Die verlorene Wunderkammer von Felix Platter

Vor 400 Jahren ist der bedeutende Basler Mediziner Felix Platter gestorben. Das Historische Museum Basel präsentiert in einer Vitrinenausstellung Einblicke in die ehemals berühmte Wunderkammer des Stadtarztes, die heute weitgehend verloren ist.

Klägliche Reste einer einst berühmten Wunderkammer: Die Sammlung von Felix Platter (1536 – 1614) (Bild: Historisches Museum Basel)

Vor 400 Jahren ist der bedeutende Basler Mediziner Felix Platter gestorben. Das Historische Museum Basel präsentiert in einer Vitrinenausstellung Einblicke in die ehemals berühmte Wunderkammer des Stadtarztes, die heute weitgehend verloren ist.

Felix Platter? Die meisten Baslerinnen und Basler bringen mit diesem Namen wohl das gleichnamige Spital in Verbindung, das die Funktion als Zentrum für Universitäre Altersmedizin hat.

Dass dieses Spital nach der am 28. Juli vor 400 Jahren verstorbenen Persönlichkeit benannt ist, hat sehr wohl seine Begründung: Platter (1536–1614) verschaffte sich als Basler Stadtarzt, Wissenschaftler und Medizinprofessor weit über die Grenzen der Stadt hinaus einen ausgezeichneten Ruf. Über 300 Leichen soll er seziert haben – eine davon öffentlich in der damaligen Kirche zu St. Elisabethen, die irgendwie recht «offen» gewesen sein muss, obschon sie mit der Offenen Kirche von heute nichts zu tun hat.

Leidenschaftlicher Sammler

Weniger bekannt indes ist Platters Wirken als leidenschaftlicher Sammler. Sein Kunst- und Raritätenkabinett war zu seinen Lebzeiten so bekannt wie das seines Zeitgenossen Basilius Amerbach (1533–1591), dessen Wunderkammer als Ursprung der ältesten öffentlichen Kunstsammlung der Welt in die Geschichte einging.

Die Bewunderer von Platters Sammlung äusserten sich ausgesprochen begeistert über das Gesehene: «Allso dass einer sich darob vergafft und des Munds offen vergisst», soll der Luzerner Apotheker und Stadtschreiber Renward Cysat ausgerufen haben, als er Platters Sammlung gesehen hatte. Matthäus Merian d. Ä. pries in seiner «Topographia Helvetiae» «dess D. Plateri Kunstkammer, darinnen in 2 Gemächern viel tausendt Kunststücke unnd Wunderwerck der Natur gewiesen werden» als eine der grössten Sehenswürdigkeiten Basels.

Von anatomischen Präparaten bis zum lebendigen Elch

Platters Sammlung war in ihrer Mischung von Kunstwerken, Antiquitäten, Münzen, Büchern, religiösen Devotionalien, Zeugnissen aus fernen Ländern, anatomischen Präparaten sowie naturwissenschaftlichen Objekten und Folianten typisch für die Kunst- und Raritätenkabinette seiner Zeit. Platter «sammelte» überdies Zitronen- und Orangenbäume, mit denen er einen lukrativen Handel betrieb, und im Garten seines Hauses am Petersgraben soll ein ausgewachsener Elch für Verwunderung und etwas Schrecken gesorgt haben.

Platters Sammlung konnte gegen Eintrittsgeld besucht werden. Wenn man von den schriftlichen Zeugnissen der damaligen Besucher ausgeht – zu den Bewunderern von Platters Kabinett gehörte auch der französische Humanist Michel de Montaigne –, dann vermochte das reichhaltige Herbarium mehr zu begeistern als die Kunstwerke.

In alle Winde zerstreut

Das Kabinett des Felix Platter ereilte schliesslich dasselbe Schicksal wie viele der bürgerlichen Sammlungen aus jener Zeit. Mit den Jahren, spätestens aber im 18. Jahrhundert, nach dem Tod von Platters letzten direkten Nachkommen, wurde die Sammlung verstreut. Die Sammlung von Kunstobjekten ist heute nur noch vereinzelt rekonstruierbar. Einige Bände der damals vielbeachteten Herbarien befinden sich heute im Besitz der Berner Burgerbibliothek, einen Band mit Darstellungen von Naturobjekten besitzt die Universitätsbibliothek Basel.

