«John Gabriel Borkman» am Theater Basel: Ein grosses Bühnenereignis

Regisseur Simon Stone arrangiert Ibsens «John Gabriel Borkman» als Boulevardkomödie und erschafft so mit einem hinreissenden Starensemble ein grosses Stück Schauspiel- und Regietheater.

Eingeschneit: John Gabriel Borkman und seine Frau Gunhild (Martin Wuttke und Birgit Minichmayr)

(Bild: Reinhard Maximilian Werner)

Regisseur Simon Stone arrangiert Ibsens «John Gabriel Borkman» als Boulevardkomödie und erschafft so mit einem hinreissenden Starensemble ein grosses Stück Schauspiel- und Regietheater.

Es schneit im grossen leeren Raum auf der Bühne, der sich nach hinten und an den Seiten im Dunkeln verliert. Zwei Stunden lang rieseln die weissen Flocken auf den Boden, auf dem die Schauspieler knöcheltief im Schnee stecken. Oder gleich ganz verschwinden, um dann wie Figuren aus einem Beckett-Endspiel unvermittelt in Erscheinung treten.

In der Stückvorlage von Henrik Ibsen befinden sich die Figuren im Haus von Ella Rentheim, der Schwägerin der Titelfigur John Gabriel Borkman und Zwillingsschwester von Borkmans Frau Gunhild. Wir befinden uns im Wohnzimmer, wo Gunhild Borkman ihren weinerlichen Lebensschmerz im Alkohol ertränkt. Und im Prunksaal, wohin sich Borkman zurückgezogen hat. Seit acht Jahren schottet sich der ehemalige Bankier, der wegen veruntreuter Gelder (und als Folge eines Racheakts eines Nebenbuhlers) im Gefängnis sass, in diesem Raum von der Aussenwelt ab.

Die Verheerungen der Vergangenheit

Es ist eine Konstellation, die von eisiger Kälte, grosser Depression und abstrusen Selbstlügengebilden beherrscht wird. In diese platzt nun Gunhilds Zwillingsschwester Ella, die Frau, die Borkman einst geliebt, aber aus Karrierekalkül fallen gelassen hatte. Nun, von Krebs im Endstadion gezeichnet, sucht sie den Kontakt zu Borkmans inzwischen erwachsenem Sohn Erhard, den sie aufgezogen hatte.



Um Purgatorium des Lebens festgefahren: John Gabriel Borkmann und seine Familie (Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Max Rothbart, Nicola Kirsch, Caroline Peters)

Im Purgatorium des Lebens festgefahren: John Gabriel Borkmann und seine Familie (Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Max Rothbart, Nicola Kirsch, Caroline Peters). (Bild: Reinhard Maximilian Werner)

Drei weitere Nebenfiguren baut Ibsen geschickt in die Handlung, die eigentlich nicht wirklich eine ist, ein: Der von Borkman mit grosser Verachtung behandelte, einzig übriggebliebene «Freund» und Lebensversager Wilhelm Foldal, die angejahrte reiche Geliebte von Sohn Erhard und die geheimnisvolle Lolita-Figur Frida, die Borkmans Lebensschmerz mit der entsprechenden Musik untermalt.

Eine Boulevard-Tragödie

Ellas Erscheinen lässt nun die stetig schwelenden Verheerungen der Vergangenheit wieder aufbrechen. Es ist ein Reigen des seelischen Zerfalls, den Ibsen da arrangiert hat, depressiv, schwer, niederschmetternd. In der Basler Aufführung gibt es aber viel zu Lachen. Es ist natürlich ein Lachen, das – um die ein bisschen abgeschmackte Beschreibung zu benutzen – im Halse stecken bleibt. Die grosse Jämmerlichkeit wird zur Lächerlichkeit.

Der junge Hausregisseur Simon Stone, der zu Beginn der Schauspielsaison mit seiner Inszenierung von Tony Kushners «Engel in Amerika» sein grosses Talent unter Beweis gestellt hat, hat Ibsens Stück neu ge- oder überschrieben. Er hat die Handlung aus dem 19. Jahrhundert ins Internetzeitalter transferiert. Er lässt die Figuren in der Sprache von heute sprechen – von Google, Skype und Youtube –, ohne aber das Handlungsgerüst zu verändern. Und er hat Ibsens Tragödie zur bösen Boulevardkomödie transferiert.

