Kein Licht ohne Schatten

Eine Ausstellung über Licht – dieser eigentlich unmöglichen Herausforderung stellt sich das Vitra Design Museum mit «Lightopia». Dabei ist ein Hochseilakt gelungen, weder zu technisch, noch zu allgemein.

(Bild: Tom Vack)

Eine Ausstellung über Licht – dieser eigentlich unmöglichen Herausforderung stellt sich das Vitra Design Museum mit «Lightopia». Dabei ist ein Hochseilakt gelungen, weder zu technisch, noch zu allgemein.

Um falsche Erwartungen gar nicht erst aufkommen zu lassen: Lightopia ist nicht primär eine Ausstellung über Lampen und Leuchten, sondern widmet sich dem übergeordneten Thema des Lichts. Nur einer der vier Teile umfassenden Schau ist deshalb historischen Entwürfen gewidmet. Dort werden in chronologischer Reihenfolge überwiegend Objekte aus den Beständen des Vitra Design Museums gezeigt, das im Laufe der letzten Jahre neben dem Sammlungsschwerpunkt des Sitzmöbels auch eine Kollektion von über tausend Leuchten angelegt hat.

Gerade angesichts dieser bislang verborgenen Schätze fällt die Präsentation der ikonischen Leuchten etwas flach aus – daran ändert auch die schöne Idee wenig, die einzelnen Epochen des modernen Lampendesigns mit einem Vorhang voneinander abzugrenzen, der scheinbar endlos durch den Raum mäandert – er soll wohl an die Fassadenelemente des unlängst fertiggestellten Saana-Baus auf dem Vitra-Campus erinnern. Dass vor dem weissen Hintergrund die meisten nur beschienenen, aber aus konservatorischen Gründen nicht selber leuchtenden Lampen mässig zur Geltung kommen, dürfte die Auswahl der Ausstellungsstücke mitbestimmt zu haben. Die im abgelöschten Zustand gut aussehenden Entwürfe dominieren das Feld, während etwa die skandinavischen Leuchten die Ausnahme bilden, obschon gerade dort interessante Antworten auf die Frage zu finden wären, welche Form von Licht eine Lampe im Wohnraum produzieren soll.

Die Ausstellung schafft einen Hochseilakt

Solche Defizite offenbaren eine Schwierigkeit, mit der sich jede Präsentation von Licht konfrontiert sieht und die wohl auch der Grund dafür ist, dass das Thema in Designmuseen und -publikationen so selten aufgegriffen wird: Der eigentliche Gegenstand – das Licht – bleibt unsichtbar und lässt sich nur indirekt zeigen. Physikalische Experimente böten zwar eine attraktive Ausweichmöglichkeit, um das Phänomen zu erklären, aber einer Institution, die Design vermitteln will, steht diese Option nur in sehr beschränktem Mass zur Verfügung. Gleichzeitig birgt die kulturgeschichtliche Bedeutung des Lichts eine kaum zu bewältigende Fülle an Material. Die Organisation einer Ausstellung zum Thema Licht gleicht damit einem Hochseilakt, bei dem der Absturz ins allzu Technische auf der einen und dem zu Allgemeinen auf der andern Seite droht.

Dieses Kunststück ist der Kuratorin Jolanthe Kugler auf überzeugende Weise gelungen: Innerhalb des beschränkten Raums, der zur Verfügung steht, bietet die Ausstellung ein übersichtliches, aber doch reichhaltiges Programm. Den Auftakt bildet eine Art grosse Dunkelkammer, in der einige der prominentesten Themen im Zusammenhang mit künstlichem Licht vorgestellt werden. Eindrucksvoll ist das eine ganze Wand überspannende Satellitenbild, das die Erde bei Nacht zeigt. Die mit weissen Punkten bespickten Landflächen geben nicht nur einen Eindruck vom schädlichen Überfluss an Licht, das der Mensch produziert, sondern auch von «schwarzen Kontinenten», wo die Lichtversorgung nicht gewährleistet ist und sich die Menschen mit improvisierten, aber teils um so kreativeren Installationen behelfen müssen.

Auch die mittlerweile im Jahresrhythmus erlassenen Verordnungen zum Energiesparen und das Verbot der traditionellen Glühbirne werden thematisiert – unter anderem im besonders pointierten Entwurf «Holonzki» von Ingo Maurer, der sich seit Jahren für den Erhalt der Glühbirne einsetzt und den verbotenen Glaskolben mittels eines Hologramms in die altertümliche Messingfassung mit Zugschalter projiziert.

Das Licht von Morgen

Im auf die Präsentation der Lampenklassiker folgenden Ausstellungsteil geht es um die Wirkung des Lichts. Im Zentrum steht dabei Carlos Cruz-Diez’ Installation «Chromosaturation», wo in drei Raumabschnitten intensiv gefärbtes Neonlicht nach kurzer Zeit Raum- und Farbwahrnehmung bis zur Orientierungslosigkeit verändern. Rund um diesen Ort der elementaren Lichtempfindung werden Bereiche gezeigt, die auf diesen basalen Mechanismen aufbauend Licht inszenieren und instrumentalisieren: Das Spektrum reicht vom Licht, das wie an den Eröffnungsfeierlichkeiten der Olympischen Spiele in Beijing zur Machtdemonstration genutzt wird, bis zur Unterhaltungsbranche, wo seine faszinierende Wirkung kommerziell genutzt wird. Die Rekonstruktion eines Nachtclubs ist hier zwar einen Tick zu hell ausgeleuchtet, als dass man sich wirklich in die späten sechziger Jahren zurückversetzt fühlen würde, aber Adriano Celentanos «Azzurro» lässt einen leicht darüber hinweghören.

Ein vierter Bereich schliesslich ist der nahen Zukunft in Sachen Licht gewidmet. Hier wird auf einer Art Labortisch eine Reihe von Entwicklungen vorgestellt, von denen wir erst in ein paar Jahren wissen werden, ob sie sich von der reinen Lichtutopie zur «Lichtopie» entwickeln werden. Gute Chancen dazu haben wohl die organischen Leuchtdioden, bei denen das Licht nicht mehr von einem bestimmten Punkt ausgeht, sondern eine ultradünne Fläche als Ganze gleichmässig zum Leuchten gebracht wird. Dagegen stecken die Bemühungen, die die luminiszierenden Eigenschaften von Lebewesen wie Algen oder Glühwürmchen für den Menschen nutzbar machen wollen, noch in den Anfängen. Man muss jedenfalls einen besonders düsteren Tag erwischen – nicht zufällig wurde übrigens die Ausstellung auf das Winterhalbjahr angesetzt –, um das unscheinbare Glimmen neben all den in kühlem Weiss gleissenden Dioden sehen zu können.

Was zählt, ist die Qualität des Lichts

Bei aller Faszination für solche technischen Errungenschaften der Lichtproduktion – am Ende der Ausstellung ist es die zurückhaltende Installation von Chris Fraser, die einem eindrucksvoll vor Augen führt, was einer der wichtigsten Lampenentwerfer des zwanzigsten Jahrhunderts nicht müde wurde zu betonen: Die zentrale Frage im Bereich des Designs müsse sich, so Poul Henningsen, um die Qualität des Lichts drehen und nicht so sehr um die Quantität. Der einer überdimensionierten Camera Obscura ähnelnde Raum Frasers macht anschaulich, worin diese Qualität des Lichts besteht und dass es einer präzisen Formgebung bedarf, um sie erfahrbar zu machen. Sie zeigt auch, dass Licht seine volle Faszination nur dann entwickelt, wenn es Schatten und Dunkelheit nicht eliminiert. So gesehen gäbe Frasers Installation durchaus Anlass dazu, die tragende Rolle der Ästhetik beim Energiesparen zu bedenken, womit wir – leider – bereits wieder bei den Utopien angelangt sind.

Die Ausstellung wird von einem gewohnt umfassenden Rahmenprogramm mit Workshops und Vorträgen begleitet. Publiziert wurde ausserdem ein bemerkenswert ausführlicher Katalog in drei Teilen, die sich mit Licht als kulturhistorischem Phänomen, den Klassikern des Lampendesigns und der Zukunft des Lichts auseinandersetzen.

Lightopia, Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 16. März 2014.

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