Du sollst mit dem Essen spielen

Wenn die Gastronauten kochen, wird das Essen zum Spektakel. Am Schluss spielen die Gäste mit Zuckerkügelchen. Essen ist Lebendigkeit, sagen die Gastronauten. Unsere Autorin hat mitgespiesen.

Ein ordinärer Tisch geht crazy. Nach dem Dessert ist das Werk vollbracht.

Wenn die Gastronauten kochen, wird das Essen zum Spektakel. Am Schluss spielen die Gäste mit Zuckerkügelchen. Essen ist Lebendigkeit, sagen die Gastronauten. Unsere Autorin hat mitgespiesen.

Erwartungsvoll schauen die Gäste auf die lange, gedeckte Tafel. Sehr ordinär schaut sie aus. Seltsam. Schliesslich haben die «Gastronauten» zum Dinner geladen, auf den Campus der Künste. Und es ist Art-Woche. Dieses Essen kann nicht normal enden.

Die «Internationale Gastronautische Gesellschaft», das sind drei junge Basler. Sie erforschen Essen (Nomen!) und essen (Verb!), von der Plastikgabel über das Lavendelöl bis zum Food-Selfie, kurz: in all seinen Aspekten. Ihre Forschung kommt in Performances und Inszenierungen daher, die immer anders ausfallen und immer eins gemeinsam haben: Eine Ess-Metaebene entfaltet sich.

Mal geht es um den Geschmackskörper, mal um die Gemeinschaft der Essenden, mal um das Geschirr. «Wir betrachten es als unsere Aufgabe, die Lebendigkeit und Vielfalt des Essens sichtbar zu machen. Wir werden die Erscheinungsformen und -weisen vermessen und verspeisen», liest man im Manifest der Gastronauten. 

Alles im grünen Bereich: Der Tisch tropft

Was auch immer sie an diesem Dienstagabend vorhaben, zuerst einmal schreiten die «Gastronauten» in Blümchenbluse mit einer meterlangen Plastikfolie zwischen Tischkante und Gästen durch. Was das nun soll? Sie lächeln milde. Das, liebe Gäste, ist die Serviette, der Community-Körperschutz, wenn man an den Tisch rückt. Dieser tropft nämlich, grün und leise, vor sich hin. 

 «Überlassen wir uns ganz und gar der Nahrung, nicht aus Verzweiflung, sondern entschieden, schöpferisch, Hände, Augen, Nasen und Münder weit geöffnet, damit sie aus der Fülle gespeist werden können», heisst es im Manifest. 

Mit fast so viel Enthusiasmus sitze ich am Tisch. Und freue mich über die Plastikfolie, denn die Gänge halten sich nicht so wirklich an die Tellergrenzen. Die Suppe wird aus einem Schlauch auf die Teller gespritzt. Der Salatkopf hat als Teller nur einen gelöcherten Pappkarton. Man darf die Farbe der Sosse wählen. Man kriegt sie nur nicht unbedingt. Das weisse Tischtuch kriegt aber schöne Farbflecken. Besteck gibt es nicht für die Salatblätter. Das ist nicht für alle einfach, aber: Prosecco hilft.

«Wie wollen Sie das nur beschreiben?»

Den Hauptgang müssen die Gäste sich gemeinsam ranholen und die langen Tapasbretter weiterreichen. Jetzt muss man ein bisschen reden. Die grünen und gelben Paprikas entleeren lila und orange Sossen, Teller gibt es nicht, die Hände werden farbig und der Tisch bunt und bunter. «Kann ich die Hände am Tischtuch abwischen?», fragt einer. Mit diesem Tischtuch lässt sich alles machen, weiss die Dame neben ihm. Die Spuren des Essens: überall. Auch auf der Plastikfolie.

Das Dinner ist Teil einer Performance, die bis Donnerstag an der Hochschule der Künste stattfindet. Deshalb stehen da plötzlich Neugierige um uns, zücken ihre Handys, fotografieren die ausgelassene Dinnertafel, die bunt gefärbten Münder. Esskultur oder Essen frisst Kunst oder: «We are part of the performance», wie meine Sitznachbarin feststellt. Sie ist Performancekünstlerin. Sie weiss es sicher. Sie fragt sich nur, wie ich das alles beschreiben werde.

Erweitertes Farbspektrum

Für den letzten Gang hat sich unsere Tafel nochmals gehäutet, das fleckige Tischtuch ist der tropfenden Geleemasse, die jeden Regenbogen an Farbigkeit übertrifft, gewichen. «Alles, was Sie fürs Dessert brauchen, finden Sie in der Geleemasse», künden die Gastronauten an und lassen Pannacotta-Rechtecke auf die Tafel plumpsen. Wir graben die Löffel aus, die süssen Sossen, die in Tütchen verpackt sind. Der Berliner gegenüber ist begeistert. Die Performancekünstlerin stanzt mit ihrem Glas bunte Geleekreise aus, der Brasilianer neben mir zeichnet Kreise mit dem Erdbeersösschen.

Und die Gastronauten, die beobachten uns lächelnd.

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Am Donnerstag, 16. Juni um 20.15 Uhr, findet die Performance der Gastronauten nochmals statt. Das Dinner kostet 70 CHF, für Studenten 20 CHF. Anmelden kann man sich unter: kommunikation.hgk@fhnw.ch

Konversation

  1. wirklich hohe kunst, sowas zu geniessen.*

    die alten römer aus dekadenzien hatten auch schon diese ambitiöse gastritis … die haben die geschichte sogar enorm kultiviert: um beliebig lange tafeln zu können, haben sie sich zuweilen den gaumen mit pfauenfedern gekrault – und so wieder anständig raum geschaffen …

    (wann kommt denn das wieder: wer möchte nicht gar zu gerne endlich mal öffentlich kotzen?)

    *art-sponsoring partners: «foodwaste», «be aware and share» & «tawo»

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  2. Eine Gastrokritik ohne ein einziges Wort darüber, ob das Essen geschmeckt hat. (Habe ich mich jetzt als Banausin geoutet?)

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