Im Neuen Theater am Bahnhof inszeniert das Publikum mit

Ein neues Format im Neuen Theater am Bahnhof will keine fertigen Inszenierungen auf die Bühne bringen. Es führt vielmehr den Prozess der Entstehung auf. Das Publikum ist auch gefragt. Wie gut funktioniert das? Ein Besuch der ersten Vorpremiere.

Ein neues Format im Neuen Theater am Bahnhof will weniger abgschlossene Inszenierungen auf die Bühne bringen. Sie zeigen vielmehr den Prozess zum Stück. Das Publikum ist auch gefragt. Wie gut funktioniert das? Ein Besuch der ersten Vorpremiere.

Meistens, wenn nach dem Schlussapplaus die Ansage kommt, dass es noch ein Publikumsgespräch gibt, gehts den Leuten ein bisschen schlecht. Bleibt man sitzen oder geht man raus? Vielleicht gibts ja noch was Interessantes, und wie sehen eigentlich die Schauspieler ohne Maske aus, aber im Grunde will man an die frische Luft. Und warum nicht lieber gleich ein Bier trinken gehen, weil Publikumsgepräche sowieso beklommen sind. Oder es werden fremdschämige Fragen gestellt.

Nach «Monster zertrampeln Hochhäuser» vom Basler Autor Lukas Holliger, der ersten Aufführung in der Reihe «Stückbox» im Neuen Theater am Bahnhof, war es nicht anders. Nicht allen im Publikum war klar, ob das gerade eben der Schluss von Ursina Greuels Inszenierung war, oder ob es noch weitergeht, und entsprechend schütter war der Applaus. Dann also die Ansage mit dem Gespräch, man bleibt doch und setzt sich mit Bier und Fluchtmöglichkeit in die Stuhlrunde ins Foyer.

Da lässt sich was mit machen

Und aus irgendeinem Grund wird das Gespräch gut. Etwa 15 Leute sind da, und der erste, der etwas sagt, hat offensichtlich selber mit dem Theatergeschäft zu tun und führt erstmal einen dezidierten Gedanken aus: Ihm habe die apokalyptische Stimmung im Stück gefallen, aber ihm fehle die Visualisierung der verschiedenen Themen.

Und er hat recht, der Schauplatz des Stücks ist interessant: Eine Wohnung im 39. Stock in einem Banlieue-Wohnblock, in dem zwei Paare feststellen müssen, dass ihnen dieselbe Wohnung vermietet wurde. Das eine Paar kommt aus der Arbeiterklasse, das andere aus dem Kulturgeschäft, aber man muss sich arrangieren, weil Wohnungen kaum zu kriegen sind. Und der Vermieter vermietet doppelt, weil er Schutzgeld zahlen muss an sogenannte Flüchtlingsterroristen.

Da lässt sich was mit machen. Auch wenn der Verlauf recht vorhersehbar ist: Verliebtheiten über Kreuz sind unvermeidbar, die Kulturbanausen sind gar nicht so kulturlos, und die Kulturschaffenden selbst, glühend für den Bildungsgedanken, gar nicht so integer, wie sie gerne hätten.

Prozess statt Produkt

Das Problem ist, dass die Inszenierung mit der Zeit ausfranst. Anstatt dass die Konflikte, die in sich stark genug sind, durchgespielt werden, gehen immer neue Türen auf. Spätestens, als im letzten Drittel eine neue Figur ins Spiel kommt und mit ihr ein völlig anderer Themenstrang, sind die Konflikte von einer Stadt in materieller Not und von zwei gegensätzlichen Paaren, die in derselben Wohnung zurechtkommen müssen, lange vergessen.

Das Stück schwebt in der Luft und hat sich selbst den Boden unter den Füssen weggezogen. Vielleicht meinte das der Herr aus dem Publikum, als er sich «Visualisierung» wünschte. Ein paar Damen geht es ähnlich. Und vor allem: Den Schauspielern ein Stück weit auch. Man müsste den letzten Teil formal absetzen, sagt Michael Wolf, oder die Sache konsequent durchziehen, sagt Agnes Lampkin, und die verschiedenen Themen als Fragmente spielen.

Und das ist jetzt ein schöner Moment. Nachdem das Stück nicht richtig befriedigend war, sieht man, wie das Publikum, die Regisseurin und die Schauspieler selber am Suchen sind. Der Abend ist kein Produkt, sondern Prozess. Auf dem Heimweg und am Tag danach kommt man deswegen anders ins Nachdenken.

Und warum funktioniert hier, was bei den meisten Publikumsgesprächen nicht stattfindet? Keine Ahnung, aber es funktioniert.

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«Monster zertrampeln Hochhäuser»: 10. Mai, 18 Uhr, 11., 13. und 14. Mai, je 20 Uhr. Neues Theater am Bahnhof, Arlesheim.

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