Im Schweizer Nachtzug an die Berlinale

Das Schweizer Filmschaffen war an den 63. Berliner Filmfestspielen gut vertreten. Vor allem im Kleinen gewann man grosse Einblicke.

Der Schweizer Peter Liechti besucht «Vaters Garten» – und beschert uns ein eindrückliches Sittenbild einer aussterbenden Gattungvon Eltern. (Bild: zVg)

Das Schweizer Filmschaffen war an den 63. Berliner Filmfestspielen gut vertreten. Vor allem im Kleinen gewann man grosse Einblicke.

Wer sagt denn, dass die Film-Schweiz nicht im Konzert der Grossen mitspielen kann? Mit grosser Kelle rührte die Zürcher Produktionsfirma C-Films an der Berlinale ihre Welt­premiere an: In der Verfilmung von Pascal Merciers Bestseller «Nachtzug nach Lissabon» reisen Jeremy Irons, Bruno Ganz und Martina Gedeck mit, Lokführer ist Bille August. Wer auch immer am Ende den Goldenen Bär gewinnt: Der «Nachtzug nach Lissabon» gehört nicht zu den Verlierern. Denn er lief ausser Konkurrenz.

Jeremy Irons schlüpft darin in die Rolle eines Berner Gymnasiallehrers. In seinem Alltag findet Leben nur noch als Lektüre statt. «Ich bin ein Langweiler», stellt er fest. Das ändert sich, als er auf der Berner Monbijou-brücke eine junge Portugiesin davon abhält, sich das Leben zu nehmen. Er folgt ihr und findet sich bald im Nachtzug nach Lissabon wieder. Jetzt hält der Lehrer plötzlich ein neues Buch des Lebens in der Hand, eine philosophische Abhandlung, ein Werk von Amadeu Prado. Es muss den Grund der Selbstmordabsichten der jungen Frau enthalten. Schon die ersten Zeilen lassen ihn nicht mehr los. Oder ist es der Duft der unbekannten Frau?

Der Roman von Pascal Mercier enthält mehrere Fabelstränge. Das stellt den Film vor eine schwer lösbare Aufgabe. «Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?», steht im Buch geschrieben. Wir fangen im Laufe des Filmes an, uns die Frage zu stellen: Wenn der Film nur einen kleinen Teil des Buches wiedergeben kann, wo bleibt dann der Rest? Die brennende Liebe für die Sprache der Philosophie wird von Jeremy Irons’ hypnotisierender Offscreen-Stimme über die Vorlage erhoben. Aber im Bild wirkt der Lehrer eher unterkühlt.

Vielversprechende Talente

Immerhin: Unter all den schrillen, aufwühlenden und hippen Filmen der Berlinale bildete «Nachtzug nach Lissabon» den wohltuend gelassenen Kontrapunkt. Swissfilms, die Promoagentur des Schweizer Filmschaffens, bewarb aber nicht nur grosse, designte Filme wie diesen. Sie vertrat auch vielversprechende Talente wie Oliver Schwarz, der im Kurzfilmwettbewerb mit «Traumfrau» eine Beziehungsgeschichte unterkühlt ironisch in Szene setzte:

Mann findet Traumfrau. Frau ist gehbehindert. Trotzdem ist das Paar glücklich. Das wäre an sich banal, wäre die Traumfrau nicht eine Puppe. Diese Idee tauchte zwar schon in anderen Filmen auf – etwa «Air Doll» oder «Lars und die Frauen». So solide quadriert und absurd getextet öffnet «Traumfrau» aber eine ganz eigene, kleine Welt.

In «Vaters Garten» erzählt Peter Liechti, wie er als Erwachsener vor seinem Vater stand und plötzlich wusste, dass er sich von seinen Eltern ein Bild machen will. Entstanden ist ein mit archäologischer Genauigkeit festgehaltenes Sittenbild einer aussterbenden Gattung von Eltern. Liechti komponiert dabei den Klang der Bilder, indem er ausgewählte Dialoge seiner Eltern in ein magisches Puppenspiel versetzt, montiert seine zauberhaften Beleuchtungseffekte auch mal zu kleinen Traumtexten. Liechti selber steht dabei nicht hinter der Kamera, nein, er ist die Kamera. Als Sohn, als Bildermacher ist er Teil dieser Welt, die unsere wird.

Die Kamera stellt Fragen und sucht Nähe. Wie offen sie hierbei die Linse hat, zeigt sich, wenn der Skeptiker Liechti seine gläubige Mutter und Schwester fragt, wo er denn ihrer Meinung nach hinkommen werde nach dem Tod. Ins Paradies? Da schweigen beide, schauen sich an, holen Luft, schweigen, schauen. In diesem Augenblick sind plötzlich wir die Kamera und sitzen mitten in Hans Liechti drin.

Die Schweizer Filme machen neugierig. Und Lust auf mehr.

In «Das Merkwürdige Kätzchen» hat Ramon Zürcher, der in Bern und Berlin studierte, den Geheimtipp der Nachwuchsfilme abgeliefert. Akribisch genau rückt er einer Familie auf den Leib. Er fängt ein, was jedem anderen in einer Grossfamilie auch auffallen würde. Aber wie er es einfängt, ist mehr als das Gesellenstück eines Hochschulabgängers. Er verstösst gegen Schnittgesetz, schert sich um regelhafte Decoupagen. Kurz: Er bricht Regeln und führt gleichzeitig neue glaubhaft ein. Das macht neugierig. Und Lust auf die nächste Berlinale. Dann sehr gerne mit dem Meisterwerk von Ramon Zürcher.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 15.02.13

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