Ein Hybrid aus Techno und Klassik

Das Sinfonieorchester Basel geht in der Kooperation mit Techno-Koryphäe Moritz von Oswald und Pianist Francesco Tristano neue Wege. 

Pianist, Produzent, Brückenbauer: Mit 31 Jahren hat sich der Luxemburger Francesco Tristano bereits in vielerlei Hinsicht weltweit einen Namen gemacht. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Das Sinfonieorchester Basel geht in der Kooperation mit Techno-Koryphäe Moritz von Oswald und Pianist Francesco Tristano neue Wege.

Viel Lob war zu hören über ihn in den letzten Jahren: Er sei ein «Wunderkind», ein «junges Genie» sogar, auf jeden Fall aber ein Pionier. Die Rede ist von Francesco Tristano aus Luxemburg, Jahrgang 1981, der zurzeit auf Einladung des Basler Sinfonieorchesters in Basel weilt, um am Samstag mit «Technophonix» unter seiner Leitung ein neuartiges Konzept in der Basler Kaserne zur Aufführung zu bringen. Und – wenn man sich in Klassikkreisen umhört – auf dem besten Wege ist, ein «Starpianist» zu werden: aber der Starpianist einer neuen Generation.

Denn auch wenn Tristano als ausgezeichneter Bach-Interpret gilt, der regelmässig mit dem Russischen ­Nationalorchester und den Luxemburger Philharmonikern auftritt oder – soeben als Gastsolist mit dem Sin­fonieorchester Basel Gershwin-Nummern auf die Bühne bringt – die weltweite Aufmerksamkeit hat er anderweitig auf sich gezogen. Mit Projekten, die bis vor Kurzem undenkbar schienen. Projekte, denen etwas Subversives anhaftet, weil sie die Musik der zeitgenössischen Clubszene, House und Techno, mit Klassik vereinen.

So etwa mit «Not for Piano», wo Tristano 2007 lauter Klassiker des Detroit Technos wie Derrick Mays «Strings of Life» als Solo-Klavierrezital im Geiste der Minimal Music veröffentlichte, was hohe Wellen schlug. Ist das noch elektronische Musik oder bereits Klassik, fragte sich manch Musikkritiker, oder ist es vielmehr eine neue Form von Crossover?

Weder Crossover noch Fusion

Fragen, die immer wieder aufs Neue gestellt wurden, wenn Tristanos Projekte Premiere feierten: Etwa sein Trio Aufgang, das aus Klavier, Schlagzeug und elektronisch produzierten Klangwelten besteht. Oder sein bis anhin berühmtestes Unterfangen, die «Supergroup» mit dem Detroiter Techno-Pionier Carl Craig und Moritz von Oswald. Letzterer verband mit Projekten wie «Basic Channel» Anfang der 90er-Jahre den deutschen Techno mit experimentellem Sounddesign und Dub und revolutionierte damit die Szene nachhaltig.

Fragen nach der Form steht der Urheber kritisch gegenüber, wie sich im Gespräch zeigt: Tristano sitzt im ­Solistenzimmer des Basler Stadt­casinos, ein hochgeschossener junger Mann mit sympathischem, spitzbübischem Lächeln, grossem Wortschatz und noch grösserem musiktheoretischem Wissen, und rümpft erstmals leicht die Nase. «Ich mag diese Be­griffe­ einfach nicht», sagt er. «Crossover, das war für mich der Versuch der 60er-Jahre, Jazz aus den Kellern zu holen und ihm einen bürgerlichen Anstrich zu geben, also ihn als E-Musik salonfähig zu machen. Daraus entstanden zwar hochinteressante Sachen, aber die Stossrichtung dahinter empfinde ich als zwiespältig. Fusion war dagegen freier angelegt, was dabei aber herauskam, scheint mir oft schwierig. Meist war die Idee gut, aber das Resultat eher anstrengend», meint er, nicht ohne Ironie.

Seine eigene Musik betitelt Tristano­ lieber als «Hybrid». Das unterstreiche die Idee, dass Musik alles sein kann, und wirke dem Schub­ladendenken entgegen. «Dasselbe Stück kann im einen Kontext zu Clubmusik werden, im anderen Kontext ein Konzertpublikum begeistern. Eigentlich ist es nicht ein neues Genre, sondern nur die Einsicht, dass Musik viel mehr sein kann, als wir ihr meist zugestehen.»

