«die unverheiratete» ist eine fesselnde Zumutung

Das Theater Basel bringt «die unverheiratete» von Ewald Palmetshofer zur schweizerischen Erstaufführung – eine rätselhafte Tragödie, gespielt von sieben herausragenden Schauspielerinnen, die dafür sorgen, dass dem Publikum letztlich die Spucke wegbleibt.

Die Alte (Marlen Diekhoff) und der Chor der Schwestern im Hintergrund (Barbara Horvath, Cathrin Störmer, Carina Braunschmidt und Franziska Hackl).

(Bild: Simon Hallström)

Das Theater Basel bringt «die unverheiratete» von Ewald Palmetshofer zur schweizerischen Erstaufführung – eine rätselhafte Tragödie, gespielt von sieben herausragenden Schauspielerinnen, die dafür sorgen, dass dem Publikum letztlich die Spucke wegbleibt.

Nein, zur erlösenden Katharsis im aristotelischen Sinne, also zu Läuterung der Seele, kommt es in Ewald Palmetshofers Schauspiel «die unverheiratete» nicht.

Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, was schwafelt der von Katharsis und Aristoteles bei der Besprechung eines Stücks, das im Dezember 2014 uraufgeführt wurde und das aus der Feder eines Autoren stammt, der noch keine 40 Jahre alt ist?

Das kann man sich tatsächlich fragen.

Palmetshofer, ein viel beachteter Theaterdichter und Dramaturg am Theater Basel, hat eine Tragödie nach antikem Schema geschrieben. Er erzählt mit einer hoch artifiziellen Sprache (die zuweilen etwas an die seltsame Ausdrucksweise von Meister Yoda aus «Star Wars» erinnert) eine Geschichte von Schuld, aber nicht Sühne, von Verzweiflung, Rache und Verderben aber keiner Erlösung. Ohne gewollte Ironie und gerade durch die Künstlichkeit der Sprache mit einer beunruhigenden Direktheit.

Das klingt dann zum Beispiel so:

wer A sagt muss auch B der muss auch B muss der
so war das immer schon
das war schon immer so dass B nach A kommt B

schon immer B

Und das ohne Punkt und Komma.

Die Mitschuld, die lange nachhallt

«die unverheiratete» behandelt die Mitschuld am Verbrechen an der Menschheit, das die Mitläufer der Nazizeit bis zu ihrem Tode und vielleicht auch darüber hinaus mit und in sich tragen.

Die Geschichte, die sich über 100 Minuten mit vielen Zeitsprüngen und Ortswechseln nach und nach herauskristallisiert, wäre eigentlich schnell erzählt: Eine Frau belauscht wenige Tage vor der Kapitulation der Nazis ein Telefongespräch, in dem eine Desertion angesprochen wird. Sie denunziert den Soldaten, der in den letzten Tagen des Dritten Reichs hingerichtet wird. Kurz darauf wird die Frau als Naziverbrecherin selber zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt, die sie, ohne Reue zu zeigen, absitzt.

Es ist aber auch das Psychogramm von drei Generationen von Frauen – der Naziverbrecherin, ihrer Tochter und Enkelin, welche so etwas wie die Erbschuld mit sich tragen müssen. Und für die es kein Glück im Leben mehr geben kann. Dafür sorgt nicht zuletzt der Chor von vier hundsmäuligen Schwestern, die, Rachegöttinnen gleich, den Finger stets in die faulige Wunde halten. Und die in stetigem Wechsel stellvertretend für die Richter und Mitgefangenen von damals und die kaltherzigen Krankenschwestern von heute dafür sorgen, dass die Schuld ans Licht kommt.

«die unverheiratete» ist eine reine Frauenproduktion – auf und neben der Bühne.

«die unverheiratete» ist, wenn man den Autor Palmetshofer mal weglässt, eine reine Frauenproduktion. Auf der Bühne sind nur Frauen zu erleben, auch wenn es inhaltlich ständig um Männer geht: um den wegen der Denunziation der Grossmutter hingerichteten Soldaten, um den fehlenden Bruder und den vermissten Vater der Mutter und um die unzähligen One-Night-Stands der Enkeltochter.

