Herr Schami, wie können Diktatoren besiegt werden?

Orientalische Erzählkunst in deutscher Sprache ist das Markenzeichen von Rafik Schami. Eigentlich ist er studierter Chemiker, was den 71-Jährigen nicht davon abhält sich Gedanken über Gott, Liebe und den Kampf gegen Diktaturen zu machen. Am 30. März kommt der Schriftsteller nach Basel.

Syrian-German writer Rafik Schami, pictured on October 29, 2011 in Zurich, Switzerland. Rafik Schami was born in Damascus, Syria. In 1971 he moved to Germany, where he studied chemistry. His books, originally written in German, were translated into 25 languages. (KEYSTONE/Gaetan Bally) Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami, aufgenommen in Zuerich am 29. Oktober 2011. Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und kam 1971 nach Deutschland, wo er Chemie studierte. Er zaehlt zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache. Sein Werk wurde in 25 Sprachen �bersetzt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

(Bild: KEYSTONE/Gaetan Bally))

Orientalische Erzählkunst in deutscher Sprache ist das Markenzeichen von Rafik Schami. Eigentlich ist er studierter Chemiker, was den 71-Jährigen nicht davon abhält sich Gedanken über Gott, Liebe und den Kampf gegen Diktaturen zu machen. Am 30. März kommt der Schriftsteller nach Basel.

Als Naturwissenschaftler erforschte Rafik Schami den Aufbau der Materie. Er fragte sich, welche Kraft das Universum ordnet – und nannte sie Gott. Der Exilautor aus Damaskus zählt heute zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern und schreibt die Geschichten seines Volkes vom Leben ab.

Am 30. März lädt das Literaturhaus Basel zum Erzählabend mit Schami. Der Erlös der Benefizveranstaltung geht an den von Schami mitgegründeten Verein Schams, der sich für syrische Kinder einsetzt (mehr dazu und zum Autor in der Infobox). Wolf Südbeck-Baur traf ihn zum Gespräch über Gott, Liebe und den Kampf gegen Diktatoren.

Rafik Schami, in Ihrem neuen Roman «Sophia oder der Anfang aller Geschichten» erzählen Sie die Geschichte des Syrers Salman, der genau wie Sie selbst 1971 nach Heidelberg geflohen ist. Ist diese Parallele Zufall?

Rafik Schami: Zufall sicher nicht. Aber ich mache seit Jahrzehnten die Erfahrung, dass sich ein Autor in ein Puzzlebild verwandelt. Sobald er mit dem Schreiben beginnt, erhebt sich sein Bild in die Luft, zerfällt in tausend kleine Teile und rieselt schliesslich runter in die Seele seiner Figuren. Der eine Protagonist empfängt nur zehn, eine andere vielleicht zweihundert Teile. So bin ich mit meiner Hauptfigur Salman biografisch zwar sehr in Berührung, aber nicht identisch. Auch Salmans Tante Amalia hat Teile von mir abbekommen, vor allem die unversöhnliche Haltung gegenüber der Sippe. Salman dagegen ist die Sippe egal.

Welche Parallelen gibt es noch?

Salman hat Chemie, Physik und Ethnologie studiert, er nimmt an Alphabetisierungskursen teil und gründet in Heidelberg einen Dritte-Welt-Laden. Das sind alles Dinge, die ich auch selbst erlebt habe. Und genau wie Salman habe ich Enttäuschungen bei Bewerbungen als Verlagslektor einstecken müssen. Aber anders als er habe ich keine Beziehungsprobleme. Obwohl Salman mit der klugen Römerin Stella, einer Pharmazie-Professorin, in einer festen Beziehung lebt und mit ihr einen Sohn hat, betrügt er sie. Da bin ich anders gestrickt.

Warum sind Sie in Syrien in den Untergrund gegangen?

Das habe ich auch in dem Roman umschrieben: Salman kommt in Syrien von einer Party und sieht auf dem Heimweg, wie jemand im Müll eines Abfallkübels wühlt. Er ist geschockt. In Syrien besitzen drei, vier Milliardäre fast alles. Auf der anderen Seite herrscht so ein Elend, dass man nicht anders kann als entweder verrückt oder sozialistisch werden. Ich komme aus der aramäisch-christlichen Tradition, die Jesus immer mit seinem Eintreten für die Armen und Schwachen verbunden hat. Das hat mich sehr schnell in den Untergrund und in den Kampf gegen das syrische Regime geführt.

Jesus hatte sich aber dem gewaltlosen Kampf verschrieben…

Natürlich, ich wollte auch keine Waffe tragen und keinen Militärdienst leisten. Militärdienst heisst bei uns in Syrien Krieg. Krieg gegen Israel, Krieg gegen die Nachbarländer, und Krieg gegen das eigene Volk, jeden Tag, wie wir es heute erleben. Das war einer der Gründe, warum ich Syrien verlassen habe.

Was sollten wir den Flüchtlingen sagen?

Zum Beispiel, dass sie zur Kenntnis nehmen, dass sie hier in einem christlichen Abendland sind. Dass sie sich von niemanden verleiten lassen dürfen, den Islam verbreiten zu wollen. Hier ist nicht der Ort dafür. Auch, dass hier ein Gesetz gilt, das bürgerliche Gesetz der Bundesrepublik Deutschland oder das Gesetz der Schweiz, je nachdem, wo sie leben. Hier gilt nicht das Gesetz der Scharia, nicht das Gesetz der Sippe und nicht das Gesetz der Ehre! Ich habe dazu zehn Ratschläge verfasst, sie wurden für die Geflüchteten in sechs Sprachen übersetzt.

Warum ist es so schwer, Frieden in Syrien zu schaffen?

Wenn der Westen wollte, könnte er innerhalb von 24 Stunden alle Hilfen für die Verbrecher der Nussra- oder IS-Dschihadisten unterbinden. Die Scheichtümer und Saudi-Arabien können ohne den Westen nicht eine Woche lang funktionieren. Aber die westlichen Länder haben das bisher vermieden, weil sie angeblich Angst vor einem Öl-Embargo haben. Aber das ist ein geschmackloser Witz! Was sollen die Ölscheichs denn mit dem Erdöl machen? Es austrinken? Nein, wir müssen das syrische Volk gemeinsam retten und dafür sorgen, dass die Waffen schweigen. Und dann würden achtzig Prozent der syrischen Flüchtlinge dorthin zurückkehren, weil Leute ab vierzig Jahren in Europa wenig Chancen haben, einen Job zu finden.

Können Sie als Schriftsteller auch selbst etwas für Ihr Land tun?

Die wahren Verlierer eines jeden Krieges sind die Kinder und Jugendlichen. Deshalb habe ich mit Freundinnen und Freunden den Verein Schams gegründet. Er bemüht sich um die Förderung von syrischen Kindern und Jugendlichen in den Flüchtlingslagern in der Türkei, Jordanien und dem Libanon. Wir betreuen dort inzwischen über 1400 Kinder. Das ist ein Tropfen auf dem heissen Stein. Aber auch ein Ozean besteht doch letztendlich aus vielen Tröpfchen.

Rafik Schami ist 1946 in Damaskus unter dem Namen Suheil Fadel geboren und gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Sein Pseudonym «Rafik Schami» bedeutet «Der Freund aus Damaskus».

1971 wanderte er legal nach Deutschland aus, um dem Militärdienst und der Zensur in seiner Heimat zu entgehen. Er hat Chemie, Physik und Mathematik studiert und in Heideberg als Chemiker promoviert.

Schami schrieb zahlreiche literarische Texte und Romane – zunächst auf Arabisch, seit 1978 auf Deutsch – die in 24 Sprachen übersetzt wurden. Schami ist mit der Zeichnerin und Autorin Root Leeb verheiratet, sie haben einen Sohn.

2012 gründete Rafik Schami zusammen mit dem Verleger Hans Schiler den Verein «Schams e.V.». Die Hilfsorganisation unterstützt Projekte im Libanon und der Türkei, um syrische Kinder und Jugendliche vor Hunger und Not zu schützen.

Konversation

  1. «Wenn der Westen wollte, könnte er innerhalb von 24 Stunden alle Hilfen für die Verbrecher der Nussra- oder IS-Dschihadisten unterbinden.»

    klare wahre worte.
    da gibt’s nix zu beschönigen.

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    1. wollte… könnte… Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär.

      Weiter träumen.

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    2. Aber aber!
      An wen sollte denn die RUAG ihre hübschen kleinen runden Bümserchens dann nachher verhökern?
      Die Grossbanken würden doch glatt bankrott gehen, wenn auch nur ein Obersultan oder ein Gernegross-Atommächtiger seine Schweizer Bankkonten leeren würde!
      Frontex könnte keine guten Taten mehr machen, wenn es keine Flüchtlinge mehr gäbe!
      …und der Schweizer Grenzschutz würde nur langsam träge, wenn er nicht mehr einrennenden potentiellen Asylanten hinterher laufen könnte! Dabei geht es doch nur darum, wer schneller in der Empfangsstelle ist.

      …und erst unsere arme Bündner Chemie-Industrie!
      Läckerli sind doch ehrlich kein realer Ersatz für das andere, was viel besser knallen kann!

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  2. Danke Tageswoche für dieses wunderbare Interview, das Hoffnung gibt, Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der die Liebe, die nicht rechnet, siegt.

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