«Die Pfeife ist wie eine Verlängerung des menschlichen Organs»

Eine ganze CD und eine Bühnenshow, die einem geometrischen Körper gewidmet sind? Nun, der Oloid gehört nicht der profanen Sphäre von Kugel, Kegel oder Zylinder an. In dem vom Anthroposophen Paul Schatz entdeckten «überstülpten Würfel» fanden der Stimmenkünstler Christian Zehnder und der Schlagwerker Gregor Hilbe Mathematik und Musik, Archaisches und Futuristisches vereint.

Christian Zehnder und Gregor Hilbe haben sich ganz dem Oloid verschrieben. (Bild: Nils Fisch)

Eine CD und eine Bühnenshow, die einem geometrischen Körper gewidmet sind? Nun, der Oloid gehört nicht der profanen Sphäre von Kugel, Kegel oder Zylinder an. In dem vom Anthroposophen Paul Schatz (1898–1979) entdeckten «überstülpten Würfel» fanden der Stimmenkünstler Christian Zehnder und der Schlagwerker Gregor Hilbe Mathematik und Musik, Archaisches und Futuristisches vereint.



Wie kommt es, dass ein geometrischer Körper, der nicht tönt, ein ganzes Album inspiriert?


Christian Zehnder (klopft gegen ein Oloid-Modell, ein metallenes Geräusch ertönt): Damit wäre das mit dem Tönen schon mal widerlegt (lacht). Der Oloid ist der einzige Körper, der sich über sich selbst, über seine gesamte Fläche abrollen kann. Dadurch entsteht ein Torkeleffekt, eine Rhythmik, die auf einer relativ komplexen mathematischen Formel aufgebaut ist. In der Musik lässt man sich ja immer gerne von abstrakten Dingen inspirieren, von einer Metaebene. Und dieser Körper trägt Wissenschaft, Mechanik, Mischtechnik, Energie, Musikphilosophie in sich.



Erklären Sie den musikalischen Bezug ein bisschen genauer.



Gregor Hilbe: Die Grooves in unseren Stücken sind natürlich nicht direkt «transkribiert» aus dieser Rollbahn des Oloids. Aber es lag bei unserer Beschäftigung mit ihm in der Luft, dass sich Rhythmen ergeben haben, die eben auch unregelmäßig, zugleich symmetrisch sind und sehr langphrasig, wie diese organische Rollbewegung.



Er hat zugleich etwas von Amöbe und auch etwas von Raumschiff…



Hilbe: Ja, die Gleichzeitigkeit von etwas ganz Archaischem und Futuristischem hat uns fasziniert. Wenn man in der Paul Schatz-Stiftung diesen großen Oloid sieht, wie er das Wasser in einem Tank in Bewegung bringt, der mehrere Tausend Liter fasst, dann denkt man wirklich an Urprinzipien. Man hat herausgefunden, dass es dem Wasser leicht fällt, auf diese Form zu reagieren, viel leichter als auf Schrauben oder Spiralen, man kann so auch wunderbar Seen sanieren zum Beispiel. Der Oloid verbindet sich mit dem Element Wasser auf wundersame Weise. 



Wie haben Sie den Oloid überhaupt als Inspirationsquelle für sich entdeckt?



Zehnder: Ich habe mir den Oloid angeschaut und gesehen, dass er aus einem senkrechten und einem waagrechten Kreis besteht, die in sich verschränkt sind. Durch diese Verschränkung entstehen zwei Umlaufbahnen. Das hat mich als Bild fasziniert: Die Verschränkung von zwei Orbits, die auch uns beide symbolisieren. Gregor Hilbe und ich, wir leben ja mit dem, was wir musikalisch machen, ein bisschen oppositionell zueinander. Aber in dieser Opposition steckt auch eine Anziehungskraft. Dabei ist der Oloid ja eigentlich eine Überstülpung des Würfels, eine imaginäre Form, die schon immer da war, die aber erst der Mathematiker Paul Schatz «entdeckt» und erklärt hat. Das ist auch oft in der Musik so: Dinge, die nicht fassbar sind, versucht man wahrnehmbar zu machen, hier eben auditiv. Und so wurde das Ding zur Metapher für unser gemeinsames Projekt.



«Man könnte das noch gut als Atem-Wellness verkaufen.»

Die zweite wichtige Komponente auf der Platte sind Orgelpfeifen, die Sie eigens haben fertigen lassen.


Zehnder: Die Pfeife ist wie eine Verlängerung des menschlichen Organs. Sie ist das Königsinstrument, man spielt Bach darauf, Kirchenmusik. Doch wir bringen sie aus der Hochkultur in ihre ursprüngliche Archaik, in den Urwald zurück, denn wir gehen völlig aus dem temperierten System heraus.



Hilbe: Mich hat vor allem der Trance-Aspekt interessiert, in den man durch das Hyperventilieren hineinkommt. Wenn man drei, vier Stücke gespielt hat auf diesen heftigen Apparaten, auf denen man erst mal eine zwei Meter lange Luftsäule aufbauen muss, kommt man in einen ganz anderen Geisteszustand hinein.



Zehnder: Am Anfang wird es einem schwindlig, irgendwann merkt man dann, wie sich der Atem mit dem Instrument vereint, es wird sehr wohltuend, sehr befreiend, es ist wie Fitness, man atmet irgendwann sehr tief. Man könnte das noch gut als Atem-Wellness verkaufen (lacht).



