Eine Einzelausstellung – fünf Künstler?

Fünf Kunstschaffende und ein Schreibender präsentieren in der Gruppe fünf Solo-Shows. Wie das geht? Im iaab-Basement auf dem Dreispitzareal kann man es noch bis Samstag sehen.

(Bild: Françoise Theis)

Fünf Kunstschaffende und ein Schreibender präsentieren in der Gruppe fünf Solo-Shows. Wie das geht? Im iaab-Basement auf dem Dreispitzareal kann man es noch bis Samstag sehen.

Kaum in Basel angekommen, wurden die drei iaab-Gastkünstler Maude Léonard-Contant (Montreal), Kasper Muttonen (Helsinki) und Travis LeRoy Southworth (New York) von Alexandra Stäheli zu einem Ausstellungsprojekt eingeladen. Philipp Gasser vom Institut Kunst der HGK wählte seinerseits zwei Masterstudentinnen für das gemeinsame Projekt mit iaab aus. Die fünf Auserkorenen erhielten eine Carte-Blanche für das iaab-Basement und entschieden sich nicht für die naheliegende Form einer Gruppenausstellung: Sie einigten sich auf fünf Einzelausstellungen der besonderen Art, denn der Clou ihres Entscheides ist, dass die Einzelausstellungen zeitgleich im gleichen Raum stattfinden. Das ging nicht ohne Regeln, und diese haben sich die KünstlerInnen auch gegeben – und sich daran gehalten:

  1. Take possession of the space.

  2. Make no compromises

  3. Spread wide.

  4. Don’t share your ideas.

  5. Pretend you are alone.

Für den iaab-Writer-in-Residence, der zusätzlich eingeladen war, galt der Leitsatz:

  1. Accept the story.

Weiter musste jeder der Kunstschaffenden für die Konzeption seiner Soloshow die Platzierung der eigenen Werke zentimetergenau in ein Grundriss-Raster des Raumes eintragen.

Klare, selbstgestellte Vorgaben also, deren Umsetzung beim Blick in den ersten Ausstellungsraum zunächst als visuelles Chaos daher kommt. Denn die fünf Kunstschaffenden sind auch beim Einrichten ihrer Werke konsequent geblieben und es wurde strikt nach Plan gehängt oder gestellt. Klar, dass es da zu Überlappungen kommen musste: Ein Werk hängt an der gleichen Stelle wie ein anderes, gleich drei Arbeiten sind am selben Ort positioniert und drei andere Werke machen sich eine Wand streitig.

Störende Werke

Die Werke der Solo Show werden nicht nur visuell durch andere Werke «gestört», sondern auch physisch: eine transparente Plastikbahn mit gestischen Linien von Lona Klaus erreicht nicht wie geplant den Boden, sondern kommt auf der sockelartigen Lehmform von Maude Léonard-Contant zu liegen. Letztere wurde offensichtlich angeschnitten, damit das architektonische Werk von Kasper Muttonen an seinem Bestimmungsort platziert werden kann. Angelika Schoris grosses Bildobjekt gewährt durch Einschnitte die Sicht auf die gedruckte Zeichnungsserie von Travis LeRoy Southworth und beleuchtet diese mit einem rosa Farbschimmer. Handkehrum irritiert das kleine ovale Bild von LeRoy, welches auf den Rahmen eines Bildwerks von Schori appliziert ist.

Überraschend ist, dass alle Werke sich gegen die anderen, oder besser gesagt neben den anderen, behaupten können. Und dies vermögen sie auch dann, wenn sie sogar von einem anderen in einem gewissen Sinne zerstört werden. Gerade durch diese sehr ungewohnten Störungen wird nämlich die Eigenart und Einzigartigkeit des einzelnen Werkes hervorgehoben.

Detektivspiel

Da keines der Werke angeschrieben ist – sie sind ja Teil einer Solo Show, die Autorschaft ist demzufolge immer die gleiche –, entpuppt sich das Zuordnen der Werke zu einem der Kunstschaffenden als kleines Detektivspiel mit besonderem Reiz. Lässt man sich darauf ein, so kommt man nicht umhin, sich zu überlegen, was ein bestimmtes Werk wirklich auszeichnet – punkto Material, Konzept, Intention – und zu welchem anderen Werk es «passen» könnte und damit – vielleicht – von der gleichen Autorschaft ist. In dieser Ausstellung wird also auch die Frage nach der Aufgabe der Autorschaft gestellt, wobei «Aufgabe» in der doppelten Bedeutung von «Verzicht» und «Bestimmung» gelesen werden kann.

Auch können die Besuchenden versuchen, die ursprünglichen fünf Einzelausstellungen zu sehen. Schön ist, dass dies tatsächlich funktionieren kann. Ein bisschen Anstrengung und Vorstellungs- resp. Filtervermögen braucht es und schon entstehen fünf Solo Shows – im Kopf der betrachtenden Person.

Umkehrung und Spiegelung

Durch eine Trennwand ist das Basement in seine beiden identischen Räume aufgeteilt. In Umkehrung des Konzepts wurde der zweite Raum ausschliesslich für den Writer-in-Residence Ruchir Joshi (Indien) reserviert. Der Raum ist leer, an den Wänden hängen die Texte Ruchirs. Sein Auftrag «Accept the story» hat er in fünf, formal unterschiedlichen Texten umgesetzt: als Radiogespräch «The Line Is Never Alone» im Jahr 2020 für Lona Klaus, als Brief von einem Dichter an dessen Freund für Maude Maude Léonard-Contant, als Katalogtext für die Kasper Muttonen-Retrospektive «The Price of a Small House», 2033, als Email-Verkehr zwischen zwei Galeristen im Jahr 2022 für Angelika Schori und als Ausschnitt aus «Slicing the Universe – A biography of Travis LeRoy Southworth», 2040.

So wird die Solo-Gruppenausstellung – oder ist es eine Gruppen-Soloausstellung? – gleichsam gespiegelt, reflektiert und mit mehreren zusätzlichen Dimensionen erweitert.

Alle Treffen der Künstler wurden jeweils von Vanessa Simili, Doktorandin, filmisch mit mehreren Videokameras dokumentiert. Ausgewählte Sequenzen – diejenigen, wo sich etwas Entscheidendes ereignet oder eine Entscheidung getroffen wird – werden mit einem von Prof. Lorenza Mondada entwickelten System transkribiert und fliessen in ein linguistisches Forschungsprojekt der Uni Basel ein.

  • Solo Show: Lona Klaus, Maude Léonard-Contant, Kasper Muttonen, Angelika Schori, Travis LeRoy Southworth, mit Texten von Ruchir Joshi. iaab-Projektraum Basement, Oslostr. 10, Dreispitz-Areal, Donnerstag – Samstag, 14 – 18 Uhr, bis 11. Mai.
  • Traces from iaab im Dock, Klybeckstrasse 29: Von Travis LeRoy Southworth und Pratik Sagar (New Delhi), einem weiteren iaab-Gastkünstler, sind bis 26.5 zwei Werke als Schaufensterausstellung zu sehen, bis 26. Mai.

Konversation

Nächster Artikel