«Es fägt, ein Bastard zu sein!»

Der Rapper und Mundartpoet Greis veröffentlicht sein viertes Album «MeLove». Im ersten Teil unseres grossen Gesprächs erzählt der Wahlbasler, wie er eine Blockade überwunden und zu neuer Leichtigkeit gefunden hat.

Endlich «glücklech»: Rap-Poet Greis (Bild: Matthias Willi)

Der Rapper und Mundartpoet Greis veröffentlicht sein viertes Album «MeLove». Im ersten Teil unseres grossen Gesprächs erzählt der Wahlbasler, wie er eine Blockade überwunden und zu neuer Leichtigkeit gefunden hat.

Greis, Sie wurden in der Schweiz als kritische Stimme des Raps, als notorischer Zweifler und Melancholiker bekannt. Ihr soeben erschienenes Album «MeLove» hört sich dagegen erstaunlich leicht und unbeschwert an. In Anlehnung an Ihren Berner Geistesverwandten Mani Matter stellt sich die Frage: «Warum syt dir so fröhlich?»

Grégoire Vuilleumier: In mir hat sich seit meinem letzten Album «3» (2009) etwas gelöst. Ich bin nicht mehr so verkrampft wie früher. Ich litt lange Zeit an der Neurose, ein erfolgreicher Musiker werden zu müssen. Darauf habe ich alles gesetzt: Es gab für mich keinen Plan B. Dieser Ehrgeiz mutierte zu einer Art Verbissenheit und hat mich schliesslich künstlerisch blockiert. Ich musste zuerst vor meinem Anspruch kapitulieren, um mir einzugestehen, dass es auch anders kommen könnte, dass ich als Musiker auch scheitern könnte.

Wie haben Sie auf diese Einsicht reagiert?

Ich begann zunächst bewusst, Alternativen zum Musikerdasein zu suchen, mich mit anderen Dingen und Arbeiten zu beschäftigen. Der vermeintliche Freiheitsverlust, vor dem ich Angst hatte, erwies sich in der Realität vielmehr als Freiheitsgewinn: Plötzlich war der Druck weg, künstlerisch etwas Ausserordentliches leisten zu müssen. Und siehe da: Auf einmal hatte ich wieder Bock auf Musik, auf ein neues Album.

Bereits der Name «MeLove» zeigt eine Zäsur an. Ihre bisherigen Alben trugen als Titel jeweils die Zahl «Eis», «2» und «3» – Warum haben Sie sich für den Bruch mit dieser Tradition entschieden?

Ehrlich gesagt habe ich mir heimlich schon immer einen englischen Albumtitel gewünscht, aber alle haben mir dies ausgeredet. Man sagte mir immer: «Greg, Du bist ein Mundartrapper, das macht doch keinen Sinn!» Zuerst wollte ich das Album aus Trotz «MeMeMe», also «IchIchIch» nennen, dann in Anlehnung an meine Leidenschaft für Comics «SupervillainLove» («SuperbösewichtLiebe»). Schliesslich habe ich es aber «MeLove» genannt, weil es darin nicht nur um mich selbst, um Themen wie die Liebe zu sich, den Glauben an sich selbst geht, sondern auch um die Dinge, die ich liebe.

War das bei den bisherigen Alben denn nicht der Fall?

Meine bisherigen Alben waren eigentlich ein einziger Schrei nach Liebe, nach Bestätigung und Anerkennung. Ich wollte mir durch den Erfolg selbst beweisen, dass ich gut bin. Als ich mitten in der künstlerischen Blockade steckte, merkte ich, dass das nicht funktioniert. Also versuchte ich, die Situation zumindest mal spielerisch umzudrehen: Was wäre, wenn ich einfach wüsste, dass ich gut bin, egal was die anderen denken? Mit dieser Ausgangslage konnte ich den Blick auf anderes lenken: Eben auf die Dinge, die mir wichtig sind, die ich gerne habe.

Und? Ist Ihnen dies Ihrer Meinung nach mit «MeLove» gelungen?

Es zeigt sich zumindest ein neuer, unbeschwerter Zug darin. Das freut mich sehr, denn ich habe immer all die unbeschwerten Rapper für ihre Leichtigkeit bewundert. Leider habe ich das selber nie geschafft. Ich wollte mich dazu zwingen, und das konnte natürlich nicht funktionieren. Wenn ich das Album jetzt so analysiere, scheint es mir nicht einfach reifer, sondern im Gegenteil kindlicher, verspielter. Ob das anhält, kann ich aber nicht sagen. Vielleicht geht’s mir schon bald wieder beschissen, wer weiss? Zumindest aber lange ich mir selbst deutlich weniger oft an den Kopf als früher. (lacht)

Es scheint, als gäbe es in Ihrer Karriere drei prägende Songs. Zunächst «Glücklech» (2003), wo Sie mit Ihren Stimmungsschwankungen hadern und damit, wie Ihr Umfeld darauf reagiert. Dann  «Klarheitsmomänt» (2009), wo Sie schonungslos offen Ihre Suche nach Bestätigung bilanzieren. Und nun «I weiss I bi guet», wo Sie zum ersten Mal eine Art natürliche Selbstsicherheit an den Tag legen.

