Florescu: ein würdiger Gewinner

Catalin Dorian Florescu gewinnt den Schweizer Buchpreis. In seinem sprachgewaltigen Entwicklungs-Roman «Jacob beschliesst zu lieben» erzählt er eine Lebensgeschichte und wirft einen Blick in die Historie Europas. Eine Besprechung.

Catalin Dorian Florescu braucht sich nicht mehr hinter den etablierten Autoren zu verstecken.

Catalin Dorian Florescu gewinnt den Schweizer Buchpreis. In seinem sprachgewaltigen Entwicklungs-Roman «Jacob beschliesst zu lieben» erzählt er eine Lebensgeschichte und wirft einen Blick in die Historie Europas. Eine Besprechung.

Ein Autor überstrahlte am letzten Tag der BuchBasel alle anderen Autoren: Catalin Dorian Florescu wurde mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. «Man kann den Augenblick nicht beschreiben, natürlich passiert etwas Irreales», sagte er im anschliessenden Gespräch mit Heiner Vogler (DRS2). «Man wird ganz zitterig, es fehlt einem die Sprache. Schon allein die Nominierung hat in mir ein Gefühl der Dankbarkeit ausgelöst, aber das ist jetzt das Sahnehäubchen. Die Abgründe kommen ja auch wieder, die hab ich als Künstler sowieso. Aber ich peitsche mich erst morgen wieder aus, heute freue ich mich.»

Ausgeglichenes Feld

Die fünfköpfige Jury hatte es in diesem Jahr nicht leicht mit ihrer Entscheidung. Denn auch die vier anderen Romane bestachen durch ihre literarische Qualität. Dabei waren die Tonarten gar nicht so verschieden: Ob kurze Texte oder gross angelegte Erzählungen – alle Nominierten hatten Lebensgeschichten geschrieben. Sie reichen vom Schicksal eines adoptierten Waisenmädchens über das Dilemma eines jüdischen Regisseurs im Holocaust, den Völkermorden im Gulag oder in Europa bis hin zum Alltag abstürzender Menschen in der Ostschweiz. Ob Monica Cantieni, Charles Lewinsky, Felix Philipp Ingold oder Peter Stamm, für jeden hätte man sich gefreut, haben sie doch alle – trotz ihrer anspruchsvollen und sperrigen Themen – gut funktionierende, publikumsgängige Unterhaltungsliteratur verfasst. Allen gemeinsam ist das Thema der Fremdheit, das in Florescus sprachgewaltigem Roman auf die Spitze getrieben wird.

Verzicht auf Migranten-Bonus

Geboren 1967 in Temesvar, war Catalin Dorian Florescu gerade mal fünfzehn Jahre alt, als er mit seinen Eltern aus Rumänien in die Schweiz flüchtete. Nach seiner Ausbildung zum Psychologen und Suchttherapeuten in Zürich lebt und arbeitet er dort heute als freier Schriftsteller. Mit Florescu wird, nach der Verleihung des Schweizer Buchpreises 2009 an die slowakische Literatin Ilma Rakusa, wiederum ein Schriftsteller aus Osteuropa geehrt. Das lässt vermuten, dass die Exotik des Balkans die Geschichten eingängiger transportieren lässt, gewissermassen als MigrantInnenbonus. Doch Florescu verwehrt sich gegenüber solchen Marginalisierungen und den Anspruch, dass diese Literatur endlich eine Anerkennung finden müsse, ebenso wie in Deutschland und Österreich. «Ich bin so deutsch wie Kafka. Die Geschichte spielt im Osteuropäischen Raum. Das stimmt», sagt er. «Aber eigentlich geht es um die grosse Geschichte der Kolonialisierung von Osteuropa. Wenn man dort im Banat über einen Friedhof geht, findet man alle Namen. Aus Elsass-Lothringen, aus Österreich, aus Deutschland…» Und was das Fremde betrifft, so sieht er es überall vorhanden: «Wir sind von Migranten umgeben, überall gibt es Fremdheit. Und wir selber sind doch auch Migranten, das bringt allein schon die berufliche Mobilität mit sich.»

Rumänien ist und bleibt aber das Land seiner Inspiration. «Hier springen mich die Geschichten an. Sie kommen auf mich zu. In ihnen ist alles vorhanden: Schönheit, Dreck, Schmutz, starke Eindrücke, Dramatisches, magischer Realismus. In Zürich läuft mir der Teufel nie über den Weg», sagt er. Doch zu Hause fühlt er sich an beiden Orten. Irgendwann hat er dann nämlich genug von der aufgesprungenen Erde in Rumänien, dem Chaos, dem Witz. Und er will sofort zurück in die Schweiz, «dorthin, wo man weiss, wann ein Gespräch anfängt und wann es endet.»

Göttlich-teuflischer Beginn

Seine Geschichte «Jakob beschliesst zu lieben» beginnt höchstdramatisch: «In jedem Sturm steckt ein Teufel. In einem sommerlich flüchtigen wie auch in einem, der sich tagelang schwer aufs Land legt. Er versteckt sich vor Gott. Je ängstlicher er wird, desto kräftiger wirbelt er die Luft und die Erde auf. Doch auch das nützt ihm wenig. Wenn dann der Sturm draussen auf den Feldern jault, wissen die Menschen, dass Gott den Teufel gefunden hat.» 

