Er kam, sang und siegte

Die Rockikone Lenny Kravitz strafte auf dem Lörracher Marktplatz mit einer Parforce-Performance alle Kritiker Lügen und lieferte den fulminanten Höhepunkt des bisherigen Stimmen-Festivals.

Sensationell: Lenny Kravitz liefert mit seinem Auftritt den vorzeitigen Höhepunkt des diesjährigen «Stimmen»-Festivals. (Bild: Juri Junkov)

Die Rockikone Lenny Kravitz strafte auf dem Lörracher Marktplatz mit einer Parforce-Performance alle Kritiker Lügen und lieferte den fulminanten Höhepunkt des bisherigen Stimmen-Festivals.

Lenny Kravitz hat es seinen Fans in den letzten Jahren wahrlich nicht einfach gemacht. Vielmehr seinen Kritikern: Denn die konnten den Alben des Komponisten, Produzenten, Multiinstrumentalisten seit der Milleniumswende nicht mehr viel abgewinnen. Zu bieder und belanglos, zu austauschbar und stromlinienförmig war die einstige Funkrock-Ikone geworden. Und daher lautete das einmütige Urteil, dass der ehedem als Erneuerer gefeierte Künstler seinen kreativen Zenit überschritten habe. Übrig blieb Kravitz, der «Star»: Zumindest im Promi-Zirkus konnte Kravitz mit seiner Selbststilisierung zum Sexgott weiterhin punkten – die Urteile über sein eigentliches Markenzeichen, die furiosen Live-Auftritte, fielen dagegen zunehmend kontrovers aus.

Zwar bezweifelt niemand, dass Kravitz ein genialer Gitarrenvirtuose und geborener Entertainer, kurz: der perfekte Rockstar ist. Doch gilt er als schwierig, als launische, zickige Diva, die öfters mal Allüren zeigt. Darum liegt einiges an Spannung in der Luft, an diesem Sonntagabend auf dem Lörracher Marktplatz. Denn das Konzert ist seit Monaten ausverkauft, und viele Zuschauer reisen von weither an, um ihren Lenny zum Abschluss seiner «Black and White America»-Europatournee nochmals in einem vergleichsweise intimen Rahmen zu erleben. Und wie oft spannt der Rocker seine Fans gehörig auf die Folter – und lässt sie im Gedränge vor der Bühne warten, bis ob der Verspätung erste Pfiffe gellen.

Die Anspannung weicht der Ausgelassenheit

Doch bereits bei den ersten Takten des Openers «Come On Get It» schwingt die Anspannung in Ausgelassenheit um: Denn sobald der Maestro himself auf der Bildfläche erscheint, und in seiner unnachahmlichen Coolness sein breites, blitzendes Grinsen zeigt, überträgt sich der vielbeschworene, zündende Funke aufs Publikum, da weiss man: Das wird ein guter Abend. Und tatsächlich: Als ob er an diesem Anlass unter Beweis stellen wollte, dass er’s immer noch kann, dass er seine überlebensgrosse Ausstrahlung anknipsen kann wie einen jener gleissenden Tausend-Watt-Scheinwerfer, die ihn in Szene setzen, gibt er von Anfang an alles.

Kravitz, der eigentliche Initiator der bis heute andauernden Retro-Welle, musikalischer Erbe von mythischen, aber früh verglühten Legenden wie John Lennon oder James Brown, ist tatsächlich einer der letzten seiner Art. Eine Lichtgestalt, ein Faszinosum, dem etwas Unwirkliches anhaftet, nicht weil er – wie heute so viele Stars – künstlich perfekt wirkt, sondern im Gegensatz dazu den perfekten Künstler verkörpert, einer mit Ecken und Kanten, einer, der von den Stühlen reisst, weil er die Atmosphäre eines ganzen Fussballstadions buchstäblich elektrisch aufzuladen vermag.

Ein Alphatier in Höchstform

Hier und heute, welch Glücksfall, zeigt er sich in Höchstform: Mit nicht nur lautstarkem, sondern auch mitreissend sattem E-Gitarren-Aufheulen, mit markerschütternd rauem Rock- und erotisch aufgeladenem Soul-Gesang – und vor allem: mit der legendär lässigen Nonchalance, den stilsicher sitzenden Posen, dem Bad-Boy-Charme, die ihn zu einem der meistbegehrten Männern im Musikbusiness machen. Wenn Kravitz hüftschwingend sein Tamburin versohlt, kreischen die Frauen sich die Seele aus dem Leib – und ihren Begleitern bleibt nichts anderes übrig, als die Männlichkeit jenes Alphatiers mit anerkennenden Pfiffen zu untermauern.

Kravitz, der mit «Black and White America» 2011 endlich zu seinen ungeschliffenen Funkwurzeln zurückkehrte, hat auch mit dem Aufbau seiner Show auf dieser Welttour ein gutes Händchen bewiesen: Gespielt werden ausnahmslos seine grössten Hits, von den krachenden Rockhymnen «Are You Gonna Go My Way» und «American Woman» bis zu seinen berührenden Soul-Balladen «Stand By My Woman» und «It Ain’t Over Til It’s Over», Evergreens, die zu Recht in Erinnerung rufen, was für ein begnadeter Songwriter Kravitz ist – und vergessen lassen, in welche Untiefen des Mainstreams er sich unlängst herunterliess.

Ohrenbetäubender Jubel für das gebotene Spektakel

Gleichzeitig lässt er seine von Leadgitarrist Craig Ross eingeschworene, siebenköpfige Jazzfunk-Kapelle mit herausragenden Soli um die Wette eifern, und als Zugabe gar mit einer episch langen «Let Love Rule»-Jamsession auf Weltklasse-Niveau austoben. Und als er sich zum Schluss den im Vorprogramm spielenden Kultfunker Keziah Jones auf die Bühne holt, und sich mit vor Rührung bebender Stimme bei den Fans für ihre über zwei Jahrzehnte andauernde Treue bedankt, da schmilzt auch der letzte Eisklotz im Publikum, da fliegen die Hände wie von selbst nach oben, um sich mit ohrenbetäubendem Jubel für dieses furiose, zweistündige Spektakel zu bedanken. Ein Auftritt, der auf jeglichen Schnick-Schnack wie LED-Leinwände, Tanz-Choreografien, Kostümwechsel und einstudierte PR-Phrasen völlig verzichtet und gerade deshalb eine Wucht entfaltet, die zum Ende hin keinerlei Wünsche mehr offen lässt.

Er kam, sang und siegte, und als danach als erste Konserve Kravitz‘ Idol Jimi Hendrix mit dem unverwüstlichen  «All Along the Watchtower» über den Platz scheppert, da stellt sich eine gewisse Dankbarkeit ein. Dafür, dass es wenigstens diese Ikone trotz aller biographischen Höhen und Tiefen noch gibt, und dafür, auf welchem Level der 48-jährige immer noch zu spielen vermag. Was für ein selbstverliebter Macho er bösen Gerüchten zufolge auch sein soll: Wer Lenny Kravitz gestern am «Stimmen»-Festival erlebt hat, stellt schlicht mit einer gewissen Melancholie fest, dass im Musik-Mainstream des 21. Jahrhundert kaum mehr eine Handvoll Persönlichkeiten von vergleichbarem Weltstar-Format übrig geblieben sind.

Quellen

Konversation

  1. Tolle Stimme, perfekte Band. Trotzdem: Er brauchte sein ganzes Können um das lethargische Publikum in Bewegung zu bringen. Dies klappte ab der zweiten Hälfte hervorragend und endete in einer unvergleichlichen Jamssion bei der Zugabe.

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