Aber auch hinter der Bühne ging ein reines Frauenteam zu Werke: Bühnenbildnerin Viva Schudt hat einen Drehbühnenraum geschaffen, der grau in grau das kalte Grauen der Geschichte symbolisiert und die raschen Szenenwechsel und Zeitsprünge ineinander fliessen lässt. Esther Bialas (Kostüme) setzt mit der raschen Verwandlung des Schwestern-Chors von der Trümmerfrauen-Gruppe zu Anstalts-Insassinnen und Krankenschwestern bis zu festlichen Brautjungfern historische Akzente.

Und Regisseurin Felicitas Bruckner geht wie der elektrisierend-pathetische Text auch bei der Inszenierung voll aufs Ganze. Nicht szenisch, hier lässt sie die Protagonistinnen mit einer klugen und präzisen Zurückhaltung agieren, sondern atmosphärisch: Vom ersten Moment an wird die Spannung ganz nach oben gepusht, wo sie sich über die ganze Dauer des Stückes hält. Ein Showdown von 100 Minuten Länge.

Das ist ganz schön anstrengend. Für das Publikum und erst recht wohl für die Schauspielerinnen, welche diese Dauer-Hochspannung auf bewundernswerte Art und Weise halten können.

Es ist ein sperriges Stück, aber «die unverheiratete» ist eine aussergewöhnlich erzählte Geschichte, die zu fesseln vermag.

Da sind die drei Frauen aus drei Generationen, die im Text als «die Junge», «die Mittlere» und «die Alte» bezeichnet werden. Die Alte (Marlen Diekhoff) ist des Lebens müde. Nicht, weil ihre Schuld an ihr nagt (diese weist sie stur von sich), sondern weil sie alt geworden ist und verbittert. Nur die Begegnung mit der Enkelin kann ihr noch ein Lächeln abringen.

Die Alte ist die einzige, die überhaupt noch lächelt. Die Junge (Pia Händler) bleibt bierernst, wenn sie sich an ihre zahlreichen One-Night-Stands zurückerinnert. Sie ist eine Power-Frau, die, wie es scheint, früh sehr erwachsen und abgeklärt geworden ist. Das mag auch an der Beziehung zur Mittleren beziehungsweise ihrer Mutter (Katja Jung) liegen.

Diese hasst ihre Mutter, also die Alte, abgrundtief und leidet darunter, dass ihre Tochter ihr nicht genügend Aufmerksamkeit entgegenbringt. Sie leidet auch darunter – und hier konstruiert Palmetshofer einen ganz direkten Bezug zur antiken Tragödie, nämlich zu «Elektra» –, dass sie keinen Bruder hat und den Rachemord an ihrer Mutter selber vollziehen müsste, wenn sie es denn könnte.

Soweit die drei Individuen, stark gespielt von ihren Darstellerinnen.

Bestechend agiert der Chor der vier «hundsmäuligen Schwestern». Sie sprechen nicht eigentlich im Chor, sondern geben sich Versatzstücke von Aussagen oder Sätzen spielend wie Stäbe bei einer Stafette weiter. Und dies in einer faszinierenden Präzision, die zuweilen fast vergessen lässt, dass hier vier Mäuler sprechen und nicht nur eines.

Es ist ein sperriges Stück, in dem viel erzählt wird und das nicht allzu viele Dialogszenen enthält. Aber es ist eine aussergewöhnlich erzählte Geschichte, die zu fesseln vermag. Besonders, wenn sie von so einem herausragenden Ensemble dargebracht wird, wie es das Theater Basel aufzuweisen hat.

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Theater Basel: «die unverheiratete» von Ewald Palmetshofer (SE). Die weiteren Vorstellungen: 26. und 31. März sowie im April im Schauspielhaus.

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