Kultwerk #7: Some Girls

Das vielleicht letzte grosse Album der Rolling Stones erlebt seinen zweiten Frühling.

Die Stones 1978: Eine Band behauptet sich zwischen Disco und Punk. (Bild: zVg)

Das vielleicht letzte grosse Album der Rolling Stones erlebt seinen zweiten Frühling.

Ich hatte sie ein bisschen vergessen, diese Schallplatte. Es lag nicht an der Aufmachung, auch nicht an den Aufnahmen, sondern an der Aufbewahrung. Vor einigen Jahren, in einem heissen Sommer, liess ich mein Exemplar achtlos in der Balkonsonne liegen. Seither führten die Stones beim Abspielen einen unerträglichen Eiertanz auf. Das Vinyl hatte sich verbogen.

 

Some Girls: Die neu erschienene Deluxe-Edition birgt schönen Mehrwert.

Some Girls: Die neu erschienene Deluxe-Edition birgt schönen Mehrwert. (Bild: zVg)

Dass sich die britische Rockband selbst verbogen hatte, das fürchteten ihre Fans, als «Some Girls» 1978 auf den Markt kam: nicht genug, dass die Stones sich auf dem Cover in Travestie übten. Zur Eröffnung des Albums hauten sie auch noch gradlinig auf die Pauke: Schlagzeuger Charlie Watts und Bassist Bill Wyman pumpten in «Miss You» einen 4/4-Takt so furztrocken durch, dass sich die Anhänger besorgt fragten, ob das Disco-Fieber jetzt auch ihre Vorzeigerebellen erfasst hatte. Zumal diese im Refrain auch noch in der Kopfstimme feminine «Ooooh»-Chöre säuselten. Da kräuselte sich der Schnauz jedes tätowierten Töff­fahrers: Sind das noch meine Stones?

Für Entwarnung sorgte die Band gleich mit Song Nummer 2: Im Lied «When the Whip Comes Down» schwingen die Briten in alter Manier die Peitsche. Und in Song Nummer 6, «Far Away Eyes», lassen sie die Slide-Gitarren heulen, als wären sie auf einem Highway in den Südstaaten ausgesetzt worden. Jagger mimt zu diesen Country­klängen den Prediger, schwärmt von einem Mädchen, erwähnt einen Lastwagenfahrer – na also, ganz haben sich die Stones offenbar nicht im New Yorker Disco-Teich verloren!
Dazu muss man wissen: Die Stones hatten sich in den Jahren zuvor in eine zerfahre Situation manövriert: Die Motoren waren mit sich selber beschäftigt, Keith Richards dem Heroin und Mick Jagger dem Glamour verfallen. So mussten sie mitansehen, wie die Trends an ihnen vorbeizogen und sie uralt aussehen liessen.
Das stachelte die ehrgeizigen Briten an: Sie nahmen sich vor, den Disco-Queens klarzumachen, dass sich auch zu Rhythm ’n’ Blues tanzen lässt. Und den Punks zu zeigen, wo der Rotz herkommt.
Die Stones gaben sich nicht geschlagen, und das hört man dem heterogenen Album an: «Lies» überrascht durch sein schnelles Tempo und Jaggers Schreigesang. «Beast of Burden» wiederum ist eine gefühlvolle Midtempo-Nummer mit prächtigen Harmonien, die heute zu den Stones-Klassikern gezählt werden darf – auch wenn sie heute öfter in der Version von Bette Midler (1983) am Radio zu hören ist.
Dieses vielleicht letzte grossartige Stones-Album ist jetzt in einer Deluxe-Version erschienen, begleitet von einem prächtigen Buch und raren Bonus-Songs. Was will man sagen? Man könnte meinen, Weihnachten stehe vor der Tür.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 09/12/11

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