Ein urbaner Raum, zwei Wohnzimmer und dazwischen 50 Meter Birsköpfliwiese

Die Künstlergruppe «boijeot.renauld.turon» zügelt während zehn Tagen Holzmöbel von der Birs bis zur Kaserne. Jeder kann mit ihnen unter freiem Himmel übernachten. Wir habens versucht, prompt gab es Streit.

(Bild: Benedikt Wyss)

Die Künstlergruppe «boijeot.renauld.turon» zügelt während zehn Tagen Holzmöbel von der Birs bis zur Kaserne. Jeder kann mit ihnen unter freiem Himmel übernachten – urbaner Raum als Bühne, Besucher als Protagonisten. Wir habens versucht. Prompt gab es Streit zwischen Künstlern und Besuchern.

Betten, Tische, Stühle: Drei junge Franzosen schleppen massives Holzmobiliar über die Birs. Laurent Boijeot, Sébastien Renauld und Nicolas Turon sind Boijeot.renauld.turon aus Nancy. Die Künstler ziehen während zehn Tagen durch Basel, vom Birsfelder Roxy bis zur Kaserne, und laden alle, die sie dabei antreffen, in ihr Nomadenwohnzimmer ein. Nicht aktiv.

Verdutzte Passanten fragen von alleine, was das soll. Und wer das wieder bezahle. «Dr Papi Staat?», grinst ein älterer Herr zynisch und zieht an seiner Zigarette. Wir befinden uns im «ReiseBüro», das als sogenannte Stadtraumintervention im diesjährigen Basler Theaterfestival Unterschlupf fand.

Der urbane Raum als Bühne

Was früher allenfalls im erweiterten Rahmenprogramm verschwand, ist heute also bühnenreif. «Das Programm ist so vielseitig, wie die Bühnenkünste es heute sind», nimmt die künstlerische Leiterin Carena Schlewitt in der Festivalzeitung vorweg, und fragt: «Was wäre das Theater ohne den urbanen Raum?» Der urbane Raum ist die Bühne und die Begegnung das Spiel. In diesem Gastspiel sind Gäste Gastgeber und umgekehrt. Eine soziale Wohnzimmerplastik wie sie seit einigen Jahren auch andere Künstler erarbeiten. So oder ähnlich.

Das ReiseBüro, in regem Austausch mit Kaserne-Dramaturg Tobias Brenk entwickelt, erinnert jedenfalls stark an den «Host Club» des Basler Regisseurs Marcel Schwald, der einen Gesprächsservice im Setting eines Nachtclubs anbietet, in dem die Gäste für ein Gespräch mit ihrem Gastgeber bezahlen. «Warum auf der Strasse schweigend aneinander vorbeigehen?», fragt Schwald. Es sind die Fragen, die auch Boijeot.renauld.turon stellen. Nur eben auf der Strasse, im urbanen Raum.

Bezahlter Gesprächsdienst

Projekte wie das ReiseBüro, der Host Club oder auch der ehemalige Berliner Wohnzimmerclub Social Muscle Club wollen neue Impulse für die Begegnungen zwischen Menschen liefern. Derweil der Host Club einen bezahlten Gesprächsdienst bietet, will das ReiseBüro aber kein Service sein, und war bis anhin entsprechend gratis: «Quand on nous invite pas, on vient. Quand on vient, on nous invite plus.» Dass das Theaterfestival Eintritt verlangt – für die Übernachtung – stellt die Künstler vor eine neue Herausforderung.

Dies bringt eine andere Haltung ihrer Gäste mit sich. Diese treffen oft nicht per Zufall auf das ReiseBüro, sondern suchen es als bezahlendes Publikum auf. Das ist per se keineswegs schlecht: Das Festival verschafft hehrer Bühnenkultur und performativer Strassenintervention gleichermassen eine Bühne, und Kunst hat ihren Preis. Aber die Erwartungshaltung des Publikums wirkt sich auf die Freiheit der Kunst aus. Hier gibts kein Theater. Oder doch?

Hofnarren des Bürgermeisters

Jedenfalls freue ich mich auf meine Nacht im ReiseBüro. Um 20 Uhr werde ich mich den Künstlern am Birsköpfli anschliessen, wo sie ihr Nachtlager einrichten. Ich freue mich auf ein Kollektiv, das seit Jahren erfolgreich Stadträume interveniert. Zuhause in Nancy haben sie es damit weit gebracht. Die Hofnarren des Bürgermeisters seien sie – zugleich belächelt, gefürchtet und verehrt.

Mit ihren Wohnzimmern besetzen sie Kirchen («L’église de la facilité», 2012), Schwimmbäder, Bibliotheken, Banken («hôtel de ville», 2013) und zentrale Plätze («municipales», 2014). Oder jene Aktion im Frühjahr, wo sie nachts Zu-Verkaufen-Schilder in die Vorgärten steckten, versehen mit der Telefonnummer des Bürgermeisters. Weshalb? Um Obrigkeit und Untertanen zusammen zu bringen.

