Im Lufttanz das Gundeldingerfeld entdecken

Die Tanzkompanie öff öff aerial dance nutzt das ehemalige Industrieareal für ein ortsspezifisches Luftstück. Betanzt werden Räume, denen bisher wenig Beachtung geschenkt wurde und wo sich die industrielle Vergangenheit mit der umgenutzten Gegenwart trifft.

Hoch über dem Gundeldingerfeld bringt einer der Tänzer die Seilinstallationen an einem ehemaligen Industriekran an. 

(Bild: Olivier Christe)

Die Tanzkompanie öff öff aerial dance nutzt das ehemalige Industrieareal für ein ortsspezifisches Luftstück. Betanzt werden Räume, denen bisher wenig Beachtung geschenkt wurde und wo sich die industrielle Vergangenheit mit der umgenutzten Gegenwart trifft.

Das Gundeldingerfeld ist in gleissendes Licht getaucht. Die Menschen haben sich in die Schattenwürfe der ehemaligen Fabrikbauten zurückgezogen. Sie stecken hinter Bildschirmen, diskutieren wild gestikulierend mit viel Papier auf dem Tisch Ideen.

Andere scheinen in Gedanken versunken die Verbindung zu dieser Welt kurz zu verlieren. Den Babys in den unzähligen Kinderwagen fehlt diese meist sowieso noch. Die Kletterer an den Plastikgriffen stellen sie genauso auf die Probe wie die blinden Kühe über ihren unsichtbaren Steaks. Das Gundeldingerfeld ist ein sonderbares Sammelsurium unterschiedlichster Menschen. Über 80 Mieter zählt das ehemalige Areal der Maschinenfabrik Sulzer-Burckhardt AG.

Irgendwo dazwischen, darüber, schwingen an diesem Dienstag die Tänzerinnen vom Kollektiv öff öff aerial dance durch die Luft. Die Tanzkompanie, die nach ihren Anfängen in Bern heute in Basel arbeitet, ist europaweit ein Begriff für ortsspezifische Lufttanz-Choreografien. Vier Köpfe bilden den Kern, viele weitere Tänzerinnen und Tänzer fliegen in den öfföff-Stücken an Seilen durch die Luft.

So auch im Gundeldingerfeld. Auf zehn Metern Höhe sitzt ein Lockenkopf in der prallen Sonne auf einem ehemaligen Baukran und richtet Seile. Am anderen Ende findet das Schauspiel statt. Beine überschlagen sich, gleiten auf dem Holzboden wie auf Skiern, begehen den Mond.

Eine ortsspezifische Choreografie heisst ausprobieren und ganz genau hinsehen, was der Ort möglich macht. (Video: Olivier Christe)

Mal sieht das Ganze sehr unbeholfen aus und dann, auf einmal, erstaunt die Leichtigkeit, die Freiheit, die plötzlich in einem Tanzflug entsteht. Auf solche Momente wartet Alexa von Wehren. Sie ist die Geschäftsführerin von öff öff und Choreografin des abendfüllenden Tanzstücks «Zwischenräume» (zum Porträt bitte hier entlang): «Alles entsteht in den Proben, vier Wochen sind wir vor Ort und finden heraus, was hier möglich ist.» Wie die meisten Stücke von öff öff ist auch «Zwischenräume» eine ortsspezifische Luftchoreografie, in der sich die Tänzerinnen und Tänzer gemeinsam mit den Betrachtern durch das Areal bewegen und den geschichtsträchtigen Raum ausloten, neu entdecken.




Die Tänzerinnen und der Tänzer in einer Probepause. (Bild: Olivier Christe)

1893 gründete August Burkhardt eine Maschinenfabrik auf dem Areal, das damals am äussersten Rand der Stadt lag. Trotz Weltkriegen und Wirtschaftskrisen wuchs die Firma rasch, sodass nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 500 Menschen für die Burkhardts arbeiteten. In den 60er- und 70er-Jahren folgte die Übernahme durch den Sulzerkonzern, der sich schliesslich 1999 gegen Basel und für Winterthur entschied.

Das Areal ging via Gundeldinger Feld Immobilien AG im Baurecht an die Kantensprung AG über – mit dem Auftrag einer Umnutzung. Was danach innerhalb weniger Jahre folgte, ist ein Musterbeispiel davon. Heute arbeiten tagsüber rund 200 Personen in unterschiedlichsten Berufen auf dem Areal. Hinzu kommen die Besucher der vielen Freizeitaktivitäten.




Das Lufttanzstück «Zwischenräume» soll die Zuschauer durch die vielen Kubikmeter des Gundeldingerfelds führen. (Bild: Olivier Christe)

Von Wehren sitzt auf einem Stuhl und schaut dem Treiben an den Seilen zu. Mal kommentiert sie laut, dann schweigt sie minutenlang oder tigert nervös umher. «Ortspezifisch heisst ganz genau hinsehen, was der Ort möglich macht», sagt sie. Sie will die industrielle Vergangenheit gleichsam in das Tanzstück einfliessen lassen wie die gegenwärtige Arbeit auf dem Areal. Die embryonale Haltung der heutigen Computerarbeiter wird ebenso zu sehen sein wie die immergleichen Bewegungen der Fliessbandarmeen. Musikalisch begleitet das Stück der umtriebige Berner Musiker Patrik Zeller. Premiere ist am 18. August um 19 Uhr.


Premiere: 18. August um 19 Uhr

Weitere Vorstellungen: 19. / 21. / 26. / 27. August jeweils 19 Uhr
Eintritt: Komme wer wolle, jeder gibt so viel er kann.

Konversation

Nächster Artikel