«Ich hätte sehr gerne ein Leuchtschild der Ciba und der Sandoz vor der Fusion zur Novartis!»

Der neue Direktor des Historischen Museums Basel hat schon ganz konkrete Ideen, was Ausstellungen anbelangt. Vorher aber will Marc Fehlmann ankommen – und umbauen, wenn es sein muss.

Weiss, worauf er sich einlässt, und scheut keine Konfrontation: Marc Fehlmann (M.) neben Guy Morin (r.) und Urs Gloor, dem Präsidenten der HMB-Kommission.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Der neue Direktor des Historischen Museums Basel hat schon ganz konkrete Ideen, was Ausstellungen anbelangt. Vorher aber will Marc Fehlmann ankommen – und umbauen, wenn es sein muss.

Marc Fehlmann, Sie waren weniger als ein Jahr Sammlungsdirektor der Stiftung des Deutschen Historischen Museums Berlin – und bereits folgen Sie dem Ruf als neuer Direktor des Historischen Museums in Basel. Was reizt Sie so daran, dass Sie so rasch wieder wechseln?

Die Herausforderung ist, zu Hause eine Marke setzen zu können, an einem Haus, das mir sehr viel Spielraum gibt sowohl inhaltlich wie auch operativ. Mich reizt die Aufgabe, dem zweitwichtigsten Museum dieser Stadt wieder die Stellung zu geben, die es aufgrund seiner Sammlung verdient hat. Ein Ruf ist ziemlich schnell zugrunde gerichtet. Kollegen haben meine Berufung zum Teil mit Mitleid zur Kenntnis genommen nach dem Motto: Basel, oje, und nicht Basel, wie toll. Ich möchte erreichen, dass mich diese Menschen in drei Jahren um mein Amt im tollen Basler Museum beneiden werden. Ich möchte erreichen, dass alle Mitarbeiter, Sponsoren und Gönner Freude haben, an diesem Haus zu arbeiten und es zu unterstützen, dass die Ideen, die wir alle zusammen entwickeln werden, von allen getragen werden.

Bezog sich das Mitleid auf das Museum an sich oder vor allem auf die aktuelle Situation?

Nur auf die aktuelle Situation, in die das Haus in den letzten drei Jahren geritten wurde. Das Haus generell gilt in Deutschland beispielsweise als «sehr schönes Haus». Und die Leute sind sich bewusst, dass hier einmalige Schätze liegen. Aber das Image hat gelitten. Und ein Imagewandel, der braucht Zeit, zwei, drei Jahre, bis alle sagen: Jetzt kommt es gut. Diese Zeit muss man auch jetzt diesem Haus geben.

«Ich werde versuchen, historische Prozesse und Phänomene mit der Gegenwart zu verknüpfen.»

Wie wollen Sie diesen Stimmungsumschwung konkret bewerkstelligen?

Wir müssen uns ganz entspannt der Sache annehmen und überlegen, wie wir heute Geschichte vermitteln können, dass sich die Menschen gerne mit ihr auseinandersetzen. Ein Beispiel: Wenn ich das Zunftwesen mit Realien oder Objekten eben aus diesem Zunftwesen darstelle, ist das das Eine. Ich möchte aber auch Parallelen zur heutigen Gesellschaft aufzeigen. Wo finde ich ähnliche Strukturen, vergleichbare Verbünde oder oligarchische Gesellschaftsformen? So können die heutigen Besucherinnen und Besucher die Tragweite des einstigen Zunftlebens besser verstehen. Sonst bleibt es abstrakt. Ich werde also versuchen, historische Prozesse und Phänomene mit der Gegenwart zu verknüpfen. In Berlin legen wir ein starkes Augenmerk darauf, das erlaubt es mir, dieses Prinzip nach Basel, mit seinen historischen Sammlungen, importieren zu können.




«Man muss dem Haus jetzt Zeit geben», sagt Marc Fehlmann. Und damit auch ihm. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Sie sind Kunsthistoriker, wollen aber den zeitgeschichtlichen Aspekt im Museum stärker betonen. Sind Sie gerüstet für diesen Spagat?

Es ist kein Spagat. Das Haus ist primär ein Geschichtsmuseum, es ist kein Kunstmuseum. Es ist ein Erinnerungsort, der den Menschen die Möglichkeit geben soll, sich an die gemeinsame Vergangenheit zu erinnern. Aber das Museum muss auch den Menschen, die später dazugekommen sind, Gelegenheit bieten, sich an etwas zu erinnern. Nicht nur die Hinterlassenschaft und das Leben der alten Elite, die bis ins Ancien Régime das Sagen hatte – eine Elite, die heute noch eine massgebliche Stellung hat. Es gibt auch neue Eliten, die im Museum ebenfalls ihren Platz bekommen sollen.

