In den Krieg mit Don Winslow

Was muss man diesen Sommer gelesen haben? Don Winslow, sagt die Buchhändlerin. Während sich in der Ukraine das Drama in Wirklichkeit ereignet, schlürft man mit Schauer auf dem Rücken die Vergeltungsjagd eines Elitesoldaten, der seine Familie bei einem Flugzeuganschlag verliert.

Flammen, Stahlschrift, hier geht’s lang.

Was muss man diesen Sommer gelesen haben? Don Winslow, sagt die Buchhändlerin. Während sich in der Ukraine das Drama in Wirklichkeit ereignet, schlürft man mit Schauer auf dem Rücken die Vergeltungsjagd eines Elitesoldaten, der seine Familie bei einem Flugzeuganschlag verliert.

Ich bin in die Buchhandlung Thalia gegangen und habe gefragt, was man diesen Sommer gelesen haben muss. Ein Turnpager sollte es sein, und die Post muss abgehen.

Das traf den Nerv der Buchhändlerin. Während einer Viertelstunde, ich hatte mich schon längst entschieden, nestelte sie unermüdlich in den Regalen der Unterhaltungsliteratur. Ich kaufte «Vergeltung» von Don Winslow. Dem amerikanischen Autor wird von der Kritik nachgesagt, er sei zur Zeit der beste Thrillerautor.

Was mich aber eigentlich zum Kauf bewegte, war die Verbindung von Buchcover und Verlag. Die Titelbuchstaben im Stahllook sind als Relief hervorgehoben, darüber fliegt ein brennendes Flugzeug, Inhaltsangabe und Lob des Autors finden auch noch Platz auf dem Buchdeckel. Hello America! Als Verlag zeichnet, unscheinbar in der Ecke, man sieht es kaum – Suhrkamp. Entweder ist der Verlag, in dem Max Frisch und Peter Sloterdijk erscheinen, durch die Wirren der letzten Jahre im Keller angekommen, oder Don Winslow ist ein richtig guter Mann.

Für das Zweite spricht einiges. Winslows Lebenslauf geht nämlich so (zweiter Kaufgrund): «Don Winslow wurde 1953 in New York geboren. Bevor er mit dem Schreiben begann, verdiente er sein Geld unter anderem als Kinobetreiber, Fremdenführer auf afrikanischen Safaris und chinesischen Teerouten, Unternehmensberater und immer wieder als Privatdetektiv.»

Wenn es stimmt, dass ein guter Künstler etwas erlebt haben muss, dann ist Winslow unser Mann.

Bam bam bam

Also los! Und mitten rein. Dave Collins ist Elitesoldat im Irak und stürmt gerade ein bewachtes Haus. Ducken, pirschen, Treppe, Tür, «Trichter des Todes», HK MP7 im Anschlag (erster Satz des Buches), bam bam bam, Gegner sacken zusammen, oben erwischt Collins den Boss, der gerade mit einer Prostituierten im Bett liegt.

Alles klar, I’m in. Nach dieser Eingangspassage, «Teaser» sagt man dem im Journalismus, folgt etwas Familienromanze von Collins, der inzwischen aus dem Dienst getreten ist. Jaja, Jake und Diana, sie verschläft, er ist ein super Junge, ich lese rasch, bald gehts weiter.

Diesmal einen Gang höher: Anschlag auf ein Flugzeug über New York, den Collins, inzwischen Sicherheitschef am JFK-Flughafen, nicht verhindern kann. Mir schauerts, weil im Moment der Lektüre das Flugzeug über der Ukraine abstürzt. Winslow schildert minutiös, wie der Absturz das Flugzeug auseinandernimmt, wie es die Verschalung des Flugzeugs aufschält, wie es die Sitze rausreist, wie die Minibar durch die Kabine fliegt.

Alle voyeuristischen Bedürfnisse werden bedient. Wie es weitergeht, fassen vollumfänglich die Hauptsätze auf dem Titelblatt zusammen: «Dave Collins ist Elitesoldat. Seine Familie stirbt bei einem Anschlag. Seine Regierung unternimmt nichts. Zeit für Vergeltung.»

Die besorgt Collins mit ehemaligen Kollegen aus seiner Elitesoldatenzeit. «Die besten Männer der Welt» dürfen sich hier zusammenfinden, mit viel Betonung auf «Männer», auch an Hightechwaffen und all ihren Details haben Winslow und seine Protagonisten sehr viel Freude.

Saudumm ist das. Aber sehr schön, sehr schön, genau das habe ich gesucht. Ich liebe schliesslich auch Bruce Willis. Das Buch um die Jagd auf Terroristen liest sich wie ein Actionfilm. Das ist zwar teilweise seltsam, weil es schrecklich umständlich ist, mit Worten eine Gefechtsstelle zu beschreiben (das wusste schon Lessing). Zugleich hört man Waffen anders rattern, das muss man zugeben, wenn der Freak Don Winslow sie bis ins innerste erörtert hat. Man kann ja schliesslich jederzeit querlesen.

Spannend: Der Gute und der Böse sind sich ähnlich

So schiesst sich Collins um den Erdball und jagt Abdullah Aziz, den Strippenzieher hinter dem Anschlag, der natürlich bereits den nächsten plant. Collins ereilt manchmal der Konflikt mit seiner Selbstjusitz, doch der ist für demokratisch geneigte Menschen nicht wirklich horizonterweiternd.

Spannender ist, dass sich Collins und Aziz, Jäger und Gejagter, zunehmend ähneln. Beide sind Mischungen aus Monstern und eigentlich ganz netten Kerlen. Die ganz Harten ganz weich, im Thriller von heute muss das so sein.

Also wird Aziz im Jardin de Luxembourg in Paris rührselig, als er dort die Kinder mit den Segelbooten spielen sieht. Richtig Angst bekommt er, als er merkt, dass Collins ihn mit seinen eigenen Waffen jagt. Er wird von Soldaten gesucht, doch unter dem Radar der Obrigkeit, in keinem Land ist er sicher. Das gleiche unberechenbare Rachebedürfnis verfolgt ihn, aus dem er selber tötet.

Zu diesem Zeitpunkt der Lektüre habe ich auch schon vergessen, dass Collins Trauer um seine Familie schrecklich nervt. Er lag zu Hause auf dem Sofa, trank Bier, nahm das Telefon nicht mehr ab und starrte leer in die Luft. Und dann gibt es immer mal im Buch kursiv gedruckte Backflashs an Strandmomente mit Kind und Frau. Hollywood Baukastensystem.

Aber weiter. Auch Worte wie «Dritte-Welt-Sumpfloch», von rauen Helden ausgestossen, lasse ich durchgehen, ich habe die Regeln intus, die hier herrschen. Als ich das Showdown hinter mich gebracht habe, ist es halb zwei Uhr morgens. Winslow: Hat Spass gemacht. Suhrkamp? Keine Ahnung.

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Don Winslow: Vergeltung. Suhrkamp, 491 Seiten.

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