Vor vier Jahren erst wurde in der Amsterdamer Universitätsbibliothek eine Sammlung von kolorierten Tierzeichnungen entdeckt, die einst zu Platters Sammlung gehörten. Platter hatte diese vom bekannten Zürcher Gelehrten Conrad Gessner erworben. Unter den vielen wertvollen Zeichnungen befindet sich auch die Darstellung eines Damhirsches, als deren Urheber Hans Holbein d. J. angegeben ist. Wie die Zeichnungen nach Amsterdam gelangt sind, ist noch nicht bekannt. Der Fund wird aber in Fachkreisen als Sensation gewertet.

Gichtzehe und Frauenskelett

Zu den in Basel verbliebenen Objekten gehören gegen 180 kleine Schächtelchen mit zum Teil skurril wirkenden Objekten wie Nierensteinen, einem Stein aus der Gichtzehe einer alten Frau, Versteinerungen und Schneckenhäusern. Sie gehören zum Grundstock der Sammlung des Naturhistorischen Museums Basel. Zu den bekanntesten, heute noch in Basel zu sehenden Objekten, gehören die Reste des Skelettpräparats einer Frau aus dem Jahre 1573, das heute im Anatomischen Museum der Universität Basel zu bewundern ist.

Eine kleine Auswahl aus Platters Sammlung ist nun anlässlich des 400. Todestags (am 28. Juli) in einer Spezialvitrine im Historischen Museum Basel zu sehen: unter anderem eine wunderbare farbige Zeichnung eines Papageis, ein präparierter Affenschädel, eine versteinerte Krabbe und weitere kleine Sammlungsobjekte.

_
Die Kleinstausstellung mit dem Titel «Das verlorene Kabinett. Zum 400. Todestag des berühmten Basler Mediziners Felix Platter (1536–1614)» dauert noch bis am 23. November.
Am 20. August (12.15 Uhr) führt Lorenz Heiligensetzer, Mitarbeiter der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der Basler Universitätsbibliothek, durch die Ausstellung.

Konversation

  1. Die hatten ja am Beginn der anatomischen Forschung im Mittelalter riesige Skrupel aktiv in die Schöpfungsgeschichte einzugreifen. Einen Verstorbenen zu öffnen, ihn in Stücke zu schneiden, das war ausserordentlich gewagt. Gott sieht alles! Daher fanden die Leichenschauen unter Ausschluss des gemeinen Volkes statt, nur hohe Gelehrte waren zugelassen, keine Frauen durften anwesend sein. Um Gott gnädig zu stimmen musste immer ein Priester anwesend sein, auch in den später entstandenen Anatomischen Theatern. Die Kirche war am Anfang der vertiefenden Körperforschung der natürliche Ort, wo eben ein Eingriff in die Schöpfung gewagt werden konnte. Zur Sicherheit wurde oft auch noch ein Rabbi aufgeboten!

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Im Mittelalter schon – „Bajass d Amour“- und bis in die frühe und mittlere Renaissance hinein- da Vinci hatte noch Grosse schwierigkeiten an Präparate zu kommen… aber berweits eine Generation danch hatte Andreas Vesalius an der Uni Padua solche Probleme nicht mehr- das Bewusstsein änderte sich- nur deshalb konnte der sein de Humani Corporis fbrica vollenden weshalb er zwecks Drucklegung anno 1543 nach Basel kam wegen der best beleumundeten Officin (Druckstuiuben) hier…
      Da war Felix Platter ein Knabe von 7 Jahren- er wandelte also später auf den spuren von Vesalius die dieser Ihm gelegt hatte- kurz: Felix Platter hatte es nicht mehr so schwer an Leichen zu kommen wie noch hundert Jahre zuvor ein Leonardo- OK ?
      P.S. Der Historische Rang von Felix Platter verdankt sich auch seinem Wirken als Pestarzt -keiner vor Ihm war so Akribisch, was das Notieren von Name Alter Geschlecht, Beruf, Wohnadresse usw. usw. anging- weshalb man später anhand seiner angaben den „Zug“ der Pestepidemie durch die Stadt einmalig klar nachzeichnen konnte- Kurz: Felix Platter ist wohl einer der begründer der Epidemiologie- ohne das damlas zu wissen- aber: Ehre wem Ehre gebührt !

      Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (4)

Nächster Artikel