Das Museum hat eine prächtige Sammlung, die von den alten Eliten geprägt ist. Diese Pracht hat doch ihren Reiz…

Natürlich. Aber wir möchten weitergehen. Wir möchten unsere Sammlung bis ins 21. Jahrhundert hinein ergänzen, auch aktiv Objekte erwerben. Ich möchte die Gelegenheit dieses Gesprächs gleich zu einem Aufruf nutzen: Ich hätte sehr gerne ein Leuchtschild der Ciba und der Sandoz vor der Fusion zur Novartis! Diese beiden Firmen haben das Stadtbild über Generationen hinweg geprägt. Das Museum braucht sie, weil diese beiden Institutionen in der Erzählung von Geschichte in Basel vorkommen müssen. Solche Dinge will ich einbringen. Dieses Vorgehen könnte auch bedeuten, dass man schaut, welche 100 Möbel bei der Ikea in Pratteln in den letzten 30 Jahren am meisten verkauft wurden. Dann kennt man nämlich ungefähr den Durchschnitt, was der Basler gekauft hat – Dauerbrenner, die eben auch zeigen, wie Menschen leben, nicht nur die Elite.

«Wechselausstellungen sind nicht das Kerngeschäft eines Museums, sondern die Sammlung bewahren, erweitern und erklären.»

Können Sie sich demnach auch vorstellen, die Dauerausstellung umzugestalten?

Sie wird sicher dynamischer bewirtschaftet als jetzt. So schön sie ist, sie ist in gewissen Bereichen eine Art Bayrisches Nationalmuseum im Taschenformat – doch es gibt eben auch noch andere Aspekte zur Basler Geschichte. Und solange wir nicht genug Raum haben, um diese anderen Aspekte organisch anzuhängen, müssen wir das in den bestehenden Räumlichkeiten machen. Und das heisst, dass von Zeit zu Zeit der eine oder andere Raum umgebaut werden muss. Auch dass die Menschen nicht das Gefühl haben, sie sähen jeden Frühling denselben Hafen an derselben Ecke… Sondern dass sie lernen, Geschichte zu entdecken, indem sie immer wieder kommen und immer wieder Neues sehen.

Doch das Museum muss ja schon über die Objekte funktionieren, oder?

Die Objekte sind die Basis der Museumsarbeit. Und Wechselausstellungen sind nicht das Kerngeschäft eines Museums, sondern die Sammlung bewahren, erweitern und erklären. Und mit den Sammlungsbeständen, die wir haben – und die wir hoffentlich noch dazu bekommen, um die Sammlung bis ins 21. Jahrhundert erweitern zu können –, Geschichten erzählen zu gesellschaftlichen Fragen der Stadt Basel.

Haben Sie denn schon konkrete Ideen für Sonderausstellungen?

Ja, zum Beispiel «1019» zu 1000 Jahre Basler Münster im Jahr 2019. Oder «Nietzsche und die Folgen», der ja zehn Jahre in Basel war und hier viele Leute getroffen und Schriften gelesen hat, was dann später unter anderem zu seinem Zarathustra führte. Das sind beides Projekte, die ich zusammen mit der Universität angehen will. Etwas anderes, was ich sehr gerne machen würde, wäre «Theodor Herzl und die Erfindung Israels». Da habe ich die Nationalbibliothek in Jerusalem als Partner in Sicht, die von Herzog & de Meuron gerade gebaut wird und 2020 fertig sein soll – im Jahr 2022 kämen wir damit gerade richtig, wenn die Kinderkrankheiten in diesem Haus ausgemerzt sind. Zuerst will ich das noch mit dem Team besprechen, ob die das auch toll finden. Aber ich denke, 2019, das Basler Münster, das muss gesetzt sein.

Konversation

  1. Der Wunsch der Leuchtschilder zeigt etwas auf, das gerne vergessen geht: Wenn etwas Neues entsteht, vergisst man gerne, dass das, was jetzt neu alt ist, historisch einmal interessant sein könnte, weil es irgendwann nicht mehr existiert!

    Zum Beispiel beobachte ich, dass es ein neues Apothekerkreuz gibt. Sichern sich Museen die Altern oder werden wir in 50 Jahren in Museen nur noch Fotos davon sehen?

    Ich denke, mit dem neuen Direktor hat man da ein sehr waches und bewusstes Auge dazu gewonnen, er könnte dem Museum und der Sammlung gut tun.

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