Kommt Ihnen dieses Bild bekannt vor?

Andrea Hildbrand malt Szenen, direkt aus dem Alltag heraus. Das Resultat sind intime Stadtbilder, die jeder Basler kennt.

Wenn das Restaurant zur Heimat wird: Spätabends im Restaurant zur Mägd.

Andrea Hildbrand malt Szenen, direkt aus dem Alltag heraus. Das Resultat sind intime Stadtbilder, die jeder Basler kennt.

Eine kleine Gruppe Menschen sitzt unter einer verknautschten Schweizer Flagge, vor ihnen ein paar Gläser. Sie unterhalten sich entspannt. Um sie herum diese dunkelrote Holztäfelung, die jeder einigermassen gastronomisch interessierte Basler kennt: Wir befinden uns im Restaurant zur Mägd, es ist spätabends, die anderen Tische sind bereits abgeräumt oder mit Resten bedeckt, die von den letzten Gästen hinterlassen wurden.

Es herrscht diese wohlige Stimmung des letzten Glases Rotweins zwischen guten Freunden. Diese Stimmung, die irgendwie nur in der «Mägd» und einer kleinen Handvoll anderer Basler Restaurants aufkommt. Eine Stimmung, der man nur beiwohnen kann, wenn man da arbeitet oder sich in besagter Gruppe befindet.

Es sei denn, Andrea Hildbrand war vor Ort.



Beobachtende Künstlerin: Andrea Hildbrand in der Rio Bar beim Barfüsserplatz.

Beobachtende Künstlerin: Andrea Hildbrand in der Rio Bar beim Barfüsserplatz. (Bild: Eleni Kougionis)

Die Basler Künstlerin nimmt diese intimen Momente auf und hält sie fest – erst per Handykamera und später in ihrem Atelier auf der Leinwand. Das Resultat sind berührende Momentaufnahmen aus Basler Beizen, nicht nur aus der «Mägd», auch vom «Chez Donati», der «Hasenburg», des «Grenzwerts» oder der Rio Bar.

Sonntagsruhe auf der Leinwand

In Letzterer sitzt Hildbrand heute – für einmal vor der Linse. Sie hat sich einen Kaffee bestellt und hockt entspannt auf der Bank am Fenster, da, wo vor ein paar Jahren das erste Bild ihrer Reihe «Menschen am Sonntag» entstand.

«Menschen am Sonntag» – nicht wegen des Wochentags, sondern wegen dieses Gefühls, dieser Ruhe, die der Sonntag innehabe. Sie schaut auf: Wissen Sie, wie ich meine? Man nickt. Wer die Serie gesehen hat, weiss, wovon sie redet: Von den Sonntagsbildern geht eine Ruhe aus, wie sie nur ein Tag bieten kann, der ohne anstehende Arbeit angegangen wird, ein Tag der Musse und Erholung.

Liebespaar im Grenzwert.

Liebespaar im Grenzwert.

Wie der Tag, an dem Hildbrand in der Rio Bar sass und zwei Männern beim Plaudern zuschaute. So schön sei das gewesen, dazu das einfallende Licht aus dem Fenster – das habe man einfach festhalten müssen! Sie lacht. Das Foto hat damals ihr Freund geknipst und eigentlich sei es fast noch schöner als das Bild, das später daraus entstand.

Der Zauber des Unspektakulären

Hildbrand hat Grafikerin gelernt, es ist heute noch ihr primärer Broterwerb, aber bereits an der Kunstgewerbeschule zog es sie immer wieder zur Malerei. Sie mochte, wie man mit Farben Stimmungen erzeugen, Haltungen und Eindrücke festhalten kann. Wie etwas passiert auf einem gemalten Bild, auch wenn eigentlich gar nichts passiert. Wie in «Menschen am Sonntag»: Da sind die Momente ganz unspektakulär, es geschieht wenig und doch ganz viel. Wie der verliebte Mann im «Grenzwert» seine Freundin anschaut! Keine Worte der Welt können diesen Blick beschreiben. 



Lässt ganz viel geschehen – mit ganz wenig: Andrea Hildbrand.

Lässt ganz viel geschehen – mit ganz wenig: Andrea Hildbrand. (Bild: Eleni Kougionis)

Das wusste auch Edward Hopper. Sein Name fällt immer wieder, wenn sich Betrachter Hildbrands Bilder anschauen. Der Vergleich liegt nahe: Der amerikanische Realist hat ähnlich berührende Szenen aus dem Stadtleben nachgemalt.

Hoppers stille, in Gedanken versunkene Figuren tauchen auch bei Hildbrand vereinzelt auf. Von der traurigen Melancholie, die Hoppers Motive oftmals prägen, ist bei ihr indes wenig zu spüren. Vielmehr ist da eine zufriedene Langmut am Werk, ja eben, die Sonntagsruhe. Das gilt auch für ein kleines, unaufgeregtes Bild der Serie: Zwei Männer sitzen bei einem Glas Wein in der «Hasenburg», sie blicken zufrieden vor sich hin, der eine sieht irgendwie bekannt aus.

Der links da, ist das nicht …?

Der links da, ist das nicht …?

Hildbrand lächelt. Das könne schon sein. Der grauhaarige Herr im Bild sei nämlich niemand anderes als Herr Hopper selbst.

Sie hat ihn kurzerhand ins Bild geschmuggelt. Jetzt sitzt er da, inmitten der Figuren, die den seinen so nahe kommen. «Eddy» nennt ihn Hildbrand im Titel locker, als sei er einer der «Hasenburg»-Stammgäste. Und tatsächlich passt der Künstler hervorragend ins Bild, auch wenn er seit knapp 50 Jahren tot ist.

Auch das macht den Zauber von Hildbrands Sonntagsreihe aus: Sie entzieht sich jeglicher Zeitlichkeit, die Szenen können genauso heute wie vor 50 Jahren stattgefunden haben. Wobei sich hier der nostalgisch verzückte Basler dann schon zu Wort melden würde: Die Rio Bar gabs damals noch nicht, das «Grenzwert» erst recht nicht!

Ist ja auch egal. Hildbrands Bilder atmen Heimat, und Heimat ist nicht an Zeit gebunden.

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Andrea Hildbrand malt auch noch ganz andere Bilder. Die sind zusammen mit den «Menschen am Sonntag» ab dem 11. Mai am Rheinsprung 1 zu sehen.

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