Ja und Nein. Es stimmt, dass die beiden ersten Songs für mich persönlich sehr wichtig sind und für Stationen meines Lebens stehen. «Glücklech» etwa habe ich in einem völlig depressiven Zustand geschrieben. Aufnehmen konnte ich den Song aber erst, als ich den Tiefpunkt überwunden hatte. Mit «I weiss I bi guet» war es ähnlich. Der Song entstand als allererster Track von «MeLove», als mich mein Produzent Claud damals überredete, mit ihm zu Freunden nach Tschechien zu fahren, um Material fürs neue Album zu sammeln. Während Claud dort zur kreativen Hochform auflief, sass ich dagegen nur herum und fühlte mich aufgrund meiner kompletten Schreibblockade elend. Um aus dem Teufelskreis von Selbstzweifeln und Selbstmitleid auszubrechen, versuchte ich irgendwann einfach diesen einen Satz, «I weiss I bi guet», wie ein Mantra zu wiederholen und zu verinnerlichen.

Sieht ganz so aus, als hätte dies gewirkt.

Tatsächlich erwies es sich schliesslich als ein magisches Sätzlein! Nachdem alle anderen Versuche, aus der Volldepression herauszufinden, kläglich gescheitert waren, wurde «I weiss I bi guet» zu einer Art Exorzismus-Ritual. Ich habe dadurch nach und nach zu positiverem Denken gefunden. Und dieser neue Optimismus hat schliesslich das ganze Album geprägt.

Und genau wie Sie dies in «Glücklech» einst bereits prophezeiten, finden sich ob dieser glücklichen Grundstimmung nun auch schon die ersten Nörgler. «MeLove» sei unpolitisch, ihr oberflächlichstes Album, werfen Ihnen einige Kritiker vor.

Das liegt daran, dass mich viele als «Politrapper» schubladisiert habe. Natürlich habe ich mich schon immer stark politisch engagiert und damit auch exponiert, und dies ist umgekehrt wieder in meine Musik eingeflossen. Daran hat sich auch nichts Grundlegendes geändert. Ich war aber nie ein politisch motivierter Rapper wie man sie in der «Conscious»-Richtung findet – und ich wollte auch nie auf mein politisches Engagement reduziert werden, und nur noch der «Political Correctness»-Typ vom Dienst sein. Das ist eine künstlerische Sackgasse. Darum habe ich versucht, den musikalischen Fokus zu verändern, und die politischen Themen anders aufzuarbeiten.

Nach dem Motto: Weniger Mahnfinger und Grübelei, dafür mehr Ironie und Sarkasmus?

Ein Beispiel dafür ist «Mini Bitch», eine bissige Ballade, die sich auch an Helvetia richtet. Oder «Bastarde», das eine Hommage an den verstorbenen DJ Mehdi ist, der mich sehr beeinflusst hat. Er war ein Bastard im besten Sinne, nicht wegen seiner Herkunft oder Biographie, sondern vor allem, weil er ganz unterschiedliche Kunstformen und Musikstile mit einzigartiger Leichtigkeit verband und daraus etwas Neues schaffen konnte: So etwa mit seiner überaus eigenständigen Mischung aus Hip-Hop, Electro und Indie-Rock.

Sehen Sie sich selbst musikalisch auch als Bastard?

Auf jeden Fall! Ich bin das Produkt extrem unterschiedlicher Einflüsse und bediene mich selbst auch hemmungslos bei allem, was mir gefällt: Ob es sich dabei nun um den rohen Hip-Hop der frühen Jahre, um elektronische Einflüsse oder Liedermachertum handelt. Ja, ich bin ein totaler Bastard und das gefällt mir: Es fägt, ein Bastard zu sein!

  • Lesen Sie morgen den zweiten Teil unseres Gesprächs.
  • Greis: «MeLove», Soundservice. Ab sofort im Handel erhältlich. Plattentaufe: 28.4. Dachstock, Bern, 04.05. Schiff, Basel. Weitere Infos unter www.greis.ch.
  • Greis: Vorabsingle «Enfant des Étoiles», Video hier

 


Quellen

Das vorliegende Interview ist die Abschrift (in leicht gekürzter Fassung) eines knapp einstündigen Telefongesprächs.

Konversation

Nächster Artikel