Kultwerk #34: Pickelporno

Pipilotti Rist überzeugte schon früh mit jugendlicher Aufmüpfigkeit. Nun wird sie 50 Jahre alt.

Weiblichkeit im Zentrum: Der «Pickelporno» provoziert mehr durch seinen Namen als durch seinen Inhalt. (Bild: Video by Pipilotti Rist (video still) Courtesy the artist and Hauser & Wirth)

Pipilotti Rist überzeugte schon früh mit jugendlicher Aufmüpfigkeit. Nun wird sie 50 Jahre alt.

Auf Youtube muss sich registrieren, wer Pipilotti Rists «Pickelporno» sehen will: Zu gewagt scheint das Kunstwerk den Site-Betreibern – für Kinder ungeeignet. Ein Videofilm, der sich zum Höhepunkt steigert. In dem ein Liebespaar sich zum Liebesakt vereint. In dem man steife Brustwarzen, eine Vagina im Close-up und einen erigierten Penis sieht, wenn man nicht an den falschen Stellen blinzelt. Das Schlimmste, was passieren kann, wenn ein Kind diesen Film mitsieht, ist, dass es Fragen stellt. Für mehr sind die Bilder zu wenig explizit.

Die Brustwarzen, sie sehen aus wie Himbeeren durch die extreme Nähe der Kameralinse. Finger, Knie und andere Körperteile sind kaum mehr zuzuordnen, sie ver-mengen sich zu fremdartigen Strukturen. Die Vagina erinnert an eine Blume, jenes stetig präsente Gewächs in Rists bunten Filmen. Die Kamera imitiert den forschenden Blick des Partners, der über den Körper schweift, so wie Hände ihn streicheln.
Die grobkörnigen, leicht unscharfen Aufnahmen erhalten eine fast taktile Beschaffenheit. Gefühle werden ausgedrückt in schril­len Farben, und der Zuschauer kann sich verlieren in Rists Reich der Bilderspiele. Muscheln, Blumen oder Korallen wirken als erotisch aufgeladene Metaphern, ein Vulkanausbruch steht stellvertretend für den Orgasmus.

Rist beschrieb den «Pickelporno» immer wieder als einen Versuch, eine weibliche Vorstellung von Erotik kulturell zu verankern, bei der der Körper des Mannes als positives und kreatives Lustobjekt gesehen wird. Diese weibliche Position, die in ihren Videoarbeiten eingenommen wird, war 1992 noch ziemlich neu. So war es kein Wunder, dass Pipilotti Rist mit dem «Pickelporno» nicht nur bekannt wurde, sondern regelrecht Aufsehen erregte. Rist interessiert sich immer für die Hingabe an das Leben, und das Ziel des «Pickelporno» war es, sexuelle Empfindungen zu visualisieren.

Der Videofilm tut dies mit viel Leichtigkeit und mit einer Prise feinen Humors, der sich schon im Titel spiegelt und der in der visuellen Sprache immer wieder durchdringt.

Um Pornografie jedenfalls geht in diesem Werk in keiner Weise. Zwar werden die Körper exhibitionistisch zur Schau gestellt, zwar bleibt alles im Auge des Betrachters, doch es bleibt kein Raum für Voyeurismus oder gar Schamgefühle. Auch auf Youtube nicht.

Elisabeth Rist, wie Pipilotti mit bürgerlichem Namen heisst, wurde am 21. Juni 1962 in Grabs (SG) geboren. Sie studierte in den Achtzigerjahren in Basel und kam bald bei der Galerie Stampa unter, die ihr 1993 eine Einzelausstellung einrichtete. Damit begann der Aufstieg der St. Galler Künstlerin. Heute gehört sie zu den Top Ten der weltweit besten Künstler. Im Kunstmuseum St. Gallen ist noch bis Ende November 2012 eine Retrospektive mit Rists Werken zu sehen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 15.06.12

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