Die verlorenen Seelen und die musikalischen Geister

Nach ihrem erfolgreichen Einstand als Musiktheater-Gespann mit «Ars moriendi» lassen die Theatergruppe CapriConnection und die Schola Cantorum in der Reithalle der Kaserne Basel nun «Ars vivendi» folgen. Es wird aber allzu rasch klar, dass die Musik der Lebenskunst ungleich viel näher ist als Burnout-Kandidaten auf dem Selbstfindungstrip.

Auch Lebenskunst ist schwierig: Susanne Abelein und das Musikensemble der Schola Cantorum Basiliensis (Bild: Susanne Drescher)

«Ars vivendi» von CapriConnection und der Schola Cantorum Basiliensis ist ein Musiktheaterprojekt, das vor allem wunderbares Hörvergnügen bereitet, inhaltlich und szenisch indes etwas gar eindimensional bleibt.

Ja wenn sie die guten musikalischen Geister, die eigentlich allgegenwärtig sind, nur hören oder spüren könnten! Aber ganz und gar in ihren verinnerlichten und unzulänglichen Lebensumständen verhaftet, bleiben die drei Menschen, die an diesem abgelegen Ort in der Natur einen Weg aus ihrer Sinnkrise suchen, hoffnungslose Fälle. So gehen sie, wie sie bereits gekommen sind: als verlorene Seelen, unfähig, die Konventionen und Zwänge der modernen Welt auch nur etwas aufzubrechen.

Die drei Menschen (Susanne Abelein, Ursula Reiter und Peter Zumstein) sind ganz normale Stadtmenschen von heute in ihren ganz normalen Sinnkrisen. Sie suchen eine Auszeit an einem abgelegenen Ort mitten in der schönen Natur, in einem Funkloch gar, um vom Alltag unbehelligt ein Stückchen Lebenskunst oder gar Glück wieder zu gewinnen. In der einsamen Hütte werden sie von einem älteren Aussteiger (Hans Jürg Müller) empfangen, der zwar schon seit längerem in der Abgeschiedenheit lebt, als Meister der Lebenskunst aber dennoch nicht wirklich zu überzeugen vermag. Dabei wäre die wahrhaftige Lebenskunst greif- oder besser hörbar nahe: als Geisterstimmen einer vergangenen Zeit, manifestiert in der Musik des Frühbarock (darunter viele wundervolle Gesangskompositionen von Claudio Monteverdi), welche die Vorstellungen des Goldenen Zeitalters oder von Arkadien mit dem Menschen als unbeschwerten Hirten in einer idyllischen Natur wieder heraufbeschwor.

Von der «Ars moriendi» zur «Ars vivendi»

Augangspunkt für die erneute Zusammenarbeit von CapriConnection mit der Schola Cantorum Basiliensis dürfte, wer würde es den Protagonisten verübeln, der erfolgreiche Einstand der beiden eigentlich recht unterschiedlichen Künstlergruppen gewesen sein: Vor drei Jahren fanden sie sich, angeregt durch die künstlerische Leiterin der Kaserne Basel, Carena Schlewitt, zu einer ersten szenischen Zusammenarbeit zusammen. «Ars moriendi» hiess das damalige Projekt, ein «Musiktheater über die Kunst des Sterbens», das international zu Recht viel Beachtung fand.

Und nun lassen CapriConnection und die Schola Cantorum Basiliensis, geführt durch die Regisseurin Anna-Sophie Mahler und den Musikalischen Leiter Anthony Rooley, also quasi als Sequel oder Gegenpol «Ars vivendi», ein «Musiktheater über die Lebenskunst» folgen. Ebenfalls wieder mit von der Partie sind der Bühnenbildner Duri Bischoff, der in den leeren Raum das Gerippe einer einfachen, aber zweckmässigen und recht geräumigen Hütte in der freien Natur setzte, und die Kostümbildnerin Mirjam Egli, welche die Protagonisten in unaufdringlichen Outdoor-Look und die Musiker in diskrete helle Schlabberkleidung gesteckt hat.

Aussagen von Lebenskunst-Experten

Basierte das inhaltliche Gerüst bei «Ars moriendi» noch auf einem philosophischen Diskurs zum Thema, werden dem Ensemble bei «Ars vivendi» nun richtige Spiel- und Dialogszenen gegönnt. Laut Programmblatt fussen diese Texte unter anderem auf «Interviews mit verschiedenen Lebenskunstexperten». Da ist dann also von der «Von-weg-Motivation» und «Hin-zu-Motivation» die Rede, davon, dass das Universum so unvorstellbar gewalttätig sei oder dass man doch statt E-Mails wieder mal richtige Briefe schreiben sollte.

Wer solche Sätze von sich gibt, ist der wahren Lebenskunst beileibe nicht sehr nahe. Ganz anders die frühbarocke Musik, die das scheinbare Ideal eines Lebens jenseits von gesellschaftlichen Zwängen verkörpert. Anfangs halten sich die sechs Sängerinnen und Sänger sowie die zwei Musiker noch im Hintergrund, lullen die verzweifelten Sinnsucher von aussen her mit den wundervollen polyphonen Klängen ein. Nach und nach rücken die musikalischen Geister aber näher, gehen gar auf Tuchfühlung mit den drei Menschen in der Hütte. Doch diese so unterschiedlichen Welten vermögen letztlich nicht zusammenzufinden.

Ein musikalischer Genuss

Der rund zweistündige Abend lebt in erster Linie von der Musik. Zu erleben ist ein eindrückliches junges Ensemble an jungen Musikerinnen und Musikern, die nicht nur klanglich, sondern auch spielerisch zu begeistern vermögen. Dagegen haben es die Schauspielerinnen und Schauspieler, die in ihren von Plattitüden beherrschten Texten gefangen bleiben, nicht leicht. Die starre Unfähigkeit, aus den einengenden Konventionen auszubrechen, mag zwar wirklichkeitsnah sein. Auf der Bühne aber wirkt das Ganze, zumal die Regie auf Überraschungsmomente oder Brüche weitgehend verzichtet, auf die Dauer etwas eintönig. So plätschert der Abend letztlich in zwar einnehmender, aber letztlich zahmer Schönheit vor sich hin.

 

 

«Ars vivendi»
Ein Musiktheater über die Lebenskunst (UA)
Von CapriConnection & Schola Cantorum Basiliensis
Regie: Anna-Sophie Mahler, Musikalische Leitung: Anthony Rooley, Bühne: Duri Bischof, Kostüme: Mirjam Egli, Dramaturgie/Produktionsleitung: Boris Brüderlin, Licht: Brigitte Dubach
Mit: Susanne Abelein, Hans Jürg Müller, Ursula Reiter, Peter Zumstein sowie Regina Dahlen, Jenny Högström, Lior Leibovici, Tiago Mota, Mathias Spoerry, Maria Weber (Gesang), Joan Boronat Sanz (Orgel/Cembalo) und Ziv Braha (Laute)

Die nächsten Vorstellungen: 28. Februar, 1., 2. und 4. März 2013 in der Kaserne Basel (Reithalle)

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