruck, der Betrachter würde sich selbst in der dunklen Höhle drin befinden – statt davor.

Daubensee

Oberhalb von Leukerbad befindet sich auf 2207 Metern der Daubensee. Rund um den See ist das Gelände eher flach, der Blick fällt in südsüdwestlicher Richtung auf das Daubenhorn und die Plattenhörner, die schräg ins Bild ragen. Wolf überhöht diese auf krasse Weise, und indem er das Seeufer felsig und steinig gestaltet, schafft er eine völlig neue Landschaft: Schroff, karg und abweisend.

Baenisegg

«Wo ist bloss der Gletscher geblieben?», lautet die erste Frage, die man sich angesichts dieser zwei Bilder stellt. Denn gerade die Ausgestaltung des Gletschers duch Caspar Wolf ist an seinem Gemälde bemerkenswert: Es ist wohl das erste Mal, dass ein solcher auf so detaillierte Art und Weise gemalt wurde. Heute allerdings ist der Gletscher, der vom grossen Fiescherhorn herabfliesst, grösstenteils abgeschmolzen.

Allerdings kann man nicht alle Unterschiede zwischen Gemälde und Fotografie dem Klimawandel zuschreiben. Denn bei genauer Betrachtung fällt auf, dass hier im Vergleich fast gar nichts stimmt. Nicht die Höhe der Gebirge, nicht die Verhältnisse zwischen den einzelnen Bergspitzen und -graten. Den Betrachterstandpunkt, den der Maler scheinbar einnimmt, gibt es gar nicht: Er müsste quasi in der Luft schweben.

Geltenschuss

Die Wasserfälle des Geltenschuss‘ sind derart markant, dass man ihn im Gemälde sofort wiedererkennt – obwohl 250 Jahre zwischen den gemaltem Bild und Foto liegen. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass Wolf die Topografie doch merklich verändert hat: Der untere Wasserfall ist um einiges weniger hoch als im Vorbild. Dahinter scheint sich der Bach in den Fels gegraben zu haben, was in der zeitlichen Abfolge der Bilder eigentlich eher auf der Fotografie zu erwarten wäre. Der Betrachter des Gemäldes (und damit der Maler selbst) müsste sich auf einer Anhöhe befinden, um auf die Wasseroberfläche des kleinen Sees unten blicken zu können. Die Fotografie macht klar, dass dies nicht geht.

Dalaschlucht

Für seine Darstellung der Dalaschlucht in der Nähe von Leukerbad wählte Wolf einen Standpunkt in der Mitte der Dala. Abgesehen von der Eisenbahnbrücke, die vor 250 Jahren noch nicht gebaut war, fällt zuerst ins Auge, dass der Maler die Wände der Schlucht steiler darstellt, als sie in Wirklichkeit sind. Die Schlucht wirkt so noch überwältigender. Um diesen Eindruck noch weiter zu verstärken, rückt er den hinteren Abschluss der Schlucht näher an den Betrachter heran – und stellt ihn massiver und wilder dar als in der Realität. Zuguterletzt verändert er den Verlauf der Felsen im oberen Drittel des Gemäldes – derart, dass sich beinahe parallel verlaufende Wände bilden.

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Im Katalog zur und in der Ausstellung «Caspar Wolf und die ästhetische Eroberung der Natur» finden sich noch weitere Vergleichsbeispiele sowie mehr Infos. Die Ausstellung mit zahlreichen Gemälden des Schweizer Malers läuft noch bis zum 1. Februar 2015.

Fotograf Gilles Monney hält am 26. November um 18.30 Uhr im Kunstmuseum einen Vortrag über seine Fotografien.

Mehr zur Ausstellung lesen Sie zum Beispiel in dieser Rezension aus der Basler Zeitung.

Konversation

  1. Der Maler war subjektiv ehrlich, nicht objektiv, wie ein Photoapparat vorgibt, es zu sein. Aber eigentlich ist der Photoapparat es ja auch nicht: Wir drücken meist dann ab, wenn uns selber etwas ins Auge sticht. Auf dem Photo sind wir dann enttäuscht, dass es sich halt nicht so darstellte, wie wir es wahrgenommen haben, zum Beispiel der grandiose Sonnenuntergang von… halt doch nur sich als partielle Überbelichtung darstellte.
    Bei vielen anderen Realitäten, ausser den optischen, ist uns das Subjektive ja sehr geläufig: Musik, Dichtestress, Asylanten, Unordnung, „schön“, etc.,
    weshalb sich darüber ja trefflich streiten lässt.
    Eine Alternative wäre ja, das Gleiche mehrmals von verschiedenen Malern malen zu lassen, auch ohne Anspruch auf photographische Objektivität, die es damals ja noch gar nicht gab.

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  2. «Photoshop» für den Abt. Oder wie ich armer Pinsel meinem Chef zeige, dass die Schöpfung schöner ist wenn man sie bereist, anstatt sie am Altar zu verehren.

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