Kot, Jesus und Handgranaten

Radikales Gegenwartstheater oder ein religiöses Drama? «Sul concetto di volto nel figlio di Dio» von Romeo Castelluccis Kompanie Societas Raffaello Sanzio, aktuell am Festival Wildwuchs in der Kaserne Basel zu erleben, ist beides. Und steht für einen aufwühlenden Theaterabend, der lange nachhallt.

Der alte Mann und der erbarmunslose Erlöser (Bild: Klaus Lefebvre)

Romeo Castellucci führt dem Publikum mit seinem Bühnenprojekt «Sul concetto di volto nel figlio di Dio» die Pein der Entwürdigung des Menschen im Alter vor Augen. Und das auf brutal radikale Weise.

Man war gespannt auf dieses Gastspiel: In Paris und Wien hatte das Bühnenprojekt von Romeo Castellucci für Aufruhr gesorgt – und für Proteste christlicher Fundamentalisten. Ist das Stück mit dem kryptischen Titel «Sul concetto di volto nel figlio di Dio» («Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn») blasphemisch? Soviel vorweg: Beim anschliessenden Publikumsgespräch in der Kaserne Basel war man sich einig: Nein, blasphemisch ist es nicht. Ansonsten lagen die Theologen mit ihren Sichtweisen aber weit auseinander.

Der reformierte Münsterpfarrer und Theologieprofessor Lukas Kundert hat nach eigenen Angaben «ein geballt religiöses Stück» gesehen, während der katholische Abt des Klosters Mariastein, Peter von Sury, von einem Stück realistischem Theater sprach, dessen religiösen Dimension sich ihm nicht automatisch offenbarte.

Dies bringt uns zum einfachen Schluss, dass «Sul concetto di volto nel figlio di Dio» beides ist: Ein radikal realistisches Theater und ein höchst religiöses Drama.

Albtraum Alter

Castellucci und seine Kompanie Societas Raffaello Sanzio führen dem Publikum zum einen die peinvolle Zwangsbeziehung zwischen einem erwachsenen Sohn und seinem greisen Vater (Sergio Scarlatella und Gianni Plazzi) vor Augen. Sie zeigen, wie der Sohn an der Aufgabe, seinen inkontinenten Vater zu pflegen, und wie der Vater an der enormen Scham über seinen entwürdigten Zustand zerbrechen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erleben visuell, akustisch und sogar geruchlich mit, wie der greise Vater unter ermbärmlichem Wimmern wiederholt seine Windeln vollmacht, wie ihm der dünnflüssige Kot die Beine runterläuft und die weissen Designmöbel verschmutzt. Sie sehen, wie der Sohn mit der Reinigung seines Vaters und der Wohnung nicht mehr nachkommt, wie er den Vater zunächst liebevoll tröstet, bis auch ihn die Verzweiflung übermannt.

Nicht nur die Besucher sehen dies – auch Jesus, der von einem übergrossen Bildnis auf die Szenerie hinunter blickt. Nun, wirklich auf die Szenerie gerichtet sind die grossen dunklen Augen des vergrösserten Renaissance-Bildnisses «Salvator mundi» von Antonello da Messina nicht. Der «Retter der Welt» bleibt unbeteiligt, der scheinbar gütige Blick schweift am vorgeführten Einzelschicksal vorbei ins Unendliche. Im metaphorischen zweiten Teil bewerfen Kinder das Bildnis mit Handgranaten, aber erst zum Schluss zerfällt dieses. In leuchtenden Buchstaben erscheint der Schriftzug «You are my shepherd», der später mit einem «not» («You are not my shepheard») ergänzt wird.

Radikale Bildkraft

Castelluccis Theatersprache ist von einer höchst radikalen Direktheit. Er bedient sich einer hyperrealistischen Bildsprache, die frei ist von Sentimentalität und theatralischem Pathos, aber alles radikal zuspitzt. Es ist nicht die Tochter, die ihren schwer betagten Vater bis zur Selbstaufopferung pflegt (was eher der Normalität entsprechen dürfte), sondern der Sohn, ein arriviert wirkender Geschäftsmann, der sich eigentlich auf den Arbeitsweg machen müsste. Die Art und Weise, wie dieser Sohn mit überspieltem Ekel versucht, gleichzeitig seinen Vater und die weissen Designmöbel zu reinigen und zudem stets darum bemüht ist, sein weisses Businesshemd nicht zu beschmutzen, verstärkt den Eindruck, dass Fürsorge und Abscheu letztlich ganz nahe beieinanderliegen.

Gesprochen wird an dem einstündigen Abend wenig. Es sind die detailliert komponierten Bilder, die einem nahe gehen. Castellucci lässt einen das, im wahrsten Sinne des Wortes beschissene menschliche Elend auf der Bühne auf absolut explizite Art und Weise miterleben. Immer stärker breitet sich auf der Zuschauertribüne in der Reithalle auch der Gestank von Fäkalien aus. Da wirkt es geradezu befreiend, wenn gegen Schluss des Abends die Ausweglosigkeit der Situation aufgebrochen wird, und eine Gruppe von Kindern das Jesusbildnis unter lautem Getöse mit Handgranaten bewirft.

Aufwühlendes Theatererlebnis

«Sul concetto di volto nel figlio di Dio» ist ein Abend, der in seinem radikalen Hyperrealismus an die Grenzen des Erträglichen geht, aber keineswegs auf effekthascherische Provokation aus ist. Es ist ein intelligent und präzis komponiertes Stück Theater, das aufwühlt und lange nachhallt. Das Stück ist heute Montag, 28. Mai, noch einmal in der Reithalle der Kaserne Basel zu sehen.

 

Festival Wildwuchs
«Sul concetto di volto nel figlio di Dio»
Societas Raffaello Sanzio
Konzept und Regie: Romeo Castellucci
Mit: Gianni Plazzi und Sergio Scarlatella
Kaserne Basel, Reithalle
Nächste Vorstellung heute Montag, 27. Mai, 20.00 Uhr

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