Erschlagen vom Pomp

Der Oscar für die beste Ausstattung scheint bereits vergeben: Wenn «Anna Karenina» die kleine goldene Statue für etwas verdient hat, dann dafür. Für die besten schauspielerischen Leistungen liegt sie jedoch nicht drin.

(Bild: © Universal Pictures)

Der Oscar für die beste Ausstattung scheint bereits vergeben: Wenn «Anna Karenina» die kleine goldene Statue für etwas verdient hat, dann dafür. Für die besten schauspielerischen Leistungen liegt sie jedoch nicht drin.

Die Zweifel waren schon vor dem Gang ins Kino da: Wird Keira Knightley als Anna Karenina mehr als nur ihren Schmollmund präsentieren können? Nach zwei Stunden und zehn Minuten ist klar: Nein. Was aber nicht nur an den begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten der britischen Schauspielerin liegt, sondern auch daran, dass in diesem opulent ausgestatteten Drama von Regisseur Joe Wright der Fokus gar nicht auf schauspielerischen Leistungen liegen kann. Charaktere scheinen hier nebensächlich, der Kulisse gilt alles Augenmerk.

Wright legt den ganzen Film in einem Theater an. Er spielt auf der Bühne, im Zuschauerraum, hinter den Kulissen. Der Theatervorraum wird zur Wohnung. Die Brücken hoch über der Bühne, die ansonsten nur die Beleuchter betreten, sind der Ersatz für die Moskauer Strassen. Nur selten öffnet sich die Bühnenrückwand hinaus auf echte Landschaften, etwa wenn Levin (Domhnall Gleeson) auf seiner Farm kraftvoll das Gras mit einer Sense mäht, weit weg vom dekadenten Leben der Moskauer Gesellschaft. Dort, wo seine geliebte Kitty (Alicia Vikander) sich an Bällen vergnügt und sich zu seinem Unglück in den Grafen Wronski verliebt, der sein Herz wiederum an Anna Karenina verliert. Aaron Taylor-Johnson spielt diesen jungen Lebemann, ein Toyboy, blondgelockt und mit blauen Augen – ein Affront, fanden schon im Vorfeld viele Tolstoi-Aficionados.

Tatsächlich schafft es auch der junge Brite, der 2009 in «Nowhere Boy» als junger John Lennon überzeugte, nicht, seiner Figur ein Profil zu geben, das viel über das Äusserliche herausragt. Beeinflusst von soviel Oberflächlickeit ertappt man sich bald einmal dabei, dass man sich, statt die Handlung zu verfolgen, mit Fragen abgibt wie: Ist dieser spärliche Haarwuchs auf Jude Laws Kopf eigentlich echt oder nur täuschend echt hinfrisiert?

Weg von der Vorlage

Doch seien wir fair: Das 1000 Seiten starke Werk Leo Tolstois strotzt nur so von Figuren, für die in einem zweistündigen Film kaum mehr als ein kurzes Auftauchen möglich ist. Susanne Lothar etwa nimmt man als Fürstin Schtscherbazkaja fast gar nicht wahr. Auch beschränkt sich der Hauptplot nicht auf zwei zentrale Figuren, sondern präsentiert mit Anna Karenina, ihrem Mann, Graf Wronski, Kitty, Lewin, Annas Bruder Oblonsky (immerhin ein schauspielerischer Lichtblick: Matthew Macfayden) und dessen Frau bereits sieben Charaktere, denen ungefähr gleichviel Gewicht zukommen sollte – ein Ding der Unmöglichkeit.

So lassen wir denn die Ansprüche an die literarische Vorlage beiseite und uns ganz auf diesen Film ein. Wir lehnen uns zurück, schwelgen in den Bildern, an denen man sich in der Tat kaum sattsehen kann. Tänzerisch bewegen sich die Schauspieler durch das Theater des Lebens, beständig schwülstige Musik im Hintergrund, in prachtvollen Kostümen und mit Schmuck behängt. Joe Wrights «Anna Karenina» ist ein Fest für die Augen – wer mehr will, muss sich mehr Zeit nehmen und das Buch lesen.

Konversation

Nächster Artikel