Florescu erzählt die abenteuerliche Lebensgeschichte des Jacob Obertin aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat. Seine Geschichte – zeitlich zwischen dem Ende der 20er- und Anfang der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts angesiedelt – weitet sich zu einem Familienepos aus, in dem temporeich und in dichten, fantastischen Bildern das Schicksal der Obertins über 300 Jahre hinweg erzählt wird, beginnend mit dem 30-jährigen Krieg in Lothringen.

Am Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich Jacobs Vorfahren, wie viele Tausende Anderer aus Elsass Lothringen ein besseres Leben suchend, auf den gefährlichen Weg ins Banat gemacht, um ihr Glück zu finden und eigenes Land zu besitzen. Animiert von der Kolonisationspolitik Maria Theresias.

Jakob (Jacobs Vater) hatte sich ins Banat aufgemacht, eine Frau kennenzulernen und zu heiraten, mit einem Zeitungsartikel über sie im Gepäck. Er tauchte in Triebswetter auf: «…und er behielt die kleine, zierliche Frau, die meine Mutter werden sollte, stets im Blick. Sie bemerkte ihn erst, als er schon eine Weile dastand. «Plötzlich war er da», würde sie später sagen. «Was hätte ich tun sollen?» Und das meinte sie durchaus so. Als ob sie keine Wahl gehabt hätte, nachdem er erschienen war. Als ob sich ihr Leben in ein Vorleben ohne ihn und ein Nachleben mit ihm aufgeteilt hätte. (…) Sie war siebenundzwanzig, für die Welt, in der sie lebte, schon eine alte Frau. Auch in ihren amerikanischen Nächten drüben in New York soll sie es sich oft vorgestellt haben, dass da noch etwas Grosses kommen würde. Etwas, das sie für das Warten entschädigen würde. «Etwas Grosses, hatte ich gedacht, aber mit seiner Grösse habe ich nicht gerechnet», erzählte sie später.»

Diktaturen und Deportationen

Jakob hatte sich entschlossen, sie zu lieben. Sie, die mit Geld aus Amerika zurück ins Banat gekommen war. Das hatte er im Zeitungsartikel gelesen, er, der geprägt ist von einem pragmatischen Überlebenswillen in einer unwirtlichen Welt. Einer Welt, in der man sich den Luxus nicht leisten kann, ein Gewissen zu haben. Der Sohn, Jacob mit «c», ist sein Stammhalter, der ihm nie genügen wird. Den er verraten wird, der sein Antipode wird. Jacob wird seine erste Liebe verlieren und von den Wechselfällen der Geschichte durch Europa getrieben. Er erlebt Diktaturen und Deportationen, überlebt sie – dank hilfreicher Menschen – und ihre grotesken und katastrophalen Folgen. Der Sohn wird einen neuen Aufbruch wagen.

Vor dieser burlesken, fast byzantinischen Kulisse agieren die teilweise fast archaisch gezeichneten Figuren, ihre Gefühlszustände reichen von äusserster Brutalität und Gefühlskälte bis hin zur äussersten Wärme. So ist der Vater Jakob mit allen Wassern gewaschen. Er hat Charme, er kriegt, was er will. Einerseits nimmt er sich die Frau, für die er sich entschieden hat. Andererseits verweigert er die solidarische Verantwortung: «Ich gehe nicht helfen bei diesem Feuer.» Jacob, der Sohn, ist anders. Ihm wird es gelingen, aus dem Schatten der Vergangenheit herauszutreten.

Ein Epos über Glücksucher

Autor Florescu ist es gelungen, in diesem fesselnden Roman alle menschlichen Tugenden und Untugenden unvermittelt aufeinanderprallen zu lassen. Und zugleich eine Art Denkmal zu setzen für die Banater Schwaben, diese kleine tapfere Minderheit, die in Osteuropa ums Überleben gekämpft hat. «Denn», so der Autor, «es geht auch um Prozesse der eigenen Selbstbestimmung, um meine eigene Gegenwart besser zu verstehen und zu bewältigen. Um eine elementare Auseinandersetzung, die im Leser eine gewisse Saite anklingen lassen sollen. Den Funken überspringen lassen. Und dann ist es egal, ob die Geschichte vor 300 Jahren spielt und der heutige Leser im 21. Jahrhundert lebt. Wir treffen uns in der Sprache, nicht im Plot. Und die Sprache muss kräftig sein.»

Für den Roman hat Florescu zwei Jahre lang Vorarbeit geleistet, ist alle Orte und Dörfer im Elsass abgefahren, die Donau hinauf. Er hatte alles dabei, was es brauchte. Aber die Stürme, den Schiffbruch kann man nicht berechnen. Die Frage heisst immer: Wird es etwas werden? Mit diesem Roman legt er ein gelungenes Epos vor, ein Epos über energische Glücksucher, denen es gelingt, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Und die aller Tragik, allem Schrecken trotzen und immer wieder voller Zuversicht nach vorne blicken.

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