Eine Klamotte mit viel Holz und Bart

Niklaus Helbling bringt Gottfried Kellers Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» als etwas gar hölzerne Klamotte über das volkstümlich-republikanische Schweizertum auf die Bühne des Basler Schauspielhauses.

Die Aufrechten folgen dem Fähnlein (Bild: Judith Schlosser)

Auf der Bühne des Basler Schauspielhauses wird aus der liebevoll ironisch gesponnen Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» eine ziemlich hölzerne Klamotte über den angeknacksten Sonderfall Schweiz.

«Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande, wie anderwärts, sich grosse Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf tüchtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen; dann wird es sich zeigen, ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnentuch!» Das ist ein Satz, der es in sich hat. Wie aus dem Argumentarium für die 1:12-Initiative herauskopiert – versetzt vielleicht mit einem Schuss Konservativismus oder Reminiszenz an die guten alten Wertvorstellungen.

Doch geschrieben wurden diese Sätze 1860 vom Schweizer Nationalschriftsteller Gottfried Keller in seiner Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten», das nun für die Bühne des Basler Schauspielhauses dramatisiert wurde. Sagen tut ihn der nicht so gutbetuchte Schneidermeister Kaspar Hediger, Mitglied des Bundes der sieben Aufrechten. Das ist eine Gruppe in die Jahre gekommener Zürcher Handwerker, allesamt altgediente Freiheitskämpfer, die – der moderne Bundesstaat ist eben erst ein Jahr alt – in der neuen Welt nicht mehr so richtig Fuss zu fassen vermögen. Auf der Bühne des Schauspielhauses trägt dieser Hediger (Dirk Glodde) einen grobschlächtigen grauen Anzug (Kostüme: Kathrin Krumbein), einen Hut, der an diejenigen der berittenen kanadischen Polizei erinnert, und einen langen Bart.

Viel Bart und noch mehr Holz

Oh ja, dieser Bart. Oder besser diese Bärte! Alle fünf Schauspieler und die beiden Schauspielerinnen tragen einen langen Bart, wenn sie im flinken Rollenwechsel in die Figuren der sieben Aufrechten schlüpfen. Einen Bart und mehr oder weniger seltsame Hüte. Aber eben vor allem diesen ureidgenössischen Bart, der an Wilhelm Tell oder den Stauffacher und seine «Brüder» erinnert, die ein paar hundert Jahre früher in der Urschweiz den Habsburgern einen Tritt in den Hintern verpasst hatten. Sie tragen diesen Bart offensichtlich als Zeichen dafür, dass sie nun den Aristokraten, Sonderbündlern und Jesuiten dasselbe Schicksal widerfahren liessen.

Das ist nur eines der Klischees dieses mit Klischees geradezu vollgepfropften Theaterabends. Der allgegenwärtige Karabiner als Symbol für die Wehrhaftigkeit ist ein weiteres, wie auch der ausgiebig kredenzte Wein und der Schnaps, die vielen Lieder, die gesungen werden, und das allgegenwärtige Holz. Die alte Schweiz ist offensichtlich aus Holz gebaut. Zumindest stellen sich Regisseur Niklaus Helbling und sein Bühnenbildner Alain Rappaport dies so vor. Alles und überall ist Holz: der Boden, die Wände, Tische und Stühle in diesem Restaurant-Säli, in das zudem ein wuchtiges und eben hölzernes Blockwerk gestellt ist, durch das der Blick auf eine Kopie des Gemäldes «Die Wiege der Eidgenossenschaft» aus dem Nationalratssaal im Bundeshaus frei wird (wenn der Hintergrund nicht gerade als Projektionsfläche für Abendhimmel und dergleichen gebraucht wird).

Achtung, fertig, Karli!

Als inhaltliches Gerüst für diese Klischee-Ansammlung dient die Kalendergeschichte, die Keller in seiner Novelle erzählt. Eigentlich sind es zwei Geschichten, die im Originaltext locker und geschickt ineinander verwoben werden. Da ist erstens eben die Tragikomödie der sieben Aufrechten, die gemeinsam zum grossen Freiheitsschiessen nach Aarau pilgern möchten, um dort den Sieg der Liberalen zu feiern, es aber nicht schaffen, aus ihren Reihen einen fähigen Festredner zu küren. Und da ist als zweites die beinahe unglückliche Liebesgeschichte zwischen Hedigers Sohn Karl (David Berger) und Hermine (Judith Strössenreuter), der Tochter des reichen Zimmermanns Daniel Frymann (Martin Hug), der aber die Hand seiner Tochter bereits dem Angeber Ruckstuhl (Lorenz Nufer) versprochen hat.

Dieser Ruckstuhl gibt den Ausschlag für eine weitere Klischee-Präsentation, nämlich die der heiligen Schweizer Milizarmee. Diese urschweizerische Verbundenheit mit der Armee auf die Schippe zu nehmen, scheint den Theaterleuten besonders viel Spass bereitet zu haben. Denn auf der Schauspielhausbühne wird die kurze Kasernenszene aus Kellers Novelle – Rekrut Karl Hediger spielt seinem Widersacher Ruckstuhl einen folgenschweren Streich – zur grossen Armee-Parodie aufgeblasen. Oder besser zum derben Armee-Sketch , der an die Schweizer Schenkelklopf-Rekrutenschulkomödie «Achtung, fertig, Charlie!» (in diesem Fall: Achtung, fertig, Karli!) erinnert.

Schweizbild aus der Klamottenkiste

Mit feiner Ironie nimmt Gottfried Keller in seiner Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» den überlebten Geist der alten eidgenössischen Kämpfer-Originale für «Freundschaft in der Freiheit» aufs Korn. Helbling macht eine Klamotte auf den angeknacksten Sonderfall Schweiz daraus. Oder so. Der Regisseur, so hat es den Anschein, hat sich nicht richtig entscheiden können, ob er die Figuren auf der Bühne nun als liebenswerte Originale darstellen möchte oder sie als grobschlächtige Exponenten einer rückwärtsgewandten Schweiz abkanzeln soll. Diese Unentschiedenheit führt letztlich dazu, dass die Figuren letztlich allesamt ziemlich hölzern wirken und sich der Theaterabend ohne klar erkennbare dramaturgische Linie über zweieinhalb Stunden ziemlich in die Länge zu ziehen beginnt.

«Das Fähnlein der sieben Aufrechten»
nach der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller
Spielfassung und Regie: Niklaus Helbling, Musik: Martin Gantenbein, Bühne: Alain Rappaport, Kostüme Kathrin Krumbein
Mit: Dirk Glodde, Martin Hug, Zoe Hutmacher, David Berger, Judith Strössenreuter, Lorenz Nufer, Herwig Ursin
Theater Basel, Schauspielhaus
Die nächsten Vorstellungen: 4. und 11. November

 

Konversation

  1. 1860.

    2013: Ich weiss nicht, ob ich die Figuren auf unserer Politbühne als liebenswerte Originale betrachten möchte, oder sie als grobschlächtige Exponenten einer rückwärtsgewandten Schweiz sehen muss.

    Sozusagen Linke und Rechte.

    Ich unentschlossen, denn tragikomisch sind sie alle.

    Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel