Im Panikraum der Intelligenzija

Mit «Kinder der Sonne» von Maxim Gorki kehrte das Basler Schauspiel auf die Grosse Bühne zurück. Es wurde zu einer Rückkehr, die nur zum Teil überzeugte.

Liebessehnsucht in einer lieblosen Zeit: Jelena Nikolajewna (Nicola Kirsch) springt Boris Nikolajewitsch (Urs Peter Halter) in die Arme.

(Bild: Sandra Then)

Mit «Kinder der Sonne» von Maxim Gorki kehrte das Basler Schauspiel auf die Grosse Bühne zurück. Es wurde zu einer Rückkehr, die nur zum Teil überzeugte.

Die russische Intelligenzija der Vorrevolutionszeit hat sich samt Personal zurückgezogen. Sich in einem riesigen Panikraum von der Aussenwelt abgeschottet, wo das gemeine Volk von der Cholera dahingerafft wird und sich der Petersburger Blutsonntag ankündigt, der brutal niedergeschlagene Aufstand gegen Zar Nikolaus II. im Jahr 1905.

Bühnenbildner Bernhard Kleber hat hierfür auf der Grossen Bühne des Theater Basel einen riesigen, blendend weissen Kuppelbau errichten lassen: ein Bunker ohne Fenster und nur einer schmalen Öffnung, die in die Aussenwelt führt, von der sich die geschlossene Gesellschaft abschottet. Diese hat sich an einen langen Tisch gesetzt, 18 Menschen – die selbsternannten «Kinder der Sonne» – , welche mehr oder weniger unbewegt der Dinge harren, die da kommen mögen, und in ihrer Konzentration auf sich selbst aneinander abprallen.

Abgeschottet

Regisseurin Nora Schlocker – es ist die dritte Hausregisseurin des neuen Theater-Teams, die sich hier dem Basler Publikum vorstellt – schafft damit eine deutliche Assoziation zur Festung Europa, die sich mit wenig Erfolg von den Flüchtlingsströmen aus dem Osten und Süden abzuschotten versucht.

Der Bezug bleibt aber zurückhaltend und beschränkt sich mehr oder weniger auf den räumlichen Rahmen. Die Menschen im Raum bleiben die Figuren, wie sie von Gorki mit sarkastischer Distanz gezeichnet wurden: Es ist das von unerfüllten Sehnsüchten und von seelischer Bewegungsuntüchtigkeit geplagte Personal aus dem Tschechow-Universum, das Gorki aber vom oszillierenden Schwebezustand herunterholt und es brutal auf den Boden der politischen Realität aufprallen lässt.

Ein wirrer Reigen unerfüllter Sehnsüchte

In Gorkis Original spielt sich das Stück im Haus des idealistischen und zugleich weltfremden Chemikers Pawel Protassow (Ingo Tomi), der sein gesamtes Guthaben für seine Forschungs- und Erfinder-Mission verprasst hat. Um ihn herum haben sich weitere Protagonisten der Intelligenzija versammelt: unter anderen der narzistische Maler Wagin (Thiemo Strutzenberger), der überkandidelte Tierarzt Tscherpurnoj (Urs Peter Halter) und der aalglatte Hausbesitzer Nasar Awdejewitsch (Thomas Reisinger).

Unter ihnen und vor allem um die drei Frauen der Gesellschaft, Protassows vernachlässigte Ehegattin Jelena (Nicola Kirsch), dessen Schwester Lisa (Lisa Stiegler) und die reiche Witwe Melanja (Katja Jung), entwickelt Gorki einen wirren Reigen von unerfüllten und unerfüllbaren Sehnsüchten: Wagin macht sich an Jelena heran, die ihn zwar zurückstösst, ihren Mann aber dennoch verlassen möchte. Melanja gesteht Protassow ihre Liebe, prallt bei ihm aber auf stumpfes Unverständnis. Tscherpurnoj liebt Lisa, die aber auf der Schwelle zum Wahnsinn taumelnd damit nichts anfangen kann. Und Awdejewitsch versucht seinen zahlungsunfähigen Mieter Protassow vergeblich zu einer lukrativen Geschäftsidee zu erpressen.

Starke Frauenfiguren

In diese privaten Wirrungen stösst die proletarische Aussenwelt in der Figur des ungehobelten Schlossers Jegor hinein. Dass er seine Frau schlägt, wird von der Bildungsbürgerschicht mit Entsetzen wahrgenommen. Gegen das stur-brutale Wesen des Manns des Volkes kommen sie aber nicht an. Allerdings beweist ausgerechnet dieser Jegor als seine Frau an Cholera erkrankt, dass er anders als die Intelligenzija auch zu wahrem Mitgefühl und Liebe fähig ist.

Jegor ist eine der stark gezeichneten Figuren in Nora Schlockers Inszenierung. Sein direkt-brutales Auftreten lässt auch jenseits der Bühnenrampe die Furch der Oberschicht vor dem Proletariat nachvollziehen. Am überzeugendsten aber treten die beiden Frauenfiguren Jelena und Melanja hervor. Zu erleben sind zwei Gegenpole: auf der einen Seite die treuherzig-naive reiche Witwe, die zur berührend-tragikomischen Verliererfigur wird, und auf der anderen Jelena, die als einzige die Kraft aufbringt, aus der In-Sich-Gekehrtheit  auszubrechen.

Mit ihren Auftritten sorgen der Darsteller und die Darstellerinnen der drei Figuren, Thomas Schweiberer, Katja Jung und Nicola Kirsch denn auch für die schauspielerischen Höhepunkte des Abends.

Schwieriges Setting

Andere Figuren haben es schwerer, aus dem verzwickten Reigen herauszuragen. Das liegt nicht zuletzt am Setting, an der weitläufigen und bis auf den zentralen Tisch leeren Bühne, die bis in die hinterste Ecke grell ausgeleuchtet ist und auf der stets alle 18 Mitwirkenden anwesend sind.

Die Idee des laborartige Mikrokosmos‘ der eingeschlossenen Gesellschaft ist zwar bestechend, sie erweist sich auf Dauer aber auch Hypothek. Keine Auf- und Abtritte und kein Lichtwechsel erleichtert es der Schauspielern, intimere und konzentrierte Dialogmomente zu schaffen. Kommt dazu, dass der kuppelartige Bühnenaufbau auch akustische Probleme mit sich bringt. Je nachdem, wo die Schauspieler auf der Bühne gerade stehen, erzeugt dieser bauliche Hintergrund einen Nachhall, der die akustische Verständlichkeit des Textes massiv erschwert.

Mit der aktuellen Inszenierung von Maxim Gorkis «Kinder der Sonne» ist das Basler Schauspiel, nach dem es unter Georges Delnon auf die kleineren Spielstätten Kleine Bühne und Schauspielhaus beschränkt wurde, wieder auf die Grosse Bühne zurückgekehrt. Und es wurde gleich bei diesem ersten Versuch wieder mit den alten Problemen konfrontiert, dass dieser grosse Raum für das Schauspiel szenisch und akustisch eine grosse Herausforderung darstellt.


«Kinder der Sonne» von Maxim Gorki. Theater Basel, Grosse Bühne. Weitere Vorstellungen bis Dezember 2015.

 

 

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