Grandioses Ensemble

Verblüfft nimmt man im Zuschauerraum zur Kenntnis, wie gut das funktioniert. Das Internet, das laut Gunhild «um uns herum schwebt», vergisst nicht und spült die Schrecknisse der Vergangenheit stetig wieder an die Oberfläche. Die Datenwolke umhüllt alles und sorgt zugleich für ein Rauschen auf dem Röhrenbildschirm, dem einzigen Möbelstück auf der Bühne (Bühne: Katrin Brack), das im Dauerschneefall auf der übergeordneten Ebene seine Entsprechnung findet.

Die Transferierung auf die Boulevardtheaterebene ist ein Gang auf Messers Schneide und kann natürlich nur funktionieren, wenn das entsprechende schauspielerische Potenzial vorhanden ist. Und das ist voll und ganz da. Auf der Bühne sind grandiose Schauspielpersönlichkeiten zu erleben, ein Starensemble, das nicht nur mit grossen Namen glänzt, sondern restlos zu begeistern vermag.

Begeisternde Dreieckskonstellation

Als Zentrum der Aufführung stapft Martin Wuttke als menschenverachtender Zyniker mit strähnigen langem Haar und böse-vergrämtem Blick durch den Schnee – eine Mischung aus Shakespeare-Bösewicht, einem Lebensverächter aus einem Stück von Thomas Bernhard und einer Endspielfigur von Samuel Beckett. Ein hinreissend wüster Widerling ist da zu erleben.

Ihm zur Seite stehen, ebenso grandios gespielt, die beiden Zwillingsschwestern: Birgit Minichmayr als im weinerlichen Selbstmitleid versunkene Alkoholikerin Gunhild und Caroline Peters als die vom Krebs gezeichnete Ella, die verbissen darum kämpft, im elenden Zickenkrieg mit ihrer Schwester nicht noch den Rest ihrer Lebenswürde zu verlieren.

Diesem famosen Dreiecksgespann stehen gleichermassen überzeugende Nebenfiguren gegenüber. Allen voran Roland Koch als jämmerliche Versagerfigur Wilhelm Foldal, der ausgerechnet im Menschenverachter Borkman seine Lebensbestätigung sucht und damit natürlich durch und durch scheitert. Die oftmals eher kleingehaltene Nebenfigur wird hier zum Kabinettstück.

Dazu kommt Max Rothbart als Sohn Erhard, der sich nur in einem Akt grosser Verzweiflung aus der eisernen Umklammerung der beiden um seine Gunst kämpfenden Schwestern befreien kann, Liliane Amuat als die geheimnisvoll-laszive junge Blondine Frida und Nicola Kirsch als die abgeklärte Geliebte Erhards.

Ein Theater-Ereignis

Der Inszenierung von «John Gabriel Borkman» ist ein vielversprechender Ruf vorausgeeilt. Die Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater und den Wiener Festwochen wurde bereits bei der ersten Premiere in der österreichischen Hauptstadt im vergangenen Mai gefeiert. Die Inszenierung wurde im November in Wien überdies gleich mit drei Nestroy-Theaterpreisen ausgezeichnet: für die beste Regie (Simon Stone), die beste Hauptrolle (Martin Wuttke) und die beste Nebenrolle (Roland Koch).

Das ist natürlich schön für die internationale Reputation des neuen Basler Schauspiels, auch wenn da die Wiener Koproduzenten im Vordergrund gestanden haben düften. Letztlich aber ist es  egal. Wunderbar ist es in erster Linie, ein Theaterereignis dieser Güteklasse in Basel erleben zu dürfen. Jedem Zuschauer, jeder Zuschauerin, die die Basler Premiere mit frenetischem Applaus gefeiert haben, wird dieser Abend lange in bester Erinnerung bleiben.

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Hernrik Ibsen: «John Gabriel Borkman». Theater Basel, Grosse Bühne. Weitere Vorstellungen: 2., 4., 6., 26. und 29. Februar sowie im März.

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