Ein nicht ganz handzahmer Satellit

Im Satellit des Kunsthaus Baselland auf dem Dreispitz zeigen vier Künstler ihre Meinungen zum «Campus der Künste». Heute Abend ist Eröffnung.

Künstlich generierte Natürlichkeit: Gina Folly hat Tagesleuchten, die den Serotoninspiegel erhöhen sollen, mit mundegblasenem Glas umhüllt.

Fein-ironisch bis schallend laut: Im Satellit des Kunsthaus Baselland auf dem Dreispitz zeigen vier Künstler, was sie vom «Campus der Künste» halten. Heute Abend ist Eröffnung.

Endlich kommt so richtig Leben auf den Dreispitz. Nach dem Einzug der Studenten im September und der mondän durchorchestrierten Übernahme mit Cüpli-Publikum Ende Oktober, feiern dieses Wochenende das Haus der elektronischen Künste und das ehemalige Internationale Austausch- und Atelierprogramm iaab, das neu Atelier Mondial heisst, grosses Eröffnungswochenende. Und bringen damit das Volk von der Stadt auf den Campus: Der erste Abend am Freitag war mit 1500 Leuten gut besucht.

Neben der Installation von Ayten Mutlu Saray im Atelier Mondial und den flackernden Bildschirmen des japanischen Künstlers Ryoji Ikeda im HEK, gibt es aber auch noch eine dritte Ausstellung, die beim Besuch auf dem Campus nicht verpasst werden sollte: Das Kunsthaus Baselland ist für 3 Wochen mit einem Satelliten im ehemaligen Ausstellungsraum des HEK präsent. Unter dem Titel «Approaching» hat Kuratorin Ines Goldbach im Rahmen der regionale vier Künstler dazu eingeladen, sich Gedanken zum Campus zu machen. «Der Campus fängt jetzt erst an, richtig zu leben. Da stellt sich die Frage: Wie bewegen sich die Künstler hier? Was wünschen sie sich? Wie erleben sie den Campus?»



Danke für die Zusammenarbeit: Sylvain Baumanns Nachricht an den Campus.

Danke für die Zusammenarbeit: Sylvain Baumanns Nachricht an den Campus.

«Danke für die Zusammenarbeit»

Für Sylvain Baumann liegt die Antwort in einem simplen Satz: «Thank you for your cooperation» steht gross über dem Haupteingang des Ausstellungsraumes. Baumann lacht. Danke für die Zusammenarbeit – da sei der zynische Unterton natürlich nicht zu überhören. «Der Campus als Ort spricht in seiner Weise ständig mit den Studenten, da wollte ich ihm im Gegenzug auch etwas mitteilen.» Der Künstler kenn das Areal gut: Seit zwei Jahren hat er hier ein Atelier.

Unter Baumanns Schriftzug führt eine Tür in eine andere Welt – direkt in Gina Follys «I’ll call you later». Die Zürcher Künstlerin hat den Ausstellungsraum in eine meditative Oase verwandelt, in der Tageslichtleuchten umhüllt von mungeblasenem Glas wie Tropfen von der Decke hängen und fein gezwirbelter Bambus aus dem Boden ragt. «Glücksbambus», erklärt die Künstlerin. Eine Pflanze, die oft in Wellnessoasen anzutreffen sei und nahezu überall gedeihen kann. Auch bei dieser Arbeit ist eine feine Ironie zu spüren, die Tageslichtleuchten und der Bambus im Beton suggerieren eine künstlich generierte Natürlichkeit, die entspannt und verstört zugleich. 



Künstlich und doch organisch: Tagesleuchten erhöhen den Serotoninspiegel und sorgen für sonnige Laune in dunklen Tagen.

Künstlich und doch organisch: Tagesleuchten erhöhen den Serotoninspiegel und sorgen für sonnige Laune in dunklen Tagen.

Hallo, wir sind jetzt hier.

Wer durch die Oase geht, kommt am hinteren Ende bei Hannah Weinbergers Installation «Hi» vom künstlichen wieder hinaus zum natürlichen Tageslicht. Und wird beschallt: Aus zwei Lautsprechern dringen Cartoonvertonungen, Material aus Klangbibliotheken und diverse Aufnahmen, die die Künstlerin zu einer Klangcollage zusammengebaut hat. Mal laut schallend, mal leise rieselnd schleichen sich die Töne ins Ohr und mischen sich mit dem Baustellenlärm, der auf dem Dreispitz zur Tagesordnung gehört. Der Titel der Arbeit ist Gruss, Einladung und Ansage zugleich: Hallo, wir sind jetzt hier.

Hier, beziehungsweise da werden auch die sieben Performer sein, die sich zusammen mit der Künstlerin Sylvia Buol an der Vernissage performativ den Ausstellungsraum erkunden werden. Dazu werden sie von aussagekräftiger Filmmusik begleitet: Den Klängen der Tarkowski-Klassiker «Stalker» und «Solaris». In beiden Filmen geht es um das Zurücklassen von Bekanntem und das Erkunden neuer Gebiete – gefährliche Expeditionen, in denen Weltbilder hinterfragt und Hoffnungen zerstört werden.

Die Werke im Satelliten, der für kurze Zeit auf dem Dreispitz gelandet ist, sind keine gefälligen Arbeiten. Sie setzen sich kritisch mit dem Campus auseinander und thematisieren das Leben und Arbeiten im turbulenten Areal. «Nicht handzahm», meint Goldbach zu den tropfenartigen Lampen Gina Follys und spricht stellvertretend für den ganzen Satelliten: Hier waren ehrliche Künstler am Werk, die dem Campus Leben verleihen, indem sie ihn hinterfragen. Es regt sich was – das hoffentlich bestehen bleibt, auch wenn der Satellit nach drei Wochen wieder abhebt.

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«Approaching»
, Kunsthaus-Satellit auf dem Dreispitz, 23. November bis 14. Dezember.

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