Dieser Quartier-Rundgang öffnet Ihnen garantiert die Ohren

«Widerhall an der Grenze» nennen die Macherinnen ihren Audio-Walk, der in den Norden des Iselin-Quartiers und zu seinen zumeist von weither angereisten Bewohnerinnen und Bewohnern führt.

Auch Sicherheitsdirektor Baschi Dürr und Soziologie-Legende Ueli Mäder sind unterwegs durch die Terra incognita.

Sie heissen Barihan, Ardiana, Yorkabiel, Ali, Rosaria oder Georg. Sie stammen aus Syrien, aus dem Kosovo, Eritrea, Kurdistan, Spanien und der Schweiz.  Und sie erzählen Geschichten über ihr Leben im gesellschaftlichen Grenzbereich. Sie vermitteln Einblicke in die Geschichte des Quartiers im Norden Basels, das sich an der geografischen Grenze zum elsässischen Burgfelden befindet.

Über Funkkopfhörer hören wir ihre Stimmen, zuweilen vom Band – zum Beispiel als Flüsterton, der scheinbar aus einem Briefkasten herauszwitschert – immer wieder aber auch live gesprochen und über ein Mikrofon übertragen. Ein Mikrofon, das die Form eines Kopfes hat, die Mikrofone an den Plastik-Ohren, und somit die Töne und Umgebungsgeräusche sehr authentisch aufnimmt.

Geschichten von Menschen, die von weit her nach Basel kamen.

Wir, das sind die Teilnehmenden des dokumentarischen Audio-Walks der Gruppe Recycled Illusions mit dem Titel «Widerhall an der Grenze».  Der von Isabelle Stoffel konzipierte und inszenierte Walk vermittelt ein vielleicht nicht ganz umfassendes Bild des Quartiers, das mit 37,5 Prozent einen deutlich kleineren Ausländeranteil hat als die Quartiere auf der Kleinbasler Seite.

Dieser Anteil dürfte im nördlichen Teil des Iselin, wo sich unter anderem  Notwohnungen des Kantons befinden, deutlich höher sein.

Aufschlussreicher Spaziergang durch Terra incognita

Und dort führt der Walk durch. Er ist gerade wegen der subjektiven Eingrenzung auf den ausländischen Teil der Bevölkerung sehr aufschlussreich. Wir spazieren durch einen geografischen und gesellschaftlichen Raum, der für mich und wohl viele der weiteren Spaziergänger zu einem grossen Teil unbekannt, also Terra incognita, ist:

  • Wir erfahren aus dem Mund des Gärtners und Quartierhistorikers «Herr Hänni», dass dort, wo eigentlich längst ein Standplatz für Fahrende entstehen sollte, einst ein Internierungslager für jüdische Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland war.
  • Yorkabiel aus Eritrea sagt, dass sie nicht immer nur über ihre Herkunft sprechen möchte, weil das nicht massgebend sei für ihre Persönlichkeit. Sie erzählt, dass sie am liebsten Sängerin werden möchte. Und dass sie, weil das so schwer zu verwirklichen sei, als Alternative den Beruf der Ärztin ins Auge fasse. Später treffen wir sie auf dem Robi-Spielplatz wieder, wo sie auf der Planke des Piratenschiffs mit der Gitarre auf dem Schoss ein Lied singt.
  • Sakher aus dem syrischen Aleppo erzählt am Grenzzaun zu Frankreich, dass er wegen seines Aufenthaltsstatus F für vorläufig aufgenommene Flüchtlinge seinen ebenfalls aus Aleppo geflüchteten Vater in Lörrach nicht besuchen kann.
  • Anna erklärt auf dem Israelitischen Friedhof Besonderheiten des jüdischen Bestattungswesens, während von den Familiengärten in der französischen Nachbarschaft aus ein babylonisches Sprachgewirr in die Szenerie einfliesst.

Begegnungen mit Menschen, die Teil von Basel sein wollen

Das sind nur ein paar der vielen Eindrücke, die auf uns Spaziergänger einprasseln. Eindrücke aus dem Leben von Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig nach Basel gekommen sind, die zum Teil hier geboren oder schon lange hier sind, denen man dies aber nicht unbedingt ansieht oder anhört.

Der Walk bietet diesen Menschen und mir die Möglichkeit, ganz unaufdringlich in Kontakt zu treten.

Yorkabiel singt auf dem Piratenschiff. Sie wäre gerne Sängerin – oder Ärztin.

Es sind Menschen, die wie ich Teil der Basler Gesellschaft sind oder sein möchten, was aber viel Mühe bereiten kann. Wie Barihan aus Syrien zum Beispiel, auch sie vorläufig aufgenommen. Sieben Jahre lebt sie hier, mit Einschränkung des F-Ausweises. Einen B-Status erhält sie aber erst, wenn sie sich als wirtschaftlich integriert beweisen kann. Mit dem F im Ausweis erhält sie jedoch keinen Job.

Geführt werden wir von Mona Petri, die mit dem Kunstkopf-Mikrofon vorangeht, in das die Mitspieler, die auftauchen und wieder verschwinden, hineinsprechen. Mit ruhiger Stimme stellt sie die Bewohnerinnen und Bewohner vor und erzählt etwas über die Häuser und Strassen, die wir passieren.

Der Walk endet auf dem Robi-Spielplatz Bachgraben. Es gibt einen Apéro mit wunderbaren Häppchen, die von einer Frau zubereitet wurden, die den Ramadan feiert und den ganzen heissen Tag hindurch nichts essen und trinken durfte.

Und es gibt ein kurzes Podium mit Mitspielern und Gästen. Bei der Generalprobe am Sonntag waren der Justiz- und Sicherheitsdirektor Baschi Dürr, der Soziologe Ueli Mäder, Moreno Casasola von der Basler Freiplatzaktion sowie ein Ehepaar aus Syrien dabei und sprachen unter der Leitung von Christoph Keller von SRF 2 über Aufenthaltsgenehmigungen. Bis zum 3. Juni stehen als weitere Themen unter anderem Religion, Bildung und Kultur auf dem Programm.

«Widerhall an der Grenze», ein Audio-Walk durch den Norden des Iselin-Quartiers.

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