Würden Sie sagen, dass Sie durch den sehr abstrakten Charakter dieses Projekts mehr Freiheit gewonnen haben?



Zehnder: Es löst sich von der topographischen Verortung, es spielt keine Rolle mehr, ob ich jetzt noch in der Jodelsphäre bin oder in Papua-Neuguinea. Es hat auch etwas schamanisch Aufgeladenes, sucht weniger Inhalte. Ich empfinde die Musik als unglaublich organisch und sehr frei, früher war ich konzeptioneller, es gab mehr Songstrukturen. Nun sind es Zustände, Modelle, Ideen, in die man sich mit diesen Rhythmen hineindreht. 


Eine «Weltmusik 2.0» also…



Zehnder: Ja, es ist diese Idee von der Entrücktheit der Alpen in dieser urbanen Gegend. Wir leben in einer Chemiestadt, und wir haben hier zudem die abstrakten Ideen von Paul Schatz. Die Traditionen sind ja alle nur noch Erahnungen, Restanzen, die in einem wirken. Und die Vision ist, meine eigene Musik und Befindlichkeit zu finden. Aber dafür musst du zuerst durch die Tradition und andere Kulturen hindurch, und plötzlich kommst du zurück, bist wieder zuhause, aber niemand erkennt dich mehr (lacht). bin sehr froh, dass ich aus dem alpinen Kontext hinaus bin, aber – und das war auch beim vorherigen Projekt «Kraah» schon so – ich habe das für mich verinnerlicht. Ich fühle mich auch genauso wohl, wenn ich das neue Programm jetzt oben auf dem Gotthard singen würde, das würde für mich genauso passen. Denn ich fühle mich nun keiner Ideologie, keiner Tradition mehr verpflichtet.


«Wenn Jodeln nicht mehr geht, machst du einfach ‹oloidiolo›.»

Doch bei aller Abstraktion spielen Sie ja noch mit Reminiszenzen an das Konkrete, ein Stück zum Beispiel heißt «Oloidiolo», ein Palindrom, das allein vom Wortklang wieder ans Jodeln erinnert…



Hilbe: Unsere Musik ist ja durch Ausprobieren entstanden, auch die Stücknamen waren plötzlich da, nachdem wir erst komische Arbeitstitel hatten, plötzlich war dann klar, wie es heißen muss. Und dann staunt man selbst über die Bezüge.

Zehnder: Du kommst dann auf Essenzen und sagst dir, da kann ich ja nicht mehr jodeln, und dann machst du einfach «oloidiolo». Dieses Rückführen, dieses Weggehen und noch weiter Weggehen, was bleibt dann übrig, dieses Ausschälen von Rhythmen und Vokalismen, das war unglaublich spannend. Eine Forschungsarbeit, dadurch entsteht dann eine neue Sprache, die auch Mut braucht. In welche Art von Virtuosität geht man da? Wir hätten natürlich auch so etwas wie die «Blue Men Group» machen können (imitiert deren Sound). Die Gefahr, das man das ausspielt und seine Spezialitäten noch reinspuckt, ist sehr groß, das wollten wir vermeiden, da hat der Oloid schon geholfen.



Hilbe: Er ist ein fokussierendes Element. Du musst gar nicht mehr darüber nachdenken, wie er klingt, denn er begleitet dich durch das ganze Jahr und du hältst inne und sagst zu dir: «OK, warum ist jetzt das Stück so geworden?» Vielleicht weil der Oloid einfach da ist, nicht weil ich ihn konkret studiert habe. Kurz vor der Aufnahme habe ich das Gefühl gehabt, man kann doch so eine Musik nicht einfach auf CD tun. Dann habe ich noch ein paar neue Stücke geschrieben, die mit schönen Melodien mehr in unsere bisherigen Sphären gingen, aber wir haben dann gemerkt, das passt überhaupt nicht auf diese Baustelle!
 


Lässt sich diese komplexe, polymetrische Musik auf der Bühne umsetzen wie auf der CD, oder kommen im Konzert auch Programmierungen, Loops zum Einsatz?



Hilbe: Wir arbeiten schon mit Schichten, ganz bewusst. Das ist eine zusätzliche Resonanz. Aber nicht so, dass es uns einkastelt. Wir können jederzeit entscheiden, wo die Musik hingeht, wann sie sich ändert, wir haben keine festgefahrenen Angaben von der technischen Seite her.

Zehnder: Für uns ist wichtig, dass der Zuhörer mitkriegt, dass wir am Kreieren, am Entdecken sind. Zwar ist die Liveelektronik präsent, aber wir sind dominant. Wir bräuchten das ja nicht, haben beide auch so genug drauf, aber gerade dieser Umstand macht es spannend. Ich habe schon ein paar Mal mit Electronics versucht zu arbeiten, kenne auch die Schwierigkeiten, dieses Mal denke ich gar nicht mehr daran, es verschmilzt alles wie in einem alchemistischen Prozess.

CD und Konzerte

CD: Christian Zehnder & Gregor Hilbe: „Oloid“ (Traumton/Indigo)

Konzerte: 25. + 26.1. Kaserne Basel, weiterer Auftritt am 22.2. im E-Werk Freiburg/Breisgau

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