The artist is not present

Als ich um 20 Uhr am Birsköpfli ankomme, sehe ich sofort das weisse Feld aus Betten und eine Gruppe junger Menschen, die um einen Holztisch versammelt Pizza isst. Ich setze mich zu ihnen. Die Gruppe stellt sich vor als «Summerschool».

Nachwuchsakademiker in einer Kurswoche über unsichtbare Städte, über urbane Phänomene im Wechselspiel von Umwelt, Kunst und diskursiver Praxis. Sie untersuchen Interventionen in urbanen Strukturen, und das ReiseBüro ist heute Programm. Die Künstler, so erfahre ich, seien nicht anwesend. Wo sie sind, weiss niemand. Was ist passiert?

Lernen statt schleppen

Für ihr Seminar hat die Gruppe zwanzig Plätze im ReiseBüro gebucht und sich am Nachmittag den Künstlern irgendwo vor dem Birsköpfli angeschlossen. Es gab ein kurzes Kennenlernen, eine knappe Einführung, dann rhythmisches Nomadisieren im Viertelstundentakt. Mit dutzenden schweren Holzmöbeln im Schlepptau. Irgendwann mochten die Gäste nicht mehr schleppen, lieber ihr Kolloquium abhalten, was die Künstler durchaus begrüssten.

Die Akademiker widmeten sich also ihren medientheoretischen Fragen nach Anlehnung und Aneignung, bis es den Künstlern nach einer Stunde zu unbunt wurde und sie weiterziehen wollten. Die Gruppe aber bestand geschlossen darauf zu bleiben. Man wolle nicht den ganzen Tag Möbel schleppen. Es kam, wie es kommen musste: zur Spaltung.

Zwei verstrittene Lager

Ich lausche noch den Erklärungsversuchen der Jungakademiker, als auf der nahegelegenen Birsbrücke ein paar junge Männer auftauchen, die schweres Holzmobiliar über den Fluss buckeln. Die Künstler! Und mehrere Passanten beteiligen sich am Transport.

Ihr neues Lager richten die Künstler aber nicht etwa bei den Sommerschülern ein, die in 50 Metern Entfernung allmählich desillusioniert jenes Bier trinken, das sie für sich und die Künstler gekauft haben. Nein, dorthin gehen sie niemals, denn die hätten nicht verstanden, um was es geht.

Während sich Dunkelheit über das Birsköpfli legt und auf dem Parkplatz der Ruderclub sich für das Nachtrudern warm macht, richten zwei Gruppen ihre Nachtlager ein, die sich im Rahmen einer sozialen Performance verstritten haben. Absurd. Ein urbaner Raum, zwei Wohnzimmer. Aus demselben Holz geschnitzt. Und dazwischen 50 Meter Birsköpfliwiese.

Es gehe einzig und allein darum, der Stadt und den Menschen zu begegnen, sagen die Künstler. Nicht um Gruppensitzungen. Oder wie der Host Club fragt: «Warum beschränken wir soziale Kontakte auf unseren Bekanntenkreis?» Das Gastspiel aus Frankreich macht Fremde zu Gästen, löst Grenzen auf. Begriffe wie Privatsphäre und Zuhause stehen zur Debatte.

Scheisse aber gut

Zuhause ist, wo ihr Bett steht. Und da gelten ihre Regeln. Dass die Sommerschüler sie verletzt haben, empfinden die Künstler als Enttäuschung. Andererseits gehöre es dazu: Scheitern gibt es nicht – nur Erleben. «Gestern war scheisse, aber es war gut», heisst das am nächsten Morgen, der das ReiseBüro unbequem mit Regen weckt.

Dass die beiden Gruppen nicht mehr miteinander sprechen, ist wohl tragisch. Tragisch-komisch aber auch, und irgendwie okay. Rege wurde diskutiert, auf beiden Seiten. Und ordentlich viel nachgedacht. Über das Konzept, die Künstler und das Festival auf der einen. Über die Stadt, die Passanten und die Studenten auf der anderen. Das ist viel.

So finden die zwei Lager hier und heute wohl nicht mehr zueinander – nicht nur, weil die Künstler den grauen Morgen verschlafen, während ihre Gäste zum nächsten Programmpunkt weitereilen. Doch ist die Karawane noch neun Tage und Nächte unterwegs, und, wenn die grauen Wolken sich lichten, bestimmt wieder offen für jedes Gespräch. Mit den Sommerschülern. Und mit allen anderen. Nutzen Sie die Gelegenheit, werden Sie Teil dieser wunderlichen Geschichte.

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Wann und wo? Mehr Informationen auf der Website des Theaterfestivals.

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