Gauguin, der empfindsame Indianer

Kunst und Leben waren für Paul Gauguin eng verknüpft. Welchen Einfluss sie aufeinander hatten, zeigt sich in zahlreichen Selbstporträts. Einige ausgesuchte sind jetzt in der Ausstellung in der Fondation Beyeler zu sehen.

Ein nachdenklicher Paul Gauguin, in einer Fotografie aus dem Jahr 1891. (Bild: akg-images)

Kunst und Leben waren für Paul Gauguin eng verknüpft. Welchen Einfluss sie aufeinander hatten, zeigt sich in zahlreichen Selbstporträts. Einige ausgesuchte sind jetzt in der Ausstellung in der Fondation Beyeler zu sehen.

Das herausragende Schaffen des Künstlers Paul Gauguin ist aufs Tiefste mit seinem bewegten und letztendlich tragischen Leben verknüpft. Vieles, was den Menschen und Maler Gauguin antrieb, ist in seine Selbstbildnisse eingeflossen und kann in den ausgesuchten Selbstdarstellungen des Künstlers, die in der Fondation Beyeler zu sehen sind, nachempfunden werden.

Die Ausstellung setzt mit «Selbstbildnis mit Palette» (um 1893/94) ein, in dem Gauguins kühne Farbwahl, die Betonung der Fläche und das Schablonenhafte verdeutlicht sind. Sein Selbstbewusstsein wird durch markante Gesichtszüge hervorgehoben und sein massiger Körper scheint den Bildrahmen zu sprengen. Der Vergleich mit Fotografien zeigt, dass Gauguin in den meisten seiner über vierzig Selbstdarstellungen seine physiognomischen Merkmale – prominente Nase, längliches Gesicht – überzeichnete. Die für ihn typische exzentrische Kleidung seiner Zeit in Frankreich hat er hier jedoch vornehm stilisiert.



Paul Gauguin Autoportrait à la palette, ca. 1893/94

Paul Gauguin, der Maler. (Selbstbildnis mit Palette) (Bild: (Privatsammlung))

In diesem Werk zeigt Gauguin sich selbst als malenden Maler: In der einen Hand hält er den mit Farbe durchtränkten Pinsel, in der anderen seine Palette. Das Bild wird dadurch interessant, dass hier ein selbstreflexiver Moment des Malprozesses und der Entstehung eines Selbstbildnisses zu sehen sind. Die Hand, die den Pinsel hält, wurde noch nicht koloriert, die Farben Gelb, Rosa und Rot, die dazu gebraucht werden, sind auf der Palette zu sehen. Doch die malende Hand kann sich selbst nicht malen, und dieses Werk wird damit zum Sinnbild eines nicht realisierbaren Vorhabens.

Verraten, einsam, verlassen, leidend

Dass Gauguin unbeirrbar seinen Weg ging und gleichzeitig immer wieder hellsichtig die Unmöglichkeit seines Strebens vor Augen hatte, macht die Tragik und Qualität seines Lebenswerkes aus. Schaut man auf dieses zurück, so kann nicht erstaunen, dass Paul Gauguin sich in mehreren Werken mit der Leidensgeschichte des christlichen Erlösers auseinandersetzt und sich selbst in diese Heilsdarstellungen einschreibt. In «Selbstbildnis mit dem gelben Christus» (1890–91) positioniert sich Gauguin als verschattete Selbstdarstellung vor ein Gemälde, das Christus am Kreuz darstellt. Damit zitiert der Maler sein eigenes berühmtes Werk «Gelber Christus» (1889) spiegelverkehrt und ausschnitthaft.

Das «Himmlische» des Christus-Gemäldes wird auf der anderen Seite des Hintergrunds durch das «Irdische» kontrastiert: Dunkel und fratzenhaft ist dort eine weitere Selbstdarstellung Gauguins eingefügt, die – als gemalte Verdoppelung und Übersetzung – seine Tonplastik «Krug in Form eines grotesken Kopfes (Selbstbildnis)» (um 1889) zeigt. In ihr referiert Gauguin auf seine südamerikanische Herkunft mütterlicherseits und betont gleichzeitig sein Interesse an nicht-europäischen Kulturen.



Paul GauguinPot en forme de tête, Autoportrait, 1889

Paul Gauguins Kopf als Krug. (Bild: Pernille Klemp)

Dass einige Plastiken und Skulpturen von Gauguin in der Fondation Beyeler gezeigt werden, eröffnet sicherlich Neues für all jene, die bereits einige von Gauguins bekannten Gemälden aus Polynesien kennen. In «Krug in Form eines Selbstbildnisses» (1889) stellt Gauguin seinen Kopf zweifach abgeschnitten sowie leer dar. Wiederum mit dem Leidenden und Versehrten verknüpft, mag dieses Werk aber auch als Sinnbild für das Streben Gauguins nach dem Ursprünglichen und der Wahrheit gelesen werden.

In einem Brief an seine dänische Frau Mette Glad, mit der er fünf Kinder hatte, schrieb Gauguin 1888: «Ich nehme meine Farben und Pinsel mit und will fern von allen Menschen neue Kraft schöpfen.» Gauguin schrieb auf Französisch «je me retremperai», was wortwörtlich mit «ich werde mich wiedereintauchen» übersetzt werden kann. Dies verweist auf Reinigung und Wiedergeburt – oder könnte heute auch mit «den Kopf leeren» beschrieben werden.

Das letzte Selbstbildnis

Gaugin verliess also «die Menschen», um im Endeffekt wiederum «Menschen» kennen zu lernen. Er liess die ihm wohlbekannten westlichen gesellschaftlichen Zwänge hinter sich und konfrontierte sich mit dem Neuen und Fremden. Dies tat er sicherlich für sich selbst als Menschen, doch viel mehr wollte er durch diesen Weggang als Maler die Malerei mit Hilfe seiner eigenen Malerei befreien. Sehr bald sah er ein, dass er auch auf Tahiti das Paradiesische, Ursprüngliche und Wahre nicht finden würde und liess sich doch nicht wirklich entmutigen.

Seine Überzeugung, dass er das Richtige tue, war stärker, und er verwirklichte das Angestrebte in seiner Malerei: «Ich fühle, dass ich künstlerisch recht habe, […] auf alle Fälle werde ich meine Pflicht getan haben, und wenn meine Werke nicht bleiben, so wird die Erinnerung an einen Künstler bleiben, der die Malerei von alten akademischen Verschrobenheiten […] befreit hat», schrieb er 1901 an George de Montreil nach Paris.

Wie viele seiner überlieferten Aussagen ist auch diese voller Widersprüche und zeigt die unvereinbaren Gegensätze, in denen sich Gauguin zeitlebens bewegte. Dass auch er seiner Herkunft nicht entfliehen konnte, zeigt er selbst – geläutert und versöhnt – in seinem allerletzten Selbstbildnis, das er 1903 auf Hiva Oa malte: Die exzentrische Kleidung ist verschwunden und durch ein weisses einfaches Hemd ersetzt, seine Gesichtszüge sind weich und runder, sein Haar kurz geschnitten – und: er trägt eine Brille. Mit diesem Hilfsmittel der westlichen Gesellschafft sieht er nun.

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«Paul Gauguin», Fondation Beyeler, bis 28. Juni 2015.

Paul Gauguin
Paul Gauguin lebte von 1848 bis 1903. Bekannt ist der gebürtige Pariser vor allem für seine Südsee-Bilder, die auf zahlreichen Reisen entstanden. Das Reisen hatte er dermassen im Blut, dass er deswegen zuerst eine Karriere bei der Marine anstrebte. Diese beendete er 1871 – um als Börsenmakler zu arbeiten. Erst ab 1882 setzte er voll auf die Malerlaufbahn, zunächst mit geringem Erfolg. Es dauerte seine Zeit, bis er zu einem eigenen Stil fand. Und zu sich selbst. Gerade die Reisen in die Südsee hatten grossen Anteil an dieser Entwicklung. Gauguin starb 1903 auf Hiva Oa in Französisch-Polynesien.

Konversation

  1. Der Besuch der Gauguin Ausstellung war für mich ein Höhepunkt in Sachen Kultur. Nicht nur die Exponate und deren Arrangement, sondern auch die sorgfältige Darstellung vom Leben- und Leidensweg des Künstlers. Das Selbstbildnis mit gelbem Christus thematisiert wohl die Leidensgeschichte des christlichen Erlösers (und wohl auch die Gauguins), jedoch genau dieses Christentum wird er Jahre später auf das schärfste angreifen. Mehr noch, aus seinen Bildern, wie aus den Schriften des Künstlers, geht eine Abkehr von der „christlichen Kultur“ hervor. Er suchte eine neue Ausrichtung in einer Art selbstgeschaffenem Neopaganismus.

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