Daft Punk und John Cage

Tristanos eigene Biografie ist dafür das beste Beispiel: Als er, der mit fünf Klavier zu spielen begann und mit 13 bereits seine eigenen Kompositionen aufführte, 1998 nach New York zog, um mit 16 an der renommierten Juilliard School zu studieren, begeisterten ihn sein Master-Class-Lehrer Bruce Brubaker genauso wie die Clubs und ihre berühmten House-DJs wie Danny Tenaglia. «Schon als Kind hörte ich genauso gern Pink Floyd wie ­Vivaldi, später, als Jugendlicher begeisterte ich mich für Daft Punk und Bach, nun schlug mich die zeitgenössische Musik in ihren Bann, Cage und Techno.» ­

Beiden gemeinsam sei, dass man die Musikgeschichte in ein «davor und danach» einteilen konnte: Während Cage Komposition und Musiktheorie revolutionierte, eroberte Techno die Clubs, «und wurde als erstes Genre ein wirklich weltweites Phänomen, das bereits durch seine intrinsische Struktur globale Musik ist».

Auch Tristano weiss, dass die Idee, zwei Enden zeitgenössischer Musik zu verbinden, nicht grundlegend neu ist: Schon als die Rockmusik sich global durchgesetzt hatte, in den späten 60er- und in den 70er-Jahren, gab es sinfonische Projekte.

Als sich während seines Studiums die Idee konkretisierte, elektronische Musik und Klassik zu verbinden, sei er alles andere als alleine gewesen: «Schon als ich in die USA kam, gab es da eine ganze Menge Leute, die gleich dachten und ähnliche Projekte verfolgten.» Noch viel mehr: «Es waren ja klassische Komponisten, Stockhausen, Nono, Ligeti, die als Erste überhaupt mit elektronischer Musik gearbeitet haben. Das waren Visionäre für alle Gebiete zeitgenössischer Musik.»

Genre-Grenzen sind nur da, wenn man sie selber sehen will.

Doch längst nicht nur Visionäre würden diese Art Kooperation schätzen: «Ich habe schon vor einem erzklassischen Publikum Standing Ovations erhalten, und ich habe bereits in Clubs Bach gespielt und die Leute zum Tanzen gekriegt. Diese Grenzen zwischen den Genres sind ja nur da, wenn man sie sehen möchte, oder umgekehrt: Die Gemeinsamkeiten sind oft grösser als die Unterschiede.»

Gemeinsamkeit: der Tanz

Aus einer anderen Perspektive betrachtet ist Tristanos Werk nämlich durchaus stringent: In seiner Biografie dominiert das Unterfangen, Tanzmusik auf die Konzertbühne zu bringen. «Jede Musik besteht eigentlich grundsätzlich aus Stimme oder Stimmersatz und Puls, also Rhythmus und Herzschlag – was beide verbindet, ist Bewegung», erklärt Tristano die Philosophie, die seiner Arbeit zugrunde liegt: «Daher mag ich Barockmusik genauso gerne wie Techno und House. Der Unterschied liegt nur in den Produktionsmitteln – beziehungsweise der Frage, wie man diese Musik zur Aufführung bringt.»

Damit spricht Tristano auch ein zentrales Problem jener grenzüberschreitenden Projekte an: Wo und wie können und sollen solche Kooperationen überhaupt aufgeführt werden? Dass das Interesse daran da ist, das haben in den letzten Jahren eine Vielzahl von erfolgreichen Veröffentlichungen zwischen Klassik und Club, vom Berliner Enfant terrible Ricardo Villalobos auf der deutschen Grammophon, vom britischen House-Komponisten Herbert bis zum Hamburger Tech-House-Melancholiker Stimming bewiesen. Doch was bei grossen Namen gefragt ist und für Musikliebhaber zu Hause auf Vinyl, CD oder MP3 bereits bestens funktioniert, ist live schwieriger umzusetzen als gedacht.

Wie kriegt man ein Konzertpublikum in den Club, wie kriegt man Clubber oder Raver in den Konzertsaal? Das ist eine der Fragen, die nicht nur Tristano beschäftigt. Auch Yannick Studer, der Tristanos Werdegang seit Längerem verfolgt und nach seinem Pariser Auftritt mit Moritz von Oswald und Carl Craig auf den Pianisten zuging, um die Zusammenarbeit mit dem Basler Sinfonieorchester aufzugleisen, «weil es eine unglaublich spannende Sache ist», steht vor denselben schwierigen Aufgaben.

«Clicks» statt Taktstock

Nicht nur weil die Musiker sich daran gewöhnen müssen, ohne Dirigenten zu «Clicks», dem Metronom über Kopfhörer, zu spielen: «Oft sind es ganz praktische Probleme, etwa bei der Raumakustik. Ein elektronischer Bass klingt nunmal in einem Konzertsaal anders, und umgekehrt ist es eine Herausforderung, ein Kammerorchester in einer Kneipe unverstärkt gut klingen zu lassen», bilanziert der Projektleiter des Sinfonieorchesters aus der Erfahrung seiner ersten «Versuchsballons» zwischen den Genres. «Es braucht sanfte Übergänge zwischen Konzert und Club, sowohl von der Lautstärke wie von der Atmosphäre, um ein heterogenes Publikum abholen zu können», betonen sowohl Tristano wie Studer.

Sanfter Übergang zwischen den Welten ist gefragt – und viel Geduld.

Das bestätigt auch der Basler Simon Andy Voegelin, der für die Zürcher Organisation Classycal und ihr Projekt «Y-Night» Events zwischen Klassik und Club konzipiert: «Die Umsetzung solcher Projekte braucht extrem viel Vorlauf», erklärt er: «Nicht nur weil klassische Orchester einen extrem strikten Zeitplan haben und die Clubszene dagegen viel kurzfristiger und spontaner funktioniert, sondern auch um ganz grundsätzliche Fragen zu klären – etwa: Kann das Publikum sich während des Anlasses frei bewegen, also stehen oder zur Bar gehen, um etwas zu trinken? Und gibt es eine Tanzfläche oder nur gestuhlte Reihen? Solche scheinbar banalen Fragen können über Erfolg und Scheitern entscheiden.»

Auch Yannick Studer kann ein Lied davon singen: Von der Idee bis zur Premiere diesen Samstag in der Kaserne vergingen eineinhalb Jahre. «Weil Carl Craig diesmal nicht verfügbar war und wir neue Werke zur Aufführung bringen wollten, mussten wir ein ganz neues Programm konzipieren. Es brauchte viel Schnauf, bis nur das Konstrukt stand. Aber die Erfahrungen sind Gold wert.»

Die Zukunft gehört dem Hybrid

Wie Tristano und Voegelin ist auch Studer überzeugt, dass Kooperationen zwischen Klassik und Club dereinst die Zukunft gehören könnte. Auf das «Warum» angesprochen, fallen ihnen eine ganze Menge Gründe ein: Weil es das «klassische» Konzertpublikum in einigen Jahrzehnten nicht mehr geben wird und die Clubgänger genauso in die Jahre kommen werden, wo durchtanzte Nächte nicht mehr alles sind – die Liebe zur Musik aber, die beide Szenen verbindet, die werde bleiben.

Und für die Musiker selbst seien Projekte jenseits von Club und Konzertsaal sowieso eine Win-win-Situation: Die Produzenten von Techno und House müssen sich nicht mehr an der Partytauglichkeit ihrer Kompositionen messen lassen, und die klassischen Musiker würden ganz viel Freiheit gewinnen. «Statt jeden Abend die gleiche Partitur möglichst genau zu spielen, können sie endlich mal improvisieren, aufs Publikum und ihre Mitmusiker eingehen. Für viele ist das eine totale Befreiung.»

Am Samstag lässt sich das Resultat erstmals in Basel überprüfen: In der Kaserne stehen Tristano und Moritz von Oswald an Analog-Synthies und mit Laptop auf der Bühne – begleitet von Roger Pyne, Andres Gabetta, David Delacroix, Phoebe Lin, Markus Forrer, Filipa Nunes und Szilard Buti vom Sinfonieorchester an Violine, Cello, Klarinette und Schlagzeug. Es wird nicht das letzte Mal bleiben, dass sich das Sinfonieorchester auf ein solches Wagnis einlässt. «Wir machen auf jeden Fall weiter», betont Studer: «Für die Zukunft des Orchesters ist dies eine Riesenchance!»

 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 12.04.13

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