Gekommen, uns zu quälen

«Kaspar Hauser und Söhne» heisst das Auftragswerk, das Olga Bach für das Theater Basel geschrieben hat. Regisseur Ersan Mondtag hat daraus mit expressiven Pinselstrichen mit ein wüst-episches Unsitten-Gemälde Deutscher Kleinbürgergeschichte gemalt.

«Kaspar möchte einmal ein solcher werden, wie sein Vater ist.» Dieser mehr erzwungene als freiwillig geäusserte Wunsch der jämmerlichen und bejammernswerten Figur bewahrheitet sich auf der Bühne des Basler Schauspielhauses gleich sieben Mal. Über so viele Generationen weitet Autorin Olga Bach die Geschichte der legendären Rätselgestalt Kaspar Hauser aus, die in ihrer Version den Titel «Kaspar Hauser und Söhne» trägt.

Kaspar Hauser ist ein Phänomen, das im 19. Jahrhundert ganz Europa bewegte, die Wissenschaft auf Trab brachte und später auch in Kunst und Literatur ihren Niederschlag fand. Es handelt sich um einen jungen Mann, der 1823 aus dem scheinbaren Nichts in Nürnberg auftauchte – als mehr oder weniger stumpfsinniges Wolfskind, das ohne Einbindung in die Zivilsation aufwachsen musste.

Der echte Kaspar Hauser wurde 1833 ermordet (oder hat sich, je nach Erzählweise, selbst umgebracht). Bach lässt ihn weiterleben, lässt eine ganze Familiendynastie entstehen, das die Rahmenwerkstatt «Kaspar Hauser und Söhne» durch Höhen und vor allem Tiefen der Zeiten führt. Sie setzt den Beginn der Geschichte beziehungsweise den ersten Akt im Nazideutschland von 1940 an, lässt die Hochkonjunkturzeit der Sechziger folgen, dann die Zeit nach der Wiedervereinigung von 1990 und schliesslich die Gegenwart.

Durch die Verfremdungs-Höllenmaschine gedreht

Zusammen mit Regisseur Ersan Mondtag entwickelt Bach ein Unsitten-Gemälde deutscher Kleinbürgergeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Und das mit einer faszinierenden Kunstsprache, die sich an die primitive Ausdrucksweise des lange isolierten Findlings anlehnt.

Mondtag geht mit der Verfremdung noch weiter. Viel weiter. Er lässt das Ganze durch eine Verfremdungs-Höllenmaschine laufen, bis alles zur wüsten Groteske verzerrt wird, die stets die Balance auf dem wackligen Dreibein zwischen Wahnsinn, Unsinn und Hintersinn halten muss.

Welch grauenerregende Szenerie breitet sich da aus! Figuren wie aus einer mittelalterlichen Darstellung des jüngsten Gerichts oder aus einem Zombiefilm des Schwarz-Weiss-Kinos: Bleiche nackte Gestalten mit wüsten Fettwülsten am ganzen Körper, Hängebäuchen und -brüsten sowie unansehnlich fadiger Haartracht stapfen über die Bühne. Oder sie sind eingezwängt in zu kleine Puppenhäuser, die wiederum abstossend grell und bunt bemalt sind. Und über dem Ganzen hängt eine langgezogene graue Wolke, die sich hin und wieder bedrohlich nach unten senkt.

Hässliche Bilder mit faszinierender Ausdruckskraft

Mondtag und das phänomenal aufspielende Ensemble (mit Michael Gempart, Vincent Glander, Thiemo Strutzenberger, Urs Peter Halter, Cathrin Störmer, Elias Eilinghoff, Benny Claessens und Carina Braunschmidt) schaffen damit einen Horrortrip, der bis ins letzte Detail präzise durchgearbeitet ist und durch diese Konsequenz trotz oder gerade wegen der hässlichen Bilder eine faszinierende Ausstrahlungskraft entwickelt.

Inhaltlich bewegt sich das Ganze in einem weiten Bogen vom Alltagsgrauen der Nazizeit über die verlogene Euphorie der Wiedervereinigung bis zur Götterdämmerung der Gegenwart, in der sich auf fatale Weise offenbart, dass es die Zivilisation letztlich nicht schafft, die Menschen nachhaltig an einen besseren Weg zu binden. Stilistisch springt die Inszenierung von der Familientragödie über die Nazi-Groteske bis zur Kapitalismus-Farce.

Das ist sehr viel für einen Theaterabend, der sich überdies doch arg in die Länge zieht; dreidreiviertel Stunden dauert er. Für manche Premieren-Besucher war das zu lang, blieben doch einige Sitze nach der Pause unbesetzt.

Gewiss: Der Abend ist in eine Tortur. Aber eine lohnende. Tun Sie sich das an.

Theater Basel: «Kaspar Hauser und Söhne» von Olga Bach. Nächste Vorstellungen am 14. und 27. April sowie im Mai und Juni 2018

Konversation

  1. Bei „Kaspar Hauser und Söhne“ erinnerten wir uns an einen längst verstorbenen Freund, der jeweils zu sagen pflegte: Y ha dr Zuegang zum Wärk nit gfunde. Den zweiten Teil der Geschichte haben wir uns darum am Samstagabend erspart.

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  2. Es ist dem Bedenken über den bedauernswerten Menschen Kaspar Hauser wohl kein Gefallen getan, wenn diese Geschichte zum Anlass genommen wird, kübelweise intellektuelles Ejakulat zu «squirten».

    «Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen» (prämiert).

    Wir sind ja bereits moralisch so am Boden (da kommt mir, bei all dieser «Kunst», das Sturzkotzen hoch), dass wir nicht noch in einen Wettbewerb über das möglichst Tiefste eintreten sollten.

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