Ironische Frauenpower aus Polen

Beim Auftakt der Basler Dokumentartage It’s The Real Thing war die Reithalle der Kaserne Basel bis zum letzten Platz gefüllt. Mit geballter Kraft und viel Ironie begeisterten die 25 Frauen aus Polen, die Marta Górnicka zur Sprech-Chor-Performance «Magnificat» zusammengefügt hat.

Geballte Kraft von 25 Frauen aus Polen zum Auftakt der Basler Dokumentartage It's The Real Thing in der Reithalle der Kaserne Basel (Bild: Krzysiek Krzysztofiak)

Beim Auftakt der Basler Dokumentartage It’s The Real Thing war die Reithalle der Kaserne Basel bis zum letzten Platz gefüllt. Mit geballter Kraft und viel Ironie begeisterten die 25 Frauen aus Polen, die Marta Górnicka zur Sprech-Chor-Performance «Magnificat» zusammengefügt hat.

Man kann sich mit Fug und Recht fragen, was das Projekt mit dem Titel «Magnificat» im Rahmen des Dokumentarfestivals in Basel zu suchen hat. Es handelt sich um Theaterkunst, die zwar einen Teil der polnischen Wirklichkeit abbildet, aber in ihrem Kern Kunst bleibt, welche die Grenze zur Realität nicht durchbricht.

Auch der Initiant und Leiter des Festivals, Boris Nikitin, wusste in seiner Eröffnungsansprache keine Antwort auf diese Frage. Aber vielleicht dachte er sich, dass man dieses Projekt einfach zeigen muss. Sollte er das gedacht haben, muss man ihm recht geben.

Denn der Sprech-Chor der 25 Frauen aus Polen – sie sind zwischen 23 und 75 Jare alt – ist eine Wucht. Dirigiert oder besser enthusiastisch angefeuert durch die Regisseurin Marta Górnicka gibt der Frauenchor ein sprechgesangliches Feuerwerk zum Besten, das in seiner technischen Präzision fasziniert und durch seinen inhaltlichen Hintersinn zugleich amüsiert und zum Nachdenken anregt.

Kinder, Küche, Kirche

Zu erleben ist ein fulminanter und mit viel Ironie durchwirkter Kommentar zum Frauendasein im erzkatholischen Polen, wo selbst Atheisten katholisch sind, wie zu vernehmen ist. Die beherrschenden Momente des weiblichen Alltags sind Kinder, Küche und Kirche, der Spagat im Spannungsbereich Hure oder Heilige.

In Flüsterpassagen, lauten Stakkato-Ausbrüchen und in chorischen Dialogen werden diese Bilder des Frauenalltags ausgebreitet und auf hintersinnig ironische Art sogleich auch wieder gebrochen. Wütiges Aufbrausen fliesst in Galgenhumor über, Verzweiflung in leisen Spott. Auf das Gebet folgt wollüstiges Hecheln und die Deklamation eines Kochrezepts für Koteletts.

Nach ausgesprochen packenden und kurzweiligen 50 Minuten mit sprechgesanglichen Höchstleistung mündet die Performance dann in einen überraschenden Schluss: Plötzlich stimmen die 25 Frauen, die man zuvor als energisch auftretende Durchschnittsfrauen erlebt hat, zum wunderschönen vielstimmigen Chorgesang an: zum «Magnificat», den Lobgesang Marias auf die Seele des Herrn, das in diesem Augenblick, so schön und eingängig es auch klingt, wie ein Resignieren daherkommt.

 

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