Hunkelers Nachfolger kommt aus Zürich

In seinem fünften Fall schnuppert der Zürcher Polizist Benedikt Müller Basler Luft. Damit deutet sich in der Kriminalroman-Serie ein Ortswechsel an, den der Autor Raphael Zehnder vor acht Jahren vollzogen hat. Wie es dazu kam, warum er sich Rugbyspiele anschaut und seine Arbeit beim Radio nicht aufgeben möchte, das hat er uns bei einem Kaffee im Schützenmatt-Pavillon erzählt.

Einer seiner Lieblingsorte in Basel: die Schützenmatte.

(Bild: Nils Fisch)

In seinem fünften Fall schnuppert der Zürcher Polizist Benedikt Müller Basler Luft. Damit deutet sich in der Kriminalroman-Serie ein Ortswechsel an, den der Autor Raphael Zehnder vor acht Jahren vollzogen hat. Wie es dazu kam, warum er sich Rugbyspiele anschaut und seine Arbeit beim Radio nicht aufgeben möchte, das hat er uns bei einem Kaffee im Schützenmatt-Pavillon erzählt.

Manchmal schlägt das Pendel in eine Richtung, die man nicht erwartet hätte. So freundet sich der Zürcher Kriminalpolizist Benedikt Müller im neuesten Krimi von Raphael Zehnder mit der Stadt Basel an.

Das hat eine Vorgeschichte, denn für Zehnder schlug das Pendeln in eine Richtung, die er nicht erwartet hätte: im Fall des Autors von Zürich nach Basel. 26 Jahre lang hatte er an der Limmat gelebt, als Jugendlicher in Punk-Bands gespielt, als Dr. Phil. über Musik geschrieben. In Zürich fand er die Liebe zu seinem Fussballclub und zu seiner Frau.

So machte ihn 2002 der Beruf zum Pendler, als er Kulturredaktor bei DRS2 (heute SRF2) wurde. Fortan reiste er mehrmals wöchentlich im Zug, bis sich die familiäre Situation änderte und die Distanz zu gross wurde.«Ich sah unser Kind nur schlafend, am Morgen wenn ich das Haus verliess und abends, wenn ich von der Arbeit zurückkehrte», erzählt er.

Als FCZ-Fan in Basel musste er sich eine neue Ballsportart suchen

Die Organisation des Familienlebens wurde komplexer, so kamen seine Frau und er vor acht Jahren zum Schluss, nach Basel umzuziehen. «Ein guter Entscheid», sagt Zehnder heute. Auch wenn er nun weit weg vom Letzigrund lebt. 

«Als FCZ-Fan war für mich klar, dass ich mir eine neue Ballsportart suchen musste», sagt er, denn den Fussballverein zu wechseln, das kam nicht in Frage. So entdeckte er in Basel den Rugby Club, dessen Spiele er sich gerne ansieht. «Wahrscheinlich als einziger Zuschauer, der nicht mit dem Verein verbandelt ist», sagt er amüsiert.

Die Schützenmatte als Wohnzimmer im Sommer

Noch häufiger als die Pruntrutermatte frequentiert er aber die Schützenmatte.

«Im Sommer ist das unser Wohnzimmer», verrät Zehnder. In diesem Park tolle er mit seinen Kindern, zwei Buben, rum, auf dem Kunstrasen der Old Boys würden sie oft Fussball spielen. Und als Aktivposten im Quartierverein kümmert er sich auch um den Schützenmatt-Kompost.

Grün und doch zentral, das mag er an seinem Wohnquartier. Die Ruhe auch. «Meine Eltern wohnen im Aargau, auf dem sogenannten Land, haben aber mehr Lärm als wir hier in der Stadt», sagt Zehnder. Keine Frage: Da schwärmt einer fürs 4054.

Auch sein Krimi-Kommissar, Benedikt Müller, entdeckt das Quartier um die Schützenmatte. Weil hier seine Schwester wohnt, der er zu Hilfe eilt. Zwar nur ein Nebenaspekt in diesem fünften Fall, «Müller und die Ambulanzexplosion», aber ein folgenschwerer, wie man erahnen kann. Denn bei diesem Müller macht sich in Zürich Betriebsmüdigkeit bemerkbar.

Plant Zehnder, seinen Krimikommissar nachzuziehen? «Das ist gut möglich», gibt der Autor zu, «Müller schnuppert jedenfalls mal Basler Luft und findet: Noch ganz angenehm.»



«Ich glaube, die Stadt Basel ist genügend gross für zwei Polizisten.»

«Ich glaube, die Stadt Basel ist genügend gross für zwei Polizisten.» (Bild: Nils Fisch)

Auch wenn er nicht realistische Romane schreiben möchte – «den Realismus bilde ich schon in meinem beruflichen Alltag ab»: Wenn es um Schauplätze geht, nimmt er es gern genau. «Die Örtlichkeiten müssen stimmen. Den Rest überlasse ich gerne der Fantasie. Immer öfter, wenn ich nach Zürich zurückkehre, merke ich, wie sehr sich die Stadt verändert hat.» Das mache das Schreiben auf Distanz schwieriger. «Nach acht Jahren ist mir Basel so vertraut geworden, dass ich mir auch für meine Romane einen Ortswechsel zutraue», sagt er. Der Faktencheck würde einfacher. 

Mit dem Zürcher Krimipreis ausgezeichnet

Zürich könnte er ja auch hinter sich lassen, nun, da er sich bei seiner dritten Nomination für den Zürcher Krimipreis durchgesetzt hat. Eine schöne Ehre.

Aber: Ist das eine gute Idee, einen Ermittler nach Basel zu dislozieren? Ist der Platz hier nicht schon besetzt durch Hansjörg Schneiders Kommissär Hunkeler? «Ich glaube, die Stadt Basel ist genügend gross für zwei Polizisten», sagt Zehnder, und verweist auf Zürich, wo mehr als ein Dutzend Ermittler Fälle lösen. Darunter auch Vijay Kumar, der Privatdetektiv des indisch-schweizerischen Autors Sunil Mann. Seine Krimis liest Zehnder selber sehr gerne. Ebenso die Geschichten um Inspector John Rebus, die sich der schottische Schriftsteller Ian Rankin ausdenkt. «Allein wie er mir Edinburgh näherbringt, finde ich wunderbar», sagt Zehnder.

Und wie hält er es mit Hunkeler? «Mag ich auch, kenne ich aber offen gesagt nicht so gut. Ich habe bisher nur zwei Bücher gelesen, glaube aber, dass sich die beiden, Hunkeler und Müller, noch gut vertragen würden.»

Und träumt er, Zehnder, davon, von Müller zu leben? Das kann sich der 53-Jährige nicht vorstellen. Seine Arbeit fürs Radio in der Abteilung «Kunst und Gesellschaft» – er arbeitet vor allem für die Hintergrundsendung «Kontext» – möchte er nicht aufgeben, um nur noch Bücher zu schreiben. «Mir ist der Austausch am Arbeitsplatz wichtig. Kommt hinzu: Müsste ich davon leben, könnte mir der Spass vergehen. Und der steht für mich im Vordergrund. Die Krimis sind meine private Spielwiese.»

Eine Spielwiese, die er ebenso wenig missen möchte wie die Schützenmatte.

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Raphael Zehnder: «Müller und die Ambulanzexplosion», Emons Verlag, Köln. 240 Seiten, 2016.
Lesungen: Kleines Literaturzimmer, Bachletten Buchhandlung Probst & Probst, Bachlettenstrasse 7.
Mittwoch, 2. November, 19 Uhr (ausverkauft), Donnerstag, 3. November, 